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06.11.2010

Kennst du den schönsten Platz von Hanoi?

von Frank Quilitzsch

Am Strand von Con Son: Die ehemalige Gefängnisinsel im Südchinesischen Meer lädt heute zur Erholung ein. Foto: Quilitzsch

Vietnam im Innern erlebt: Mit dem zweiten Band findet die 1997 begonnene Familien- und Reisereportage ihren vorläufigen Abschluss. Als ich im Herbst 2009 wieder in Hanoi lande, holt mich Hau schon im Transitraum ab. Er trägt ein VIP-Schild am Jackett und geleitet mich zur Passkontrolle für Diplomaten, wo ich bevorzugt abgefertigt werde. Hinterm Ausgang warten Hai und Kim. Die Zauberin küsst mich, schaut sich dann aber verschämt um. Kim schiebt meine Gepäckkarre zielstrebig zum Parkplatz, wo das Familienauto steht, ein blitzblanker Toyota Vios mit Automatikgetriebe. Hau und Ngoc haben ihre Ankündigung, ein Auto zu kaufen, viel früher wahr gemacht, als Huong geglaubt hatte. Im Fond riecht es nach Schmiermitteln und frischem Leder. Ich frage den Moskauer Bruder, was der Wagen gekostet hat. 600 Millionen Dong oder 40 000 Dollar. Ohne die in Australien lebende Schwägerin, die den Großteil der Kaufsumme geschickt hat, wäre diese Anschaffung nicht möglich gewesen. "Musika?" Hau schiebt eine Scheibe mit russischen Volksliedern in den CD-Player. Aus den Lautsprecherboxen ertönt das Lied von Katjuscha, die unter blühenden Apfelbäumen an ihren Liebsten denkt. Ich schaue in Hais lachende braune Augen. Der Zauber wirkt noch immer. Ich bin glücklich angekommen. In der Familienfestung erlebe ich den ersten Schock: Huong hat das Haus des Malerbruders nun wirklich geteilt, indem er alle Türen zu seiner Hälfte mit Sperrholzplatten vernageln ließ. Ha und seine Söhne können nur noch die Räume auf ihrer, der zur Gasse gelegenen Seite bewohnen. Auch der Ho-Chi-Minh-Pfad, die zuletzt nur noch von Mutter Le genutzte Direktverbindung zum Haus des Moskauer Bruders, ist versperrt, denn Ha hat einen Kleiderschrank davor gerückt. Eine Mauer mitten durch die Familie? Es war eine spontane Entscheidung, die Huong als Familienoberhaupt unmittelbar nach unserem Besuch der Gefängnisinsel getroffen hat. Ich war schon heimgeflogen. Der Malerbruder habe ihm keine Wahl gelassen, versichert er mir am Telefon: "Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, und als ich zurückkam, stand meine Mutter am Tor und sagte: Ha verkauft das Haus. Was? habe ich gesagt. Wie kann er das tun? Hast du etwa zugestimmt ...? Ha hatte meiner Mutter erklärt, dass er seine Schulden begleichen wolle, damit war für sie die Sache in Ordnung. Nicht aber für mich. Ich ging zu meinem Bruder und sagte: Was fällt dir ein? Du kannst nicht einfach, ohne mich zu fragen, das Haus verkaufen! Dir gehört doch nur die Hälfte! Er würde mir dann alles zurückgeben, was ich ihm geborgt hätte, erwiderte er. Nein, sagte ich, ich habe dir nichts geborgt. Ich habe das Haus für deine Familie finanziert! Und ich habe deine verdammten Schulden beglichen. Dieses Haus, zumindest was meinen Teil davon betrifft, wird niemals an Fremde verkauft. Hier ist der Vertrag, du hast ihn unterschrieben, und alle unsere Geschwister auch."

