Presse - Details

 
18.06.2007

Keine Angst vor Lyrik

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Regen ärgert auch in diesem Jahr die Literaturtage in Ranis, verhindern kann er aber nichts

Von OTZ-Redakteur Marius Koity Ranis. Eine typische Übung der Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis war von Anfang an der Blick zum Himmel. Auch in diesem Jahr, zur zehnten Auflage des Openair-Literaturfestivals, waren Andreas Berner und Dr. Martin Straub, der Vorsitzende und der Geschäftsführer des veranstaltenden Vereines Lese-Zeichen aus Jena, gezwungen, Fluchtbewegungen zu empfehlen, wenn schnöder Regen mitten in die besten Zeilen platzte.
Am Freitagabend, als man so schön im Winkel saß, bekam der literarische Senkrechtstarter Clemens Meyer ein paar Tropfen ab, bevor er in der literarischen Kult-Schmiede aus seinem vieldiskutierten Erstling "Als wir träumten" weiterlesen konnte. Eng beeinander lauschte ein treues Publikum dem Streifzug durch Niederungen des Lebens im Leipziger Südosten der Jahre nach der Wende und die Situation unterm Dach der Schmiede, auf das der Regen buchstäblich hämmerte, war fast so schräg wie das Geschehen im Buch des 30-jährigen Leipzigers. Gut möglich, dass man den Abend mal in einer Meyerschen Geschichte wiederfindet. Ursula Schütt, 66-jährige Deutschlehrerin aus dem Meininger Land, die den Abend eröffnete, hatte mit "David" mehr Glück: Die Ich-Erzählung, in der Erfahrungen einer Frau mit ihrem geistig behinderten Kind und mit jugend- licher Gewalt facettenreich verdichtet sind, hätte unter den späteren Bedingungen wohl nicht die beabsichtigte und erreichte Wirkung erzielt. Feridun Zaimoglu, 1964 in der Türkei geboren, hätte gerne "leise Stellen" aus seinem Roman "Leyla" entsprechend vorgetragen. Dem vielfach ausgezeichneten Profi des deutschen Literaturbetriebes gelang es aber auch unter widrigen Bedingungen, für sein Buch zu begeistern, von dem bei GGP Media in Pößneck schon mehrere Auflagen die Rotationen durchliefen.

Petrus hatte nicht einmal am Samstagnachmittag ein Einsehen, als es um die Heilige Elisabeth ging: Rainer Hohberg und Sylvia Weigelt, beide Jahrgang 1952, gingen mit Auszügen aus ihrem Band "Brot und Rosen" und kenntnisreichen Berichten den Hintergründen verschiedener Elisabethlegenden nach. Die thüringische Landesmutter war in ihrer in vielerlei Hinsichten dunklen Zeit eine Aussteigerin, eine sehr fromme, die etwa für die fleischlichen Wonnen, die ihr im Ehebett zuteil wurden, umgehend Buße tat, indem sie sich gottgefällig geißelte. Brücken zwischen Erbe und Gegenwart in der thüringischen Kultur will die in Jena erscheinende Literaturzeitschrift "Palmbaum" bauen. Für diese warb in der Galerie des Burgmuseums nicht nur Chefredakteur Jens-Fietje Dwars, Jahrgang 1960, sondern auch Gisela Kraft und Wulf Kirsten. Die 70-jährige Schriftstellerin Gisela Kraft, die heute in Weimar lebt, übersiedelte 1984 als überzeugte Sozialistin von West- nach Ostberlin und in Ranis teilte sie "Erinnerungen an die beiden Deutschlands" und Liebesgedichte, "sehr verschiedene, wie die Liebe so ist". Wulf Kirsten, 72, der wohl bekannteste thüringische Dichter der Gegenwart, fühlte sich wohl zwischen den Bildern von Franz Huth, den er in Weimar kannte, und in seiner Lesung streifte er nicht nur durch das siebenbürgische Harbachtal, in einem Gedicht blickte er auch "saalüberwärts ins Orlatal". Zum Literaturball am Samstagabend - eine Premiere für den Verein - waren mehr Gäste gekommen, als die Veranstalter gedacht hätten. Neben Autoren aus ganz Thüringen hatten sich auch Förderer des Lese-Zeichen e. V. und der Literaturtage eingefunden, die einen schönen Abend u. a. mit Matthias Biskupek hatten. Der vielseitige 56-jährige Schriftsteller und Publizist aus Rudolstadt stellte sein druckfrisches Werk "Lob des Kalauers" mit Für- und Widerreden aus zehn Jahren vor, das er mit einer Hommage an den Satiriker Hansgeorg Stengel (1922 - 2003) und einem deutsch-deutschen Sittenspiegel empfahl. Zu späterer Stunde zeigte Stadtschreiber André Schinkel mit Ranis-Gedichten überaus eindrucksvoll, dass man vor Lyrik keinerlei Angst haben muss. Der 35-jährige Hallenser gehört zu den Autoren, die ihr Amt auf Zeit am besten versehen haben.

Dass die Literaturburg Ranis über die Region hinaus ein Begriff ist, zeigte auch eine weitere Premiere dieser Literaturtage: Sein sonntägliches Radio-Café strahlte der Kultursender MDR Figaro gestern live aus dem bis auf den letzten Platz besetzten Burgpalas aus. Durchschnittlich 180 000 Hörer zählt die Sendung in Mitteldeutschland. "Uns hier zu beteiligen, ist ein Stück Identität", sagte der 57-jährige Moderator Michael Hametner gegenüber OTZ. Sein Gast im Radio-Café war der 45-jährige Schriftsteller und "Spiegel"-Reporter Alexander Osang, der über seinen Wandel zwischen Fakten und Fiktion und über sein neuestes Buch "Lennon ist tot" sprach, in dem der begnadete Beobachter den Sehnsuchtsort New York seziert.

"John Lennon ist nicht tot", heißt es hingegen im Programmheft der Literaturtage. Die Musik des 1980 ermordeten Beatle lebt ebenso fort, wie das Literaturfestival weitere Auflagen erleben werden. Man wird immer wieder aufs Neue um großzügige Förderer ringen müssen und um die besten Federn, und auch um den Blick zum Himmel wird man nicht herumkommen. Doch das neugierige Stammpublikum und die - auch in diesem Jahr nicht wenigen - neuen Gesichter zeigen, dass sich die Mühe des Lese-Zeichen e. V. lohnt.