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02.12.2011

Kassandra im geteilten Deutschland: Nachruf auf Christa Wolf

von Frank Quilitzsch TLZ

Sie galt als wichtigste zeitgenössische Erzählerin Deutschlands: Die in Ost und West verehrte Christa Wolf las in vollbesetzten Kirchen und Sälen, und ihre Worte wurden oft noch über Lautsprecher nach draußen übertragen. Foto: dapd

Eine der großen Stimmen der europäischen Literatur ist verstummt: Am Donnerstag starb, nach langer schwerer Krankheit, in einer Berliner Klinik die Schriftstellerin Christa Wolf. Sie wurde 82 Jahre alt. Berlin. Sie war eine moderne, fantasievolle Erzählerin, eine der wichtigsten im 20. Jahrhundert, die sich sowohl der deutschen Vergangenheit als auch den drängenden Menschheitsfragen gestellt hat und schreibend aus dem kulturellen Erbe schöpfte. Mit ihren Büchern hat sie mehrere Generationen in ihren Bann gezogen; ihr Wort wurde in Ost und West erhört, und besonders unter weiblichen Lesern hatte sie, die schreibend die Emanzipation der Frau vorantrieb, eine stetig wachsende Anhängerschaft.

Als sich das Scheitern des Sozialismus in der DDR abzuzeichnen begann, wurde sie zur Hoffnungsträgerin für viele Andersdenkende, die die Gesellschaft reformieren wollten. Im Westen verehrte man sie als Mahnerin in einer von hemmungslosem Wachstum und Umweltzerstörung bedrohten Welt. Spätestens seit "Kassandra" wurde die Wolf als gesamtdeutsche Autorin wahrgenommen, was mit der Verleihung des Georg-Büchner-Preises im Jahr 1980 seinen Ausdruck fand.

Bleiben werden ihre Bücher: In ihrer ersten großen Erzählung "Der geteilte Himmel" schildert sie eine Liebe, die an der deutschen Teilung scheitert. In "Nachdenken über Christa T." wird die Protagonistin von der autoritären Gesellschaft an ihrer Selbstverwirklichung gehindert. Der Roman "Störfall", der die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe reflektiert, warnt vor der Technikgläubigkeit der modernen Zivilisation. Und in "Kassandra", ihrem international erfolgreichsten Buch, prophezeit die in der Ich-Form erzählende Seherin den Untergang totalitärer Regime.

Nimmt man die Kurzprosa und Essays hinzu, in denen sie die Rollen der Geschlechter, die Fragwürdigkeit einer patriarchalischen Geschichtsschreibung, die Beziehung zwischen Wissenschaft und Kunst sowie ethische Fragen der Genetik behandelt, zeigt sich: Keine Autorin des 20. Jahrhunderts hat sich den Hoffnungen und Verwerfungen ihrer Zeit so rigoros gestellt wie Christa Wolf.

Zum Schlüsselwerk für ihre und nachfolgende Generationen wurde der 1976 erschienene Roman "Kindheitsmuster". Er beginnt mit dem Satz: "Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd." Zu glatt war der Übergang in jene Ordnung verlaufen, die sich unter Stalins Diktat als Alternative zum Kapitalismus betrachtete. Die Wolf verwahrte sich gegen den staatlich verordneten Antifaschismus in der DDR und setzte schreibend ihre Erfahrung unter Hitler dagegen.

Ein deutsches Schicksal

Ihre Biografie - ein deutsches Kriegs- und Nachkriegsschicksal: Geboren als Christa Ihlenfeld in Landsberg an der Warthe, heute Polen. Mitglied im Bund Deutscher Mädchen. Autoritätsgläubigkeit und Hang zur Ein- und Unterordnung nennt sie als prägende Muster aus jener Zeit. Dann der Zusammenbruch des Nazi-Regimes. Flucht und Vertreibung. Ankunft in Mecklenburg, Abitur in Bad Frankenhausen, Germanistik-Studium in Jena. Heirat mit Gerhard Wolf. Eintritt in die SED. Begegnungen mit kommunistischen Exil-Autoren wie Anna Seghers und Willi Bredel. Christa Wolf wird Mitarbeiterin des DDR-Schriftstellerverbands, veröffentlicht ihre "Moskauer Novelle". Doch bei der Suche nach dem "Neuen Menschen" stößt sie immer wieder auf Relikte der Vergangenheit.

 

Wenig später geriet sie ins Dauerfeuer des nun gesamtdeutschen, doch westdeutsch dominierten Feuilletons: wegen der unzeitgemäßen Publikation ihrer Erzählung "Was bleibt", wegen ihrer Erinnerungslücken, die Zeit als "IM Margarete" betreffend, hauptsächlich wohl aber deshalb, weil sie den Vereinigungsprozess kritisch betrachtete.

Die teils unsachlich vorgetragene Kritik traf sie bis ins Mark. Ihr Werk, bis dahin gefeiert und sogar für den Nobelpreis vorgeschlagen, wurde über Nacht zum Präzedenzfall einer Abrechnung mit der DDR-Literatur. Christa Wolf reagierte mit Rückzug und Krankheit. Im fernen Kalifornien redete sie über ihre frühe Einlassung mit der Stasi: Einer dünnen Täter-Akte (1959-1962) stehen 42 Ordner Opfer-Akten gegenüber, von 1968 bis 1980 wurde sie ("OP Doppelzüngler") ausgespäht. Man findet nichts, womit sie anderen geschadet haben könnte.

Schreiben als Therapie

Doch es blieb Scham. Dagegen half nur Schreiben. Mit "Medea. Stimmen", einem Roman, der im mythischen Gewand von Heimatverlust und Intoleranz erzählt, meldete sie sich bei ihren Lesern zurück. Die Deutschen aus Ost und West, so hat sie in ihrer Dresdner Rede vorgeschlagen, sollten sich versammeln und einander ihr Leben erzählen. Vor der Leipziger Bücherei versammelten sich über tausend Leute zur Lesung und riefen: "Wir sind das Volk!"

2003 erschien das Tagebuchwerk "Ein Tag im Jahr", 2005 die Prosasammlung "Mit anderem Blick". Zuletzt hatte sie sich mit dem Buch "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" ihrer Stasi-Verstrickung gestellt. Obwohl diese Auseinandersetzung halbherzig erfolgte und wichtige Fragen weiterhin verdrängt wurden, reagierte das Feuilleton mit Lobeshymnen auf das Werk.

Da sie sich dem Diktat der Partei nicht beugte, eckte sie immer wieder an. Um sich treu zu bleiben, musste sie einiges aushalten: die Schelte des 11. ZK-Plenums 1965, die Kritik an ihren Kassandra-Vorlesungen, mit denen sie sich zum Pazifismus und zur Friedensbewegung bekannte. Christa Wolf verurteilte die Ausbürgerung Wolf Biermanns und hielt dennoch der in Bewegung geratenen DDR die Treue. Am 4. November 1989 erlebte sie als Rednerin auf dem Alexanderplatz jenen "utopischen Moment", auf den sie so lange hingeschrieben hatte: Sie spricht vor Hunderttausenden Leuten von revolutionärer Erneuerung, von einer Befreiung der Sprache und vom Träumen mit hellwacher Vernunft und erleidet, als ahne sie, was kommt, einen Schwächeanfall.