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19.07.2014

"Kein Fürchten soll mich lähmen": Zum 150. Geburtstag von Ricarda Huch

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Heute vor 150 Jahren wurde die Schriftstellerin Ricarda Huch geboren.

Jena. Thomas Mann nannte sie "die klügste Frau Deutschlands" und sah sie als Kandidatin für den Literatur-Nobelpreis. Heute, vor 150 Jahren, wurde Ricarda Huch in Braunschweig geboren.

Ihre Heimatstadt ehrt sie derzeit auf gebührende Weise, mit einem internationalen Symposium, mit Vorträgen, Ausstellungen. Das ist nur ein Bruchteil von Veranstaltungen für eine Künstlerpersönlichkeit, deren vielseitiges Wirken kaum mehr bekannt ist. Der Name dieser bedeutenden Schriftstellerin, die ein überragendes Lebenswerk - fast 12.000 gedruckte Seiten - geschaffen hat, ist dennoch präsent.

Schulen und Straßen sind nach ihr benannt und zwei Asteroiden tragen den Namen "Ricarda" und "Huch". Im Moment wird ihr Konterfei auf einer edel gestalteten Sonderbriefmarke geehrt, auf der ein Satz zu lesen ist, der so charakteristisch für diese widerständige, weltoffene, integre und bis ins hohe Alter rastlos tätige Autorin ist. Es handelt sich um ein Zitat aus ihrem Gedicht "Zuversicht": "Kein Fürchten soll mich lähmen". Diese Ehrungen stehen allerdings im Kontrast zur Rezeption ihrer sprachmächtigen Geschichtsstudien, ihrer Romane und Erzählungen. Weitgehend vergessen ist der Romanerstling "Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren" (1893), kaum beachtet ihre damals von einem großen Lesepublikum aufgenommenen Werke zur Romantik (1899, 1902) und das fundierte dreibändige Geschichtswerk über den Dreißigjährigen Krieg "Der große Krieg in Deutschland" (1912-14). Auch ihr letztes, unvollendetes Großprojekt über den deutschen Widerstand - von der Weißen Rose bis zur Roten Kapelle - nimmt eher eine marginale Stellung ein.

Weder in Schulen noch an Universitäten werden ihre Werke wahrgenommen. Vieles ist aus städtischen Bibliotheken verschwunden. Über ihre Gedichte ist wohl die Zeit hinweggegangen. Es bleiben Verszeilen als Zitate. Ist ihre hohe Sprache zu antiquiert, zu weit weg von unserem Kunstempfinden? Zwei Romane, die Ricarda Huch nicht als ihre besten ansah, blieben ihre bekanntesten: "Aus der Triumphgasse" und "Der Fall Deruga", ein Gerichtsroman, der auf das damals noch kaum angesprochene Thema der Sterbehilfe eingeht, kürzlich wieder im Insel Verlag erschienen. Warum werden ihre exzellenten Städtebilder "Im alten Reich" (1927) und ihre 1915 publizierte Charakterstudie über Wallenstein nicht wieder aufgelegt?

Es gibt zahlreiche Bemühungen für eine Wiederbelebung der Wirkung ihrer Kunst, mit Biographien, Lesungen und Literaturkreisen, vor allem in Jena. Hier verbrachte Deutschlands bekannteste Dichterin ab 1936 ihr letztes Lebensjahrzehnt.

1933 hatte die überzeugte Gegnerin des Naziregimes ihren Rücktritt aus der Preußischen Akademie der Künste erklärt, in die sie 1926 als einzige Frau aufgenommen worden war. Unerschrocken sprach sie Klartext und prangerte das Dritte Reich als "Morast" an. Nach 1945 engagierte sie sich für ein neues, demokratisches Deutschland, doch politisch vereinnahmen lassen wollte sie sich nicht und suchte wieder wie so oft in ihrem Leben den Aufbruch in die Freiheit. Sie starb am 17. November 1947 in der Nähe von Frankfurt am Main.

Ricarda Huch war eine Künstlerpersönlichkeit von europäischer Geltung, die ungebrochen für Kritikfähigkeit und Verantwortung warb und damit auch für uns Heutige eine bedeutende Vorbildfunktion erfüllt.