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29.01.2005

Kultur-Vielfalt bewahren

von Frank Quilitzsch TLZ

Jena. (tlz) Das Interesse an Thüringer Autoren sei gewachsen. Die Schulen zeigten immer mehr Interesse an literarischer Werkstattarbeit. Und durch die vom Kultusministerium ausgelöste und bereits ins zweite Jahr geführte Initiative "Lust auf Lesen" sei viel in Bewegung gekommen. So das Fazit des Thüringer Lese-Zeichen e. V., der in der vergangenen Woche seinen neuen Vorstand wählte. Zugleich ist die Diskussion darüber entbrannt, wie das literarische Leben in seiner Vielfalt und Qualität trotz finanzieller Einschnitte erhalten werden kann. Der als Förderverein des Thüringer Schriftstellerverbandes gegründete Lese-Zeichen e. V. streckt seine Fühler in verschiedene Richtungen. Wir sprachen darüber mit dem alten und neuen Geschäftsführer, dem Literaturwissenschaftler und Kulturmanager Dr. Martin Straub.

Herr Straub, droht dem literarischen Leben in Thüringen der Kahlschlag?

Zunächst muss man konstatieren, dass wir im vergangenen Jahr auf der Woge des Kulturpreises so viele Veranstaltungen wie noch nie hatten. Die Synergieeffekte, die sich aus der Zusammenarbeit mit anderen Vereinen und Kulturträgern ergeben, sind höher denn je, und man sollte überlegen, wie man sie noch effektiver nutzt. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Schreibende Schüler des Jenaer Jugendtreffs "Klex" haben in Zusammenarbeit mit der Ernst-Abbe-Bücherei Geschichten geschrieben, die sie unter dem Titel "Der Superhamster von Lobeda" selbst illustriert haben. Autoren wie Rainer Hohberg, Verena Zeltner, Annerose Kirchner, Matthias Biskupek und Gisela Kraft arbeiten regelmäßig mit jungen Schreibtalenten. Das ist der beste Weg, um aus dem Pisa-Dilemma heraus zu kommen. Wenn aber auf der anderen Seite immer mehr Jugendclubs und Bildungsvereine schließen müssen, weil das Land kein Geld mehr gibt, wird das schlimme Folgen haben, auch politisch - bis hin zu einem Rechtsruck, wie er in Sachsen bereits zu beobachten ist. Beide Seiten, sowohl die freien Träger als auch die Ministerien, stehen da in der Verantwortung.

Was tun, wenn die Mittel gekürzt werden?

Man muss alles tun, um das über die Jahre Gewachsene zu bewahren und zu verteidigen, denn es ist ein wichtiges Stück öffentlicher demokratischer Kultur, das hier nach der Wende entstanden ist. Die Leute haben hier etwas aufgebaut, was sich sehen lassen kann.

Zum Beispiel?

Die vielbändige "Edition Muschelkalk" der Literarischen Gesellschaft - die ist bundesweit einmalig. Der Friedrich-Bödecker-Kreis mit seinem enormen Netz von Schullesungen. Was wir mit der Literaturburg Ranis und den Autorentagen geschafft haben. Der vom Jenaer Kulturamt getragene Lesemarathon in der Ernst-Abbe-Bücherei. Nicht zu vergessen die Arbeit der vielen Bibliotheken im Land. Die Frage, ist das noch zu halten, kann ich nur mit dem Satz beantworten: Man muss es erhalten!

Bedeutet dies, dass Sie bei der Finanzierung neue Wege gehen?

Eine Schlüsselfrage ist, wie sich bei der Literaturförderung öffentliche Hand und Sponsoren effektiv ergänzen. Ich glaube, hier ist uns einiges gelungen. Ohne starke Partner wie die Thüringer Stadtwerke Jena-Pößneck, GGP Media, die Sparkassen-Stiftung Hessen-Thüringen, das Thüringer Stahlwerk oder Jena Wohnen - um nur einige zu nennen - lassen sich unsere Projekte nicht mehr verwirklichen. Die Vereine selbst müssen intensiver zusammenwirken. Jeder kann sich an uns wenden; wir sehen uns diesbezüglich als vernetzende Instanz ...

Der Lese-Zeichen e. V. ist aber kein Dachverband.

Nein. Wir sind ein Verein, der sich anderen zur Zusammenarbeit anbietet. Sei es das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, die Landeszentrale für politische Bildung oder jede Bibliothek im Land. Nehmen wir nur die diesjährige Herbst-Lesereihe in Weimar, die Schiller gewidmet ist und zu der wir u. a. Volker Braun und Friedrich Dieckmann erwarten - wer da alles zusammenarbeitet: das Kulturamt, die Musikhochschule, die Stiftung Weimarer Klassik und wir natürlich. Nur so kann man solche Veranstaltungen bewahren.

Wie weit sind die Vorbereitungen für die Thüringer Literatur- und Autorentage?

Es wird einen hochkarätigen Auftakt am 23. und 24. Juni geben, dazu laufen aber noch die Gespräche. Viele Veranstaltungen richten sich wieder an Kinder und Jugendliche. Einen Schwerpunkt bildet Schiller: Dieter Kühn wird seinen Band über Schillers Schreibtisch aus Buchenwald vorstellen, es gibt "Wilhelm Tell" als Puppentheater, einen Balladenabend mit dem Kieck-Theater und mit Bas Böttcher und Christian Weirich zwei Rapper, die Schiller-Texte auf moderne Weise interpretieren. Mit dem Jenaer Weirich wollen wir auch eine CD produzieren.

Wie geht es weiter mit der Literaturburg Ranis?

Wie uns die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten mitteilte, wird die Burg in den kommenden Jahren ausgebaut, und damit wachsen die Veranstaltungsmöglichkeiten. Dann stehen wir vor neuen Herausforderungen, die wir nicht allein meistern können.