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28.02.2007

Kain und Abel - Zwei Seiten des Lebens

von Frank Quilitzsch TLZ

Erfurt. (tlz) Viel Schweiß ist geflossen - sowohl beim Verfassen der Texte durch die 14- bis 20-jährigen Teilnehmer am Schreibwettbewerb "Gewalt und Zärtlichkeit" als auch bei den Juroren, die 220 Einsendungen zu lesen und zu bewerten hatten. Am Ende hat es sich für alle gelohnt. "Auch wir haben eine Menge gelernt", äußerte der Südthüringer Kulturmanager Hendrik Neukirchner im Namen der siebenköpfigen Jury. "Wir wissen jetzt, wie junge Leute über Gewalt denken, welche Erfahrungen sie gemacht haben, was für Sehnsüchte sie treiben und welche Wege zur Konfliktbewältigung sie sehen."
Hauptthemen der eingesandten Arbeiten sind Gewalt in der Familie und auf dem Schulhof, Rechtsextremismus und Ausländerhass, Kindesmissbrauch und Ausgrenzung von Andersdenkenden in der Gesellschaft, aber auch die Erfahrung von Zärtlichkeit in Liebes- und Freundschaftsbeziehungen. Als Ursachen für eine zunehmende Gewaltbereitschaft werden von den Jugendlichen Arbeitslosigkeit, Alkohol, Intoleranz, Egoismus und Spannungen zwischen den Generationen diagnostiziert. "Betroffen gemacht hat mich die Einsamkeit, die aus manchen Texten spricht", meinte Neukirchner, "da fühlen sich junge Leute mit ihren Problemen allein gelassen." Gleichzeitig zog er ein positives Fazit: "Man spürt das Aufbegehren, den Willen zur Verantwortung und Veränderung. Wer schreibt, ist auf der Suche - nach Kontakt, nach Liebe und Geborgenheit."

Der Jury gehörten weiterhin die Thüringer Schriftsteller Anne Gallinat, Verena Zeltner, Ingrid Annel und Landolf Scherzer sowie die Kulturredakteure Peter Lauterbach (Freies Wort) und Frank Quilitzsch (TLZ) an. Jedes Jury-Mitglied hat alle 220 Einsendungen, insgesamt 600 bis 700 Seiten, gelesen und seine 40 Favoriten in die Endauswahl gegeben. Aus jenen wurden dann in einer Mammutsitzung jene 30 Besten ermittelt, die zur Literaturwerkstatt vom 16. bis 19. März in Weimar eingeladen und deren Texte in einer Anthologie veröffentlicht werden. Die Briefe an die Eltern der Preisträger sind auf dem Postweg. Bekannt gegeben werden können die Namen erst, wenn die Erziehungsberechtigten ihr Einverständnis gegeben haben, was bis Mitte nächster Woche zu erwarten ist.

Unter den Gekürten sind nur drei Jungen. Überhaupt ist der Anteil an weiblichen Schreibenden überragend. Es entsteht der Eindruck, dass Mädchen sensibler beobachten und besser in der Lage sind, ihre Gefühle in eine sprachliche Form zu bringen. Auch überwiegt die Prosa gegenüber lyrischen Versuchen, von denen nur wenige den Ansprüchen der Jury standgehalten haben.

Fest steht das Programm der Schreibwerkstatt in der Europäischen Bildungs- und Begegnungsstätte Weimar. Neben intensiver Textarbeit in drei Gruppen, die von Matthias Biskupek, Anne Gallinat und Landolf Scherzer geleitet werden, ist Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen eingeplant. Ein Besuch von Goethes "Werter" gemeinsam mit der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Katrin Göring-Eckardt, im DNT und eine Stadtführung bilden den kulturellen Rahmen.

Die Werkstatt-Leiter freuen sich auf die Arbeit mit den jungen Schreibenden. Das sei ja auch eine Form des Austauschs zwischen Generationen, meinte Landolf Scherzer: "Wer schreibt, begegnet irgendwann Kain und Abel, den zwei Seiten des Lebens."