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28.06.2006

Kastze & Novalis

von Matthias Biskupek Neues Deutschland

Gisela Kraft wird siebzig

Von Matthias Biskupek

Sie gehört zu den wichtigsten Dichterinnen im Lande. Davon gibt es so viele nicht. Sie gehört auch zu jenen Dichterinnen, die noch nie einen Literaturpreis erhielten ? und das ist in der Lob- und Preisgesellschaft Literaturdeutschlands wohl wirklich die Ausnahme. Dabei sind ihre Arbeiten bei kleinen aber feinen Verlagen erschienen, wie bei der Eremiten-Presse in Düsseldorf. Faber & Faber bringt soeben »Planet Novalis« heraus, den abschließenden dritten Band zu jenem Friedrich von Hardenberg, der als Anti-Klassiker, Bergwerksingenieur und Poet Literaturgeschichte schrieb.
Die sieben Novalis-Stationen in Gisela Krafts jüngstem Roman verorten auch die Autorin ? im damaligen Mittel-, dem heutigen Ostdeutschland: Grüningen, Artern, Freiberg, Giebichenstein bei Halle, Batzdorf bei Meißen, Dresden, Weißenfels. Denn die gebürtige Berlinerin tat 1984 etwas, was noch ungewöhnlicher war, als unbepreist zu dichten: Sie ging, gegen die herrschende Literaten-Laufrichtung, von Berlin-West nach Berlin, Hauptstadt.
Das hatte wohl weniger mit der ideologischen, als der tatsächlichen Himmelsrichtung zu tun: Gisela Kraft fühlt mit dem Orient, was einer ihrer Gedichtbände signalisiert: »Katze und Derwisch«. Sie lebt gern als Mittlerin zwischen europäischer und orientalischer, türkischer und deutscher Welt. Die promovierte Islamwissenschaftlerin übersetzt bis heute aus dem Türkischen. Auch das war Anstoß ihrer unüblichen Wanderung vor fast einem Vierteljahrhundert ? in jener alten DDR-Gesellschaft, die in manchem dann doch neuartig war, fand sie bessere Bedingungen für ihre Nachdichtungen, als im streng nach Claims und Connections abgezirkelten westdeutschen Literaturtransferwesen.
Im allgemeinen zieht es geistesschaffende Provinzler in die Zentrale ? auch da verkehrte Gisela Kraft den Weg: Sie fand in Weimar, Ort mit reicher Vergangenheit und etwas schmalerer Ge-genwart, 1997 ihre neue Heimat. Hier formt sie Texte ? sie kann gar nicht anders, als formvollendet zu schreiben ? nach ihrem Bilde, was nicht immer dem Bild von Stadt- und Landesvätern entspricht.
»Unterbelichtet« hieß eine von ihr mit initiierte Reihe, in der die in Weimar unter der Goetheschillerei nur Gelittenen zu Wort kommen. Jean Paul zum Beispiel. Den monatlichen Weimarer Künstlerstammtisch im »Cafe Louis« gibt es überhaupt nur, weil sie unermüdlich wie eine wahre Literaturmutter Termine sammelt und ausstreut. Und weil Preise ? noch ? auf sich warten lassen, haben Freunde aus Thüringer Literaturgesellschaften und -verbänden Subskriptionen und Spenden nicht gescheut, um ein Bändchen, fein ausgestattet, zu finanzieren. »Aus Mutter Tonant-zins Kochbuch« heißt die Ehren-Gabe, die vielleicht auch neuen Lesern zeigt: Kraftsche Texte haben das, was ihr Name ausdrückt ? dieser Kalauer sei zum gewiss heiteren Geburtstagsfest heute gestattet.

Zum Geburtstag ein neues Buch: »Planet Novalis. Roman in 7 Stationen« (Verlag Faber & Faber, 160 S., geb., 16 ¤). Mit Lesungen daraus ist Gisela Kraft in den nächsten Tagen in Weimar und Berlin zu erleben: am 4. Juli, 18 Uhr im Festsaal des Goethe-Nationalmuseums und am 5. Juli, 20 Uhr im Literaturforum im Brecht-Haus.
Außerdem zu empfehlen: »Aus Mutter Tonantzins Kochbuch« (hg. v. Jens-Fietje Dwars, mit Grafiken von Ulrich Panndorf, Quartus-Verlag, 19,90 EUR).