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20.10.2006

Kleines Jahrhundertwendewerk

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar/Jena. (tlz) Ende 1999, vor nunmehr sieben Jahren, hat es angefangen: In Weimar verschwanden Telefonzellen. Nein, nicht klammheimlich über die polnische Grenze. Sie wurden am hellichten Tage von Telekom-Mitarbeitern abmontiert. Nun gut, dachte ich, der ich zufällig Zeuge war, Telefonzellen werden halt nicht mehr gebraucht. Es telefoniert doch sowieso schon jeder mit seinem Handy. Aber irgendwie taten sie mir leid, die kleinen, gläsernen Häuschen, vor denen wir früher Schlange standen. "Ein jegliches hat seine Zeit", notierte ich im Redaktionsstübchen. "Nicht nur Tiere und Pflanzen sterben aus. Auch Gegenstände gehen verloren ..."
Die ersten Dinge, auf die ich einen Nachruf verfasste, waren Schallplatte, Rechenschieber, Teppichklopfer, Kohlenherd und Liebesbrief. Die Kollegen schmunzelten. Sie ahnten nicht, dass soeben ein kleines Jahrhundertwendewerk geboren wurde: die Rote Liste. Mittlerweile hat sie mehr als hundert Fortsetzungen in der TLZ-Wochenendbeilage "Treffpunkt" erfahren. Morgen erscheint die 105. Folge. Vielleicht werde ich die Liste damit abschließen, wohl wissend, dass sich das Verschwinden weiterer Gegenstände und Bräuche nicht aufhalten lässt.

Vor wenigen Tagen habe ich meine Audio-Kassetten in Kartons gepackt, um Platz für neue CDs zu schaffen, und die Kartons in den Keller verfrachtet, wo die Tonbänder meiner Jugend in ihren Papphüllen bereits vor sich hin schweigen. Die Schallplatten stehen bei mir zwar noch im Regal, doch abgespielt werden sie nur selten.

Ich bin kein Nostalgiker, ich wünsche mir nicht das Waschbrett, den Aschekasten oder das Plumpsklo zurück. Der Fortschritt, der so heißt, weil er immerfort Neues auf den Markt wirft und Veraltetes verdämmern lässt, erleichtert uns das Leben. Doch verändert er mit den Dingen auch den Menschen und schafft neue Abhängigkeiten. Kein Grund, gegen Windmühlen anzufechten, doch halte ich es gern mit Erwin Strittmatter, der überall, wo ein Plus ist, auch ein Minus sah.

"Die Tassen müssen sich doch freuen!"

Vor vier Jahren sind meine ersten 50 Kolumnen als Buch unter dem Titel "Dinge, die wir vermissen werden" im Leipziger G.Kiepenheuer-Verlag erschienen, die Auflage ist vergriffen. Ob nicht bald ein Fortsetzungsband erscheint, wurde ich immer mal wieder gefragt und kann nun antworten: Das "Sammelsurium" mit 40 neuen und den besten 30 Geschichten des ersten Bandes befindet sich seit gestern auf dem Weg in den Buchhandel. Die Seiten des Bandes sind gespickt mit humoristischen Vignetten von TLZ-Karikaturist Nel, mit dem mich eine lange, kreative Zusammenarbeit verbindet. Ich möchte auch nicht versäumen, einen Grundsatz meines 1996 verstorbenen älteren Schriftstellerfreundes Reinhard Lettau zu erwähnen: "Die Tassen müssen sich doch freuen!" Der aus den Staaten heimgekehrte Ur-Erfurter hat mein Interesse an den scheinbaren Kleinigkeiten des Lebens geweckt. Jedes Ding, meinte Lettau, habe seine Geschichte und, wie Vergil sagt, "auch Tränen". Er verriet mir, dass er einmal ernsthaft versucht habe, sich in eine Tasse hinein zu versetzen - natürlich nur gedanklich. Anschließend fing er an, sich Notizen zu machen.

Ich versuche, mich zu erinnern - an meine Schreibmaschine "Erika" und meine erste Rollfilm-Kamera, eine "Pouva Start", an den Milchladen um die Ecke und die Zeit, in der ich als Telegramm-Bote ausgeholfen habe, auch daran, wie es sich in einer Großfamilie lebte. Die Dinge, die ich vermisse, werden nicht durch ihre bloße Beschreibung, sondern erst durch das Erzählen jener Begebenheiten lebendig, die wir mit ihnen erlebt und erlitten haben. So sind diese Nachrufe nicht zuletzt Lobeshymnen auf unser Improvisationstalent, kleine Heldenstücke, die von der Bewältigung des Alltags vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren handeln.

Die Veränderungen vollziehen sich immer rasanter. Meine Tippse ("Erika") hat noch jahrzehntelang Schreiberglück und -leid mit mir geteilt. Ihre elektrische Nachfolgerin musste beinahe unbenutzt dem omnipotenten PC weichen. Inzwischen tippe ich auf einem Laptop. Was ich am meisten vermisse? Den Apfelduft und den Glückspfennig. Und, natürlich, den Sendeschluss. Allen verbliebenen Telefonzellen wünsche ich noch ein paar ruhige Tage. Wir brauchen euch noch - als Zufluchtsort. Wohin sonst kann man sich vor Handybenutzern retten?

i Ab heute im Handel: Frank Quilitzsch: Weißt du noch? Ein Sammelsurium der Dinge, die wir vermissen. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 221 S. mit 20 Vignetten von Nel, 7.95 Euro.

Buchpremiere: Mittwoch, 25. Oktober, 19.30 Uhr, Kleiner Saal im Volkshaus Jena