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04.07.2007

Knabe-Bücherei aus dem Laptop

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Es ist, als würde man ein vergangenes Zeitalter betreten: Neben der Tür grüßt ein Rundfunkempfänger der Marke "Olympia". An den Wänden Jugendstilzeichnungen und ein Bücherregal, auf dem massiven Schreibtisch ein handfester Brieföffner und ein schwarzes Telefon mit Wählscheibe. "Alles original", versichert Steffen Knabe. Ob die Dinge von seinem Urgroßvater stammen, dem Verlagsgründer Karl-Friedrich Knabe (1877-1962), dessen Ölporträt über ihm hängt, oder von einem der beiden Knabe-Brüder, die das Unternehmen zu DDR-Zeiten leiteten, lässt der junge Mann offen. Knabe, war das nicht auch mal Knabes Jugendbücherei? "Bitte", sagt Steffen Knabe und weist auf das Regal, "bedienen Sie sich!"
Dort steht, sorgfältig sortiert, das verlegerische Erbe. Dutzende Bände Kinder- und Jugendliteratur, liebevoll illustriert und im ansprechenden Reihen-Format. "Die sind heute nur noch in Bibliotheken und Antiquariaten zu bekommen", sagt Steffen Knabes Kompagnon Denis Wollenhaupt. Ausgaben aus Knabes Jugendbücherei seien sehr beliebt und würden heute zu hohen Preisen gehandelt.

Ein Grund mehr, den 1932 gegründeten, nach dem Krieg neu profilierten und 1984 geschlossenen Verlag wieder zu erwecken. Steffen Knabe und Denis Wollenhaupt wagen diesen Schritt gemeinsam: Nach 23-jährigem Dornröschenschlaf erwacht der Knabe Kinder- und Jugendbuch Verlag Weimar zu neuem Leben. Im urgroßväterlichen Ambiente, doch unter modernsten technischen Bedingungen.

Nicht der schnarrende Telefonapparat, sondern Laptop und Handy ebnen dem Neustart den Weg. Auch wenn die Ziele sich nicht geändert haben, trägt die erste Herausgabe jetzigem Zeitgeschmack Rechnung: Unter dem Titel "Neues aus der Wunderkiste" ist ein Hörbuch mit Kinder-Geschichten von vier Autoren erschienen. Bekannte Thüringer Radiomoderatoren lesen die Texte, die von einer kleinen Hexe, der roten Lok, Robert Siebkopf und dem Zahnwehmännlein handeln.

Kinder-Hörbücher und Jugend-Reihe

Die in die Fußstapfen ihrer Vorgänger tretenden Herausgeber verfolgen eine Doppelstrategie: Wiederauflage ausgewählter Jugendbuchklassiker auf der einen und Förderung neuer Kinderbuchautoren auf der anderen Seite. Man bekomme jede Menge Manuskripte ins Haus, erklärt Wollenhaupt. "Wir wollen aber die Region fördern und suchen deshalb in erster Linie Thüringer Kinder- und Jugendbuch-Autoren."

Im neuen Knabe-Verlag Weimar in der Triererstraße 65 rangiert das Hörbuch vor dem gedruckten Exemplar. Das sei ökonomischer, und auf diese Weise wolle man erst einmal testen, wie ein Werk bei den Lesern, pardon, Hörern ankommt. Die erfolgreichen Autoren würden anschließend in der neuen Knabe-Buchedition erscheinen, versprechen die Verleger.

Noch in diesem Jahr soll die erste Reprint-Ausgabe aus der alten Jugendbücherei auf den Markt kommen: "Aras und die Kaktusbande" aus dem Jahre 1982 von Wolfgang Held. Von dem Weimarer Schriftsteller sind insgesamt vier Jugendbücher im Knabe-Verlag erschienen.

"Die Reihe war sehr preiswert und traf ziemlich genau das Interesse der jungen Leser zwischen acht und sechzehn Jahren", erinnert sich Held. "Und sie war deshalb so beliebt, weil die Knabe-Brüder und der Lektor Hans-Joachim Malberg tunlichst jegliche Didaktik vermieden." Als eines von wenigen Privatunternehmen in der Branche hatte es der Knabe-Verlag in der DDR nicht leicht. Das Papier wurde ihm kontingentiert, so dass die Auflagen limitiert werden mussten. Als 1983 mit Wolfgang Knabe der zweite der beiden Brüder starb, war niemand mehr da, der das traditionsreiche Familienunternehmen weiterführen konnte.

Literarisches Interesse, Gespür für den Markt und eine gehörige Portion Idealismus sind nötig, um sich heute auf dem Buchmarkt zu etablieren. All dies bringen Steffen Knabe (29) und Denis Wollenhaupt (31) mit. Der Sozial- und Medienwissenschaftler Wollenhaupt hat in Göttingen und Ilmenau studiert und betreibt nebenbei eine EDV-Firma. Der Urenkel des Verlagsgründers verdient derzeit als Produktionsfahrer für renommierte internationale Filmunternehmen das nötige Startkapital für den Verlag.

Er bewundere den Mut der jungen Verleger, meinte Wolfgang Held, und er wünsche den beiden, "dass sie kritisch bleiben und sich auch von gelegentlichen Misserfolgen nicht abschrecken lassen".

i Info und Kontakt über Tel. (03643) 776561 oder Internet www.knabe-verlag.de