Presse - Details

 
06.02.2012

Katrin Marie Mertens Prosadebüt "Rückwärtslaufen"

von Martin Straub TLZ

"Rückwärtslaufen" heißt das Prosawerk der gebürtigen Jenaerin Katrin Marie Merten.

Zwei Jahre nach ihrem ersten Lyrikband wartet Kartin Marie Merten nun mit ihrem Prosadebüt "Rückwärtslaufen" auf, das in der Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen e. V. erschienen ist.

 

Als vor zwei Jahren der erste Lyrikband "Salinenland" von Katrin Marie Merten, der gebürtigen Jenaerin, erschien, merkte man auf. Sicher, sie hatte schon manchen Preis gewonnen, etwa beim Eobanus Hessus Schreibwettbewerb oder beim "Jungen Literaturforum Hessen Thüringen". Nun ist ihre Begabung für ein breites Publikum offensichtlich, Welten in einer sensiblen, genauen Verssprache zu fassen. Zwei Jahre später liegt ihr Prosadebüt in der Edition Muschelkalk beim Wartburg Verlag unter dem Titel "Rückwärtslaufen" vor. Und zweifellos bestätigt sich auch in den elf Kurzerzählungen ihr Talent. Katrin Marie Merten hat wie schon in den Gedichten ihren eigenen Ton gefunden. Es sind stille, intime Geschichten, gleichsam Kammerspiele, wenn über menschliche Beziehungen, oft Zweierbeziehungen, in ihrer Gefährdung und Verletzlichkeit erzählt wird. Sie sind durchweht von einer Sehnsucht nach Zuwendung und Mitmenschlichkeit. Wohl wissend, auf welch brüchigem Boden der Einzelne steht. Oft scheint es, die Protagonisten können die Türen zur Welt nicht mehr öffnen. "Worauf wartet ihr", ruft da eine skurrile Figur in der Arbeitsagentur mit ihren Wegweisern, Wartenummern und geschlossenen Türen. Was geschieht mit der von Krankheit gezeichneten Krista, von der die Umwelt keine Notiz nimmt? Wie schützt man sich vor familiärer Gewalt?

Ohne Larmoyanz

Nein, es herrscht keine Larmoyanz über die Gebrechen der Welt, wie man bei solcher Aufzählung vermuten könnte. Eher Trauer. Aber das Erstaunliche in diesen Geschichten sind die Erzählerfiguren. Sie zeigen sich mit ihrer Empathie für die Figuren stark und widerständig. Denn in ihrer Aufmerksamkeit liegt zugleich die Möglichkeit, aus einem engen Zirkel herauszutreten und der Welt zu begegnen. Beim Lesen der ersten und der letzten Erzählung "Dieser Streifen am Tier" und "Wenn ein Hund stirbt", kam mir unwillkürlich das Brecht-Wort in den Sinn: "Denn alle Kreatur braucht Hilfe von allen".
Ob Mensch oder Tier, Katrin Marie Merten macht da in ihrer Fürsorge keinen Unterschied. Hier wie in den anderen Erzählungen auch ist die Erzählerfigur dadurch charakterisiert, dass sie mit ihrem Mitgefühl eine genaue Beobachterin ist und die inneren Befindlichkeiten - ob Schmerz, Trauer, Freude oder Angst - in der Körpersprache ihrer Figuren zu fassen vermag. Als wolle sie auffordern, in diesen schnelllebigen Zeiten genau hinzusehen. Von solcher Eindringlichkeit ist der Leser gefangen. Und er hat den Wunsch und die Hoffnung, dass die Autorin mit dieser Intensität weiter erzählt, in die Welt hinaus geht und keinen Halt macht vor bisher nicht von ihr betretenen Kontinenten.

Katrin Marie Merten: Rückwärtslaufen. Erzählungen, Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V., Band 35, Wartburg Verlag, 72 S., 11 Euro