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20.03.2006

Klauen, Stöbern, Schmökern

von Ulrike Merkel Ostthüringer Zeitung

Leipziger Buchmesse endet mit Besucherrekord - Auch Ostthüringer Verlage zufrieden

Von OTZ-Redakteurin Ulrike Merkel "Nach zehn Minuten war das erste Buch geklaut", sagt Annika Tittelbach-Helmrich, Lektorin des Jenaer Verlages "Dr. Bussert und Stadeler", mit zufriedenem Lächeln. Der Bücherdiebstahl diene als Gradmesser, wie die Neuerscheinungen beim Publikum der Buchmesse Leipzig ankommen.
Mit dem Zuspruch ist das kleine Ostthüringer Unternehmen ebenso zufrieden wie Messe-Chef Oliver Zille, der gestern einen Besucherrekord vermelden konnte. Rund 126 000 Gäste strömten von Donnerstag bis Sonntag in die fünf Hallen, ein Fünftel mehr als im Vorjahr.

Auch Jens Henkel, der mit seinem Verlag "Burgart" bibliophile Leser anspricht, konstatierte: "Ich bin zwar in einer Nische tätig, aber das Interesse war da." Der Stand des Rudolstädters glich einer kleinen Ausstellung. Neben den ersten drei Ausgaben der Künstlerbuch-Edition "Die zehn Gebote", in der Grafiker Leporellos zu den christlichen Grundsätzen gestalten, präsentierte der "Leipziger Dauergast" unter anderem eine Kleinplastik des Mildenfurther Bildhauers Volkmar Kühn. "Ich liebe sie, allein das Anfassen...", sagte Jens Henkel, während er über die hagere Bronze-Figur strich. Doch bei aller Euphorie, die die Besuchersteigerung auslöse, mahnt der Verleger an, dass die Messe gerade von ihrer Überschaubarkeit und dem genüsslichen Stöbern und Schmökern lebe. Die 50 000 Besucher am Samstag hätten den Bücherjahrmarkt fast kollabieren lassen. "Toiletten, Gastrostände waren dicht."

Neben Jens Henkel stellten neun weitere Verlage aus Ostthüringen ihre Neuerscheinungen vor, darunter der auf Thüringer Kulturgeschichte und Belletristik spezialisierte Jenzig-Verlag aus Jena, der Musikverlag Kamprad aus Altenburg und der Quartus-Verlag. Die Buchaer haben soeben das gut erzählte Geschichten-Bändchen "Die alte Kuh und das Meer" von Jens-Fietje Dwars herausgebracht und das liebevoll gestaltete "Thüringer Anekdotenbuch". Darin hat der Rudolstädter Archivar Frank Esche rund 100 skurrile Begebenheiten zusammengetragen.

Der Verlag "Bussert und Stadeler" indes erinnert mit zwei Sachbüchern an Jahrestage. Mit dem Anti-Freud-Band "Der Wiener Quacksalber" versucht der niederländische Historiker Han Israéls, in unterhaltsam-provokanten Essays den vor 150 Jahren geborenen Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, der Wissenschaftsfälschung zu überführen. Das Buch "1806" beschreibt die preußische Niederlage in der Schlacht bei Jena und Auerstedt, die sich 2006 zum 200. Mal jährt. Zugleich geht Autor Gerd Fesser auf die napoleonischen Neuerungen ein, etwa den Code Civil.

Wolfgang Tiefensee habe bei seinem gestrigen Messebesuch darin "interessiert geblättert" und von seinem kürzlichen Besuch auf den Schlachtfeldern erzählt, sagt Lektorin Tittelbach-Helmrich. "Leipzig ist neben dem Weihnachtsgeschäft der Höhepunkt des Jahres", steht für sie fest. Die Gäste verweilten gern auf ihrer blauen Messe-Couch, Buchhändler interessierten sich für die Neuerscheinungen und 20 Autoren gaben Manuskripte ab.