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10.10.2009

Kalenderautor: Volker Brauns 'Flickwerk'

von Ulrich Kaufmann TLZ

Vor und nach seinem 70. Geburtstag im Mai dieses Jahres erlebten wir den Dichter in einer Phase höchster Produktivität: In der Zeitschrift "Sinn und Form" waren erstaunliche Gedichte zu lesen, dem Schelmenroman "Machwerk" (2008) folgt nun ein Band, welcher mit "Flickwerk" überschrieben ist. Tangiert werden die beiden Prosatexte durch das bereits durch den Suhrkamp-Verlag angezeigte, über 800 Seiten umfassende Arbeitsbuch "Werktage". Stets geht es in dieser "Trilogie" um Arbeit, um geleistete und bedrohte sowie um die des Dichters selbst in den Jahren 1977 bis 1989.
Den Titel für die vorliegende Kurzprosasammlung fand Braun bei dem Arbeitsmarktexperten Burda. Dieser hatte den Versuch der Bundesregierung, ältere Arbeitslose durch Lohnzuschüsse, Lockerung des Kündigungsschutzes und 50 000 1-Euro Jobs in Lohn und Brot zu bringen, als "Flickwerk" bezeichnet. Der Dichter nutzt dieses Bild und begreift es - mit Blick auf Narrenmotive bei Franz Kafka - als "Narrenkleid". Dies bezieht er keineswegs nur auf die "Abgerissenen und Ausgebrannten", sondern sieht es als Metapher für die menschliche Gattung schlechthin.

In seinen 64 Texten, die eine überregionale Tageszeitung bereits in Fortsetzungen abdruckte, erzählt Braun aktuelle Geschichten aus aller Welt. Dass der stoffhungrige Autor ein besessener Zeitungsleser ist, spürt man auch hier. Dies hat er mit Johann Peter Hebel (1760-1826) gemein, den Braun in dem Text "Ein Fall von Missgunst" ausdrücklich (aber keineswegs zum ersten Mal!) zitiert. Seiner Sammlung, die einen Schock Streiche umfasst, hat der Erzähler Braun keine Genrebezeichnung beigegeben. Die Miniatur "Aus Willkür wirds nicht Tag" erzählt vom Präsidenten Venezuelas. Diese endet mit der Sentenz: "und ich Narr rücke den Text mit Lust in den Kalender". Interessant dabei ist, dass der Dichter sich ebenso als Narr und - wie Hebel - als "Kalendermacher" begreift. Kalenderschriftstellerei heißt auch für Braun, sich dem banalen Alltag zu stellen und sich gleichermaßen "planetarischen Ansprüchen" zuzuwenden.

Wortspiele mit viel Hintersinn

Als man vor Jahren den zehnten Himmelskörper Sedna entdeckte, wurde erörtert, ob er den "Mindestanforderungen an einen Planeten" genüge. Warum, fragt der Kalenderautor, wurde ein solcher Anspruch gegenüber "unserer bewohnten und wie selbstverständlich akzeptierten Terra nie erhoben"?

Auch wenn Braun jahrhundertealte, volkstümliche Formen aufnimmt, verlangt er dem Leser einiges ab: Den Sinn für das Denken in Gleichnissen, ein Gespür für hintersinnige Wortspiele sowie die Bereitschaft, eine nur angedeutete Moral weiterzudenken. Der Autor macht uns in nur zwei Sätzen glauben, dass sich "Auf dem Highway" folgende Geschichte zugetragen habe: "Der Fall des australischen Autofahrers, der von der Polizei gestoppt wurde, weil er auf einer der belebtesten Straßen "weiter als notwendig" rückwärts fuhr, 40 Kilometer zwischen Sydney und Melbourne, und erklärte, der Rückwärtsgang sei der einzig noch funktionierende und er habe ja noch 90 Kilometer bis in die Stadt Numurkah, und der zudem ohne Fahrpapiere unterwegs war: ist der nämliche Fall unserer Regierung, die den Sozialstaat voranbringt. Der Mann aber muß sich demnächst vor Gericht verantworten."

Im 60. Jahr der Bundesrepublik war und ist man vielerorts dabei, die Leistungen der Ostdeutschen möglichst gering zu veranschlagen. Dies geschah auch bei Rückblicken auf die bildende Kunst und die schöngeistige Literatur. Manch einer versucht dabei, auch Volker Braun als "Staatstrompete" zu verunglimpfen, die nach der Wende nur durch Nörgelei aufgefallen sei ... Ich wünschte, wir hätten mehr Autoren wie Volker Braun, die unbeirrt, in aller Deutlichkeit, mit stilistischer Brillanz und satirischer Schärfe der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Wer genau liest, wird spüren, dass der Dichter in seiner Kritik - vor und nach 1989 - niemanden schont, sich selbst am allerwenigsten.

Die Literaturgeschichte muss nicht umgeschrieben werden, aber einer Ergänzung bedarf sie: Mit dem Buch "Flickwerk" gehört Volker Braun in die erste Reihe deutscher Kalenderautoren, neben Hebel, Graf, Brecht, Strittmatter und anderen.

i Volker Braun: Flickwerk. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M., 81 Seiten, 16,80 Euro