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26.10.2002

Kritik im Kriminalroman

TLZ

"Bella Block"-Autorin Doris Gercke liest in Jena

Gesellschaftskritik lässt sich nach Ansicht der Schriftstellerin Doris Gercke ("Bella Block") gerade in Kriminalromanen wunderbar unterbringen. "Das Genre eignet sich sehr, um unsere gesellschaftlichen Verhältnisse zu beschreiben", sagte Gercke kürzlich in einem Gespräch in Marburg. Dort las die in Hamburg lebende Autorin aus ihrem jüngsten Buch "Bella Ciao". Kriminalromane, früher häufig als Trivialliteratur kritisiert, hätten mittlerweile eine "erhebliche Breitenwirkung" erreicht, meint die Schriftstellerin.

"Bei mir ging es darum, dass ich gelesen werden wollte mit meinen kritischen Überlegungen. Ich wollte nie für Intellektuelle schreiben, die ja die Gesellschaft sowieso kritisch sehen. Ich wollte für normale Leute schreiben, immer." Es sei ein Phänomen, dass "Frauenkrimis" mit weiblicher Hauptfigur und einer weiblichen Sicht auf die Gesellschaft seit Jahren reißenden Absatz fänden.

Das hängt nach Gerckes Einschätzung auch mit dem Ende der Frauenbewegung zusammen. "Die Frauenbewegung war vorbei, und die Frauenkrimis machten auf einmal den Riesenboom", sagte sie. Es habe für Frauen plötzlich keine andere "politische und praktische Bewegungsmöglichkeit" gegeben, "aber ihre Träume waren noch nicht erledigt - da passiert es leicht, dass man Träume in Bücher überträgt."

Mit der Protagonistin ihrer Kriminalromane, der selbstbewussten und widerborstigen Ermittlerin Bella Block, hat die Autorin eine Kunstfigur geschaffen, die die Emanzipation ernst nimmt.

Die Kritik, dass sie dabei sehr hart gegenüber Männern sei, habe sie nie nachvollziehen können. "Das hängt damit zusammen, dass man lange Zeit nicht gewöhnt war, Männer so zu sehen, wie sie wirklich sind - dass man sie genauso kritisch anschaut wie Frauen auch", sagte Gercke.

Mit ihrem jüngsten Bella-Block-Roman will die Autorin die populäre Reihe voraussichtlich abschließen. Um Distanz zu ihrer Hauptfigur zu schaffen, habe sie bereits - als "Befreiungsschlag" - einen Roman unter Pseudonym veröffentlicht.

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Lesung: 10. November, 19.30 Uhr, Ernst-Abbe-Bücherei Jena