Presse - Details

 
28.01.2014

Jutta Ditfurth: "Auseinandersetzung mit Nazi-Tätern ist unterentwickelt"

von Gerlinde Sommer TLZ

Jutta Ditfurth. Sie hat ein Buch über ihre adelige Verwandtschaft und deren Judenhass geschrieben. Viele ihrer Vorfahren waren in Thüringen beheimatet. Foto: Steinhausen

Jutta Ditfurth hat für ihr neues Buch "Der Baron, die Juden und die Nazis", 200 adelige Vorfahren und ihren Judenhass unter die Lupe genommen. Zur Zeit befindet sie sich auf Lesetour durch Thüringen.

Weimar. Das "von" hat Jutta Ditfurth schon lange aus ihrem Namen gestrichen. Es passte nicht zu ihr. Dass es auch so gut wie keinen guten Grund gäbe mit Blick auf die jüngere deutsche Geschichte, sich mit den Vorfahren zu schmücken, haben ihre Recherchen zur adeligen Großfamilie väterlicher- wie mütterlicherseits ergeben. Selbst Börries Freiherr von Münchhausen, der als Freund der Juden galt, stellt sich als Antisemit heraus.

Tiefe Einblicke vor allem auch in die Familienarchive lassen den Schluss zu: Viele Adelige waren Wegbereiter der Nazis - und sie haben schon sehr viel früher die Juden gehasst, waren glühende Antisemiten, wie sie nachweist. Ihr Buch "Der Baron, die Juden und die Nazis" ist eine kühle Abrechnung mit einer Reihe von Personen, die einen großen Namen tragen. Und nicht wenige von ihnen hatten intensive Beziehungen in das zu Zeiten der Kleinstaaterei von vielen Adeligen beherrschte Thüringen. Deshalb führt eine Lesereise Jutta Ditfurth jetzt nach Weimar - hier gab es neben den von Steins, die zum großen Familienkreis gehören, vor allem Verbindungen von Langenorla nach Großkochberg; weitere Stationen werden Veranstaltungen in Saalfeld, Jena und Windischleuba sein. Vorfahren lebten auch in Ranis, Triptis und an vielen weiteren Orten.

Familie, das ist beim Adel nicht nur Vater, Mutter und die Kinder, sondern ein großer Kreis auch entfernterer Verwandtschaft. Vor allem ältere weibliche Angehörige hatten Jutta schon als kleines Mädchen mit dem vertraut gemacht