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09.10.2003

Knappe Kassen, teure Verbündete

von Frank Quilitzsch TLZ

Jena. (tlz) In der "Allee der Gerechten" im israelischen Yad Vashem erinnern Bäume an Menschen, die Juden das Leben gerettet haben. Dazu gehören die Eltern der Politikerin und Fernsehjournalistin Cornelia Schmalz-Jacobsen. In "Zwei Bäume in Jerusalem" erzählt sie deren Geschichte, die auch die ihrer eigenen Kindheit ist.

Der Schriftsteller Steffen Mensching hat 1999 in New York 4000 Bände einer jüdischen Emigrantenbibliothek erworben und Nachforschungen über die Wege einzelner Bücher und deren ehemaliger Besitzer angestellt. In seinem Roman "Jacobs Leiter" erinnert er an die bewegenden Schicksale der Emigranten.

Literatur als humanistisches Gedächtnis - nur zwei von insgesamt 17 Veranstaltungen des diesjährigen neunten Jenaer Lesemarathons, der vom 3. bis 15. November von der Ernst-Abbe-Bücherei gemeinsam mit dem Lese-Zeichen e. V. und dem Neuen Lesehallen Verein veranstaltet wird. "Wenn es eine Klammer zwischen den von Thema und Genre sehr verschiedenen Lesungen gibt, dann eine politische", erklärte Angela Schubert von der Abbe-Bücherei bei der Vorstellung des Programms. Das Politische ist keineswegs vordergründig pragmatisch, sondern als Zeit- und Geschichtsbewusstsein gefasst, wie es sich in der von der Stadt mit Jenaer Schülern vorbereiteten Ausstellung "Anne Frank - eine Geschichte für heute" (15. 11. bis 15. 12., Fachhochschule Jena) niederschlägt.

Da korrespondiert zum einen die Lesenacht des Theaterhauses Jena (9. November, Volksbad) mit diesem Projekt: Jenaer Schauspieler lesen aus der Dokumentation "Stimmen aus Buchenwald" von Wulf und Holm Kirsten. Zum anderen sind neben den eingangs erwähnten Lesungen von Schmalz-Jacobsen (Marathon-Auftakt, 3. 11.) und Mensching (5. 11.) auch die Auftritte von Jens Sparschuh (4. 11.), Richard Wagner (8. 11.), Jens Reich (11. 11.), Feridun Zaimoglu (12. 11.) und Peter Merseburger (13. 11.) belletristische bzw. essayistische Beiträge zu brisanten gesellschaftlichen Fragen. In der Autobiografie der Schauspielerin Angelica Domröse "Ich fang mich selbst ein" (14. 11., Volkshaussaal) durchdringen einander private und politische Erfahrungen in Ost und West. Und dass sich Aufklärung durchaus mit heiteren literarischen Darstellungsformen verträgt, beweist Matthias Biskupek in seinem Kompendium "Was heißt eigentlich DDR?" (15. 11.).

Ein Themenabend zu Brasilien (7. 11., Kino Schillerhof) und eine öffentliche Diskussion über literarische Neuerscheinungen (parallel dazu in der Abbe-Bücherei) sowie der Auftritt von Reinhold Messner (10. 11., Volkshaussaal) runden das Programm ab. Besonders für Familien zu empfehlen: Der Kinderbuchillustrator Manfred Bofinger stellt seinen "Dicken Hund" vor (15. 11.), und Hanno Loyda erinnert an den Komiker Heinz Erhardt (6. 11.).

Ein Marathon dieser Dimension sei angesichts knapper öffentlicher Kassen ohne Verbündete nicht mehr zu bewältigen, sagte Angela Schubert. Neben dem Volkshaus, den Stadtwerken Jena-Pößneck und vielen lokalen Vereinen und Buchhandlungen unterstützen die Thüringer Landeszentrale für politische Bildung und die Friedrich-Naumann-Stiftung das Jenaer Lesefestival.