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26.08.2014

Kleine Thüringer Orte - ein Buchprojekt der Geraerin Annerose Kirchner

von Angelika Bohn Ostthüringer Zeitung

Die Autorin Annerose Kirchner am Ortseingangsschild von Schwanditz, Ortsteil von Göllnitz im Landkreis Altenburger Land. Foto: Junghannß

Gera. Schwanditz ist eine Straßensiedlung an der L 1361 zwischen Schmölln und Meuselwitz. Mit 59 Einwohnern ist der Ortsteil von Göllnitz im Altenburger Land für das neue Buchprojekt von Annerose Kirchner fast etwas überbevölkert.

Seit gut einem Jahr sucht die Geraer Autorin nach "kleinen Orten". Dabei hat sie so versprengte Häuseransammlungen wie eben Schwanditz im Auge. Das kann immerhin auf eine urkundliche Ersterwähnung als Zventz (heiliger Ort) aus dem Jahr 1140 verweisen. In der Urkunde ist auch eine Kapelle erwähnt, Mauerreste aus dem 16.Jahrhundert finden sich im Herrenhaus des eindrucksvollen Rittergutes. Im Laufe der Jahrhunderte war es mehrfach abgebrannt, seit 1760 hat es über dem ehemaligen Kuhstallgebäude einen Laubengang mit rekordverdächtigen 23 Bögen aufzuweisen.

Wie findet man so einen kleinen Ort? Man sucht auf der Landkarte. Das ist eine Möglichkeit. Doch Schwanditz war ein Tipp, den Annerose Kirchner bekam, als sie die Schwiegertochter von Hans Herbert Grimm in Altenburg interviewte, um mehr über den Autor zu erfahren, der 1929 einen biografisch geprägten Roman über den Ersten Weltkrieg geschrieben hatte. "Grimm und Schlump" waren damals so bekannt wie Remarques "Im Westen nichts Neues", gerieten dann aber in Vergessenheit und wurden erst kürzlich wiederentdeckt. Christa Grimm ist mit der Familie verwandt, der das in der Bodenreform enteignete Rittergut 1990 rückübertragen wurde und die dort Landwirtschaft. einen Hofladen und eine Pension betreibt. Neun Sorten Kartoffeln, auch alte und farbige, wachsen auf den Feldern um das Rittergut und werden mit anderen Produkten aus der Umgebung im Hofladen vermarktet.

So richtig abgelegen, meint Annerose Kirchner, war Schwanditz sicher nie. Nur 9 Kilometer ist es bis in die Kreisstadt Altenburg. Selbst zu Fuß eine Strecke, über die sich noch vor einem halben Jahrhundert keiner beklagt hätte. Mit dem Auto erst recht ein Klacks. Trotzdem war und ist die Ansiedlung abgeschieden genug, um einen eigenen gesellschaftlichen Kosmos zu bilden. Ihn zu erfragen und zu beschreiben, ist genau das, was die Autorin an ihren kleinen Orten interessiert. Wie verankert sind die Bewohner in der Geschichte? Welche Spuren hat die Zeitgeschichte in ihrer Gemeinschaft hinterlassen. Nutzen sie im Falle von Schwanditz die Möglichkeiten, die ihnen im Umkreis von 50 Kilometern gleich mehrere Städte bieten? Oder sitzen sie am Abend lieber vor dem Haus und beobachten den Sonnenuntergang?

Die in Leipzig geborene Annerose Kirchner verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Zella-Mehlis. Sie weiß, wie Menschen ticken, die Felder bewirtschaften und Tiere versorgen, deren Tagesrhythmus von den Jahreszeiten bestimmt wird. Sie hat erlebt, wie die Industrialisierung das dörfliche Leben veränderte, bestimmte Gewerke und handwerkliches Können nach und nach immer weniger gefragt waren. In den 90er Jahren hat sie dies für ihr Buch "Der Rausspeller" recherchiert, in dem sie Thüringer Handwerker vorstellte, die meist die letzten ihres Standes waren.

Was passiert mit den Menschen, welche Narben tragen sie davon, wenn sie ihre angestammten Dörfer aufgeben müssen und praktisch von einem Tag auf den anderen ihre Heimat verlieren? So geschehen im Umland von Ronneburg und Gera, als nach dem Zweiten Weltkrieg der Uranbergbau der Wismut die Landschaft zerstörte. Die Landschaft ist mit viel Geld vom Bund wieder fein gemacht worden. Die verschwundenen Dörfer aber blieben verschwunden. Auch darüber hat Annerose Kirchner mit "Spurlos verschwunden" eines ihrer wichtigsten und erfolgreichsten Bücher geschrieben und so die Erinnerungen der Menschen an diese Zeit bewahrt.

Bewundernswert ist die Haltung dieser Autorin, zwar mit einer Art Fragebogen, doch ganz ohne vorgefasste Meinung ihre Recherchen zu betreiben. Sicher spannt sie einen roten Faden zwischen ihren Fragen, interessiert sich immer für die Wurzeln der Menschen, und das, was ihre Gesprächspartner an ganz persönlichen Erinnerungen bewahrt haben. Erinnerungen, die oft viele Jahre nicht abgerufen wurden. Vielleicht, weil man sie selber nicht für interessant hielt, vielleicht weil keiner fragte, bis diese Schriftstellerin aus Gera kam. Nach Allzunah zum Beispiel. Rennsteigwanderer wissen, vom Grenzadler nach Allzunah führt die 4. Etappe der empfohlenen Rennsteigwanderung. Viele von ihnen kehren auf dieser Tour in Allzunah in der Café-Stube Spindler ein.

Die Ansiedlung mit dem wunderschönen Namen ist als eine der jüngsten am Rennsteig so etwas wie das Gegenteil vom fast 900 Jahre alten Schwanditz. Ein Glasmacher hatte 1692 dank einer im Jahr zuvor erteilten herzoglichen Konzession auf dem Kamm an der den Rennsteig querenden Poststraße eine Glashütte angelegt. 1822 lebten in Allzunah 23 Einwohner. Von 1913 bis 1965 gab es sogar einen Eisenbahnanschluss. Der alte Bahndamm dient heute als Fuß- und Radweg und gehört zu den gemächlichsten Strecken einer Rennsteigwanderung.

27 Einwohner zählt Allzunah heute. Neu-Allzunaher ist ein Belgier, weiß die Autorin vom Wirt des Cafés. Den Belgier würde sie allzu gern treffen, doch er lebt nicht durchgängig am Rennsteig. Schließlich geht es bei ihrer Feldforschung auch um die Frage, welche Zukunft anbetracht des demografischen Wandels kleine Thüringer Orte haben? Erlebt doch gerade der ländliche Raum dramatische Bevölkerungsverluste. Die Jungen gehen weg, weil es keine Arbeit für sie gibt, die Alten halten die Stellung, solange sie können. Werden die kleinen Orte Wüstungen, wenn die Alten gestorben sind? Wäre das ein Verlust? Wie sähe ein Thüringen aus, in dem man bis zur nächsten menschlichen Ansiedlung mehr als zehn Kilometer laufen muss?

Jedes ihrer Bücher musste wachsen und brauchte Zeit, die 62-jährige Autorin weiß, das wird beim Buch über die kleinen Orte nicht anders sein. Unterstützt bei ihren aufwendigen Recherchereisen nach Schwanditz, Allzunah und in andere kleine Orte hat sie im ersten Halbjahr 2014 ein Stipendium, das das Thüringer Kultusministerium jährlich für literarische Projekte vergibt.