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24.10.2007

Kleine Tafelrunde für die Patronin

von Frank Quilitzsch TLZ

Wie lese ich einen Klassiker? Manfred Osten (Mitte) befragte gestern im Weimarer Bücherkubus die Büchner-Preisträger Durs Grünbein (l.) und Martin Mosebach. Foto: tlz/Michaelis
Wie lese ich einen Klassiker? Manfred Osten (Mitte) befragte gestern im Weimarer Bücherkubus die Büchner-Preisträger Durs Grünbein (l.) und Martin Mosebach. Foto: tlz/Michaelis
Weimar. (tlz) Gestern, am Vortag der festlichen Wiedereröffnung unserer ehrwürdigen Anna Amalia Bibliothek, wurden im modernen Studienzentrum, Bücherkubus genannt, geistige Glanzlichter gesetzt. Zwei Büchner-Preisträger, ein gewordener (der Dichter Durs Grünbein) und ein werdender (der Erzähler Martin Mosebach), diskutierten, moderiert von Manfred Osten, über ... - natürlich: Goethe! Wozu und mit welchen Gefühlen, so das Leitthema, lesen wir heute eine Schrift wie Goethes "Literarischer Sansculottismus"?

Da diesen Aufsatz nach 212 Jahren kaum noch jemand im Kopf hat, wurde zunächst daraus zitiert: "Üble Laune läßt man in guter Gesellschaft nicht aus, und der muß sehr üble Laune haben, der in dem Augenblicke Deutschland vortreffliche Schriftsteller abspricht, da fast jedermann gut schreibt", erwiderte Goethe anno 1795 auf eine in den "Horen" veröffentlichte Attacke gegen "die Armseligkeit der Deutschen an vortrefflich klassisch prosaischen Werken". Das klassische Oberhaupt, Verfasser vortrefflichster Werke, fühlte sich getroffen, lud seine Schreibkanone und schoss zurück - gegen den nicht genannten Spatzen.

Warum? Goethe litt eine doppelte Furcht, so Grünbein: Er fürchtete sich vor drohenden Umwälzungen (französische Zustände) und vor gesellschaftlicher Nichtigkeit (deutsche Kleinstaaterei). Das sei "Kritikerschelte" (Osten). Goethes Kritikbegriff setzte Weimar voraus, so Mosebach, einen engen Kreis umtriebiger Geister, die einander kannten und respektierten. Kritik in Goethes Sinne hatte produktiv zu sein, nicht wie heute, da Kritiker kritisieren, was sie nicht verstehen.

Wir kritisieren nicht, wir merken artig an: 1. Es war ein lehrreicher, kurzweiliger, vergnüglicher Nachmittag. 2. Büchner-Preisträger sind mitunter aufsässig konservativ. 3. Sie sprechen ein vorzügliches, dialektisches Deutsch. Beispiel: "Mich langweilen Dinge, die ich zu schnell verstehe." (Grünbein) Oder: "Goethe ist auch nur in wenigen Momenten seines Werkes klassisch." (Mosebach) Oder: "Mephisto ist für mich die sympathischste und zukunftsträchtigste Figur, die Goethe geschaffen hat. Mephisto könnte der Rundfunksprecher im Zeitalter der Globalisierung sein." (Grünbein) Oder: "Es ist Optimismus angesagt, auch wenn, laut Karl Kraus, Optimismus nur Mangel an Information bedeutet." (Osten) Erkenntnis: Goethe mochte Georg Büchner nicht, doch Grünbein, Mosebach und Osten würde er sicher mögen. Verpflichtung: Selbst wenn wir nichts kritisieren, versuchen wir wenigstens gut zu schreiben. Schlussfolgerung: "Man entferne ihn (den Kritiker) aus der Gesellschaft, aus der man jeden ausschließen sollte, dessen vernichtende Bemühungen nur die Handelnden mißmutig, die Teilnehmenden lässig und die Zuschauer gleichgültig machen könnten." (Goethe)