Geheimgänge ins vernagelte Haus

Doch Ha wollte, so erzählte Huong weiter, von der Vereinbarung nichts mehr wissen. "Mein Bruder wiederholte nur immerzu, dass er das Haus verkaufen und mir zweihundert Millionen Dong zurückzahlen werde. Das wirst du nicht tun, rief ich, denn das Haus gehört dir nicht. Und weißt du überhaupt, was diese zweihundert Millionen heute noch wert sind? Das Geld ist doch verfallen ... Am Ende hat mich mein Bruder zum Zweikampf herausgefordert." "Zum Kampf?" "Ja, zu einem Zweikampf, Mann gegen Mann, mit Messern." Darauf sei er natürlich nicht eingegangen, erklärte Huong. Er habe gelernt, seine Probleme mit dem Kopf zu lösen. Der Moskauer Bruder sei ihm zu Hilfe gekommen und habe dem Malerbruder gegenüber bestätigt, dass er, Huong, einen Neubau für seine Geschwister plant. "Also habe ich zu Ha gesagt: Niemand zwingt dich, bei uns zu wohnen. Wenn du deine Haushälfte verscherbeln willst, bitte! Aber ohne das Treppenhaus, das gehört laut Vertrag mir. Und ich habe dir auch gesagt, so lange du und deine Söhne auf dem Grundstück unserer Mutter wohnen, kannst du die Treppe selbstverständlich benutzen." Hau, Ngoc und Mutter Le betrachten die Teilung der Familienfestung als ein kurzzeitiges Provisorium. Ohnehin werde ja bald neu gebaut. Wer in den vernagelten Räumen lüfte und nach dem Rechten sehe, frage ich. Es könnte doch sein, dass im Bad mal ein Rohr kaputt geht oder sich Ratten ungestört vermehren. "Poschli!" - Gehen wir! Der Moskauer Bruder führt mich erst auf den Balkon, dann auf die Dachterrasse seines Hauses und zeigt mir zwei frische Mauerdurchbrüche zum benachbarten Ha-Haus, Einstiegslöcher von jeweils einem Meter Höhe. "Dwer" - Tür, sagt er und grinst. Huong hat ihn beauftragt, für neue Zugänge zu sorgen. Ich bücke mich, krieche wie im Vietcong-Tunnel von Cu Chi auf allen Vieren durch die Öffnung und lande in jenem Zimmer, von dem aus ich bei meiner Ankunft vor vier Jahren den gewaltigen Gewitterguss erlebte. Als ich die Fensterläden öffne, stiebt auf dem Fußboden ein Dutzend geflügelter Kakerlaken auseinander. Ich kehre um. Für heute habe ich genug von der geteilten Familienfestung. Hai wartet schon auf mich. Wir verbringen den Abend in einem Restaurant am Westsee, kehren um Mitternacht in ihre Wohnung zurück und werden im Morgengrauen von Handyklingeln geweckt. Sie nimmt zu jeder Tages- und Nachtzeit Anrufe entgegen. Heute kommt ihr Mobiltelefon nicht mehr zur Ruhe. Ich frage Hai, was sie von Huongs Bauvorhaben hält. "Wirst du, wenn dein Bruder das neue Haus baut, mit zu deiner Mutter ziehen?" "Ich weiß noch nicht. Huong wartet darauf, dass ich mich entscheide. Er hat gefragt, wie viel ich ihm für das vierte Stockwerk zahlen kann. Ich habe gesagt: Du musst mir sagen, wie viel es kostet. Eigentlich möchte ich gar nicht mit meinen Geschwistern zusammen wohnen. Wenn wir alle so eng aneinander kleben, gibt es doch bloß Reibereien. Viel lieber würde ich ans Meer ziehen, an den Strand von Nha Trang, wo meine Halbgeschwister leben."

Wohngemeinschaft für die Geschwister

Ich stelle mir vor, wie Huong das Hau-Haus und seinen Teil vom Ha-Haus abreißen und wie geplant den Neubau hochziehen lässt. Ein noch größeres, noch höheres, noch bequemeres Bleistifthaus. Und schlagartig wird mir klar, wovor Hai sich fürchtet: Die neue Familienfestung wird eine Alten-WG! Eine Wohngemeinschaft der alternden Geschwister, das hat etwas Endgültiges und Tröstliches zugleich. Vielleicht ist das eine Lösung, denn der Jahrhunderte alte, patriarchalisch strukturierte Familienverband, in dem die Kinder für ihre Eltern an deren Lebensabend sorgen, funktioniert nicht mehr. "Kennst du den schönsten Platz von Hanoi?" fragt Hai unvermittelt. "Nein. Wie sieht er aus?" "Wie soll ich das erklären. Am besten, ich zeige es dir." Wir fahren mit dem Moped die Dammstraße entlang, wo zum Tetfest der Blumenmarkt abgehalten wird, und biegen irgendwann ab. Der Verkehr lichtet sich. Schließlich stoppen wir in einer ruhigen Gegend vor einer halb hochgezogenen Schranke. Ein dicker Wachposten mustert mich schläfrig und lässt uns passieren. Der schönste Platz von Hanoi kann nur eine zwischen uralten Bäumen versteckte, Stille und Harmonie verströmende Pagode sein oder ein Aussichtsturm mit Blick auf den in der Abendsonne glitzernden Westsee, mutmaße ich, während wir in eine breite, neu angelegte Allee einbiegen. Oder ein zum Meditieren einladender Lotosteich, in dessen verschleierter Tiefe prächtige Goldfische schwimmen ... Doch kein Park, kein Turm und kein verwunschenes Gewässer weit und breit. Die hell erleuchtete Fahrbahn ist von Villen-Neubauten gesäumt, einer protziger als der andere. Hinter Mauern und pfeilspitzen Eisenzäunen lugen Kokospalmen und blühender Hibiskus hervor, und hinter jeder Toreinfahrt parkt eine auf Hochglanz polierte Limousine. Außer uns und einem Streife laufenden Polizisten ist hier keine Menschenseele unterwegs. Nach einer Weile drosselt Hai das Tempo, dreht den Kopf und fragt, wie ich ihn finde. "Wen?" "Na, den schönsten Platz von Hanoi."
Es dauert einen Moment, ehe ich begreife, dass sie das Wohnviertel meint, durch das wir schon die ganze Zeit kurven, jenen sauberen, gut bewachten Villenkomplex, in dem sich die Neureichen und Apparatschiks von ihren Landsleuten abschotten. Mit zunehmender Beklemmung mustere ich die sorgfältig verputzten, mit Säulen und Balkonen verzierten Häuser und blicke in erleuchtete Gitterfenster, wo sich hinter zugezogenen Gardinen Schatten bewegen. Man hört keinen Laut, kein Klopfen und Werkeln und kein fröhliches Kinderlachen, nicht einmal Hundegebell. Was für ein Kontrast zum Wohnviertel von Mutter Le, wo sich alles Leben im Hof und auf der Straße abspielt! "Ich weiß nicht", sage ich befremdet. "Wie bei dir in Deutschland", sagt Hai. "Ja", bestätige ich. "Fast wie in Deutschland." Sie stoppt vor einer Gruppe lebensgroßer Gipsfiguren, Rehe, Delphine und Nymphen, die im Licht der Bogenlampe in einem Vorgarten herumstehen und die Sterilität des Ortes noch unterstreichen, und sagt in die Stille: "Aber was sollte ich in Deutschland auch arbeiten ..." Ich ahne, warum Hai mich hierher geführt hat. Sie sucht einen Platz, an dem wir zusammen leben können. "Gefallen dir die Häuser nicht?" fragt sie enttäuscht. "Nein", erkläre ich, "ich glaube, hier möchte ich nicht wohnen." Die Totenfeier für Huongs Vater liegt vier Jahre zurück. Seither bin ich jedes Jahr zwei Mal nach Hanoi geflogen. Drei Mal habe ich mit Huong die Halbgeschwister und das Vatergrab in Nha Trang besucht. Seit nunmehr zwölf Jahren genieße ich das Vertrauen seiner Geschwister und die Gastfreundschaft der Großfamilie. Und seit einiger Zeit die Liebe von Hai. Ich bin kein Unbeteiligter mehr, der kommen und gehen kann, wie er will. Ich gehöre mit zu Huongs Familie und habe bei seiner Schwester Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft geweckt.

Abschied im Café über der Stadt

Am Tag vor meinem Abflug sitzen wir mit den Souvenirtüten im Turmcafé am Hoan-Kiem-See. Das Zikadenorchester schrillt. Es ist windstill und so heiß, dass der Schweiß strömt. Hai versucht, ihre natürliche Bräune hinter einer langärmeligen Seidenbluse und die deutlicher hervortretenden Pigmente im Gesicht hinter ihrer großen Sonnenbrille zu verbergen. Sie hat mit mir am Strand von Con Son in der prallen Sonne gebadet. Der Halsausschnitt gibt einen hellen Streifen preis, den ihr Bikini auf der Haut hinterlassen hat. "Wo warst du heute Vormittag?" breche ich das Schweigen. "In der Pagode. Ich habe gebetet, dass du wohlbehalten in deiner Heimat ankommst." "Ich melde mich, sobald ich in Frankfurt gelandet bin." Abrupt dreht sich die Zauberin weg und wischt sich mit dem Handrücken übers Gesicht. Wir schweigen. Am Himmel schieben sich Kumuluswolken zusammen und verdunkeln für einen Moment die Sonne. "Weißt du überhaupt", sagt sie, "dass mein Bruder Ha wieder heiratet? Yén zieht mit ihrer Tochter von Ho-Chi-Minh-City nach Hanoi." Dann nimmt sie meine Hand. "Was wirst du tun, wenn du wieder zu Hause bist?" "Schreiben", erwidere ich. "Worüber?" "Über unsere vietnamesische Familie." Hai setzt für einen Moment die Sonnenbrille ab, ihre Augen sind gerötet. Leise, wie aus weiter Ferne höre ich sie sagen: "Ich wünsche mir, dass dein Buch niemals fertig wird."

Zur Sache 

In seinem Buch "Hanoi, meine Liebe" (P. Kirchheim-Verlag, München, 288 S. mit 16 S. Farbfotos, 23.95 Euro) erzählt TLZ-Kulturredakteur Frank Quilitzsch den Fortgang der vietnamesischen Familiengeschichte ("Hanoi-Berlin-Nha Trang", 2002) von der Totenfeier des Vaters bis zum Besuch des Gefängnisarchipels, wo dieser in den Zeiten des Krieges sieben Jahre gefangen gehalten wurde. Der Autor schildert seine Erlebnisse als "Adoptivsohn" in der zwischen Nord und Süd geteilten Großfamilie und seine Reisen mit dem neuen, in Deutschland lebenden Oberhaupt Huong und dessen Schwester Hai durch das asiatische Land im Umbruch. Ferner begleitet er einen Thüringer Unternehmer, der aus Pflanzen Treibstoff gewinnen will, zur Versuchsplantage, besucht eines der zurückgezogen lebenden Bergvölker und besichtigt eine Affen-Rettungsstation im tropischen Regenwald. Wir drucken als Leseprobe Auszüge aus dem Schlusskapitel. Buchvorstellung: Montag, 8. 11., 19.30 Uhr, Ernst-Abbe-Bücherei Jena, Raum 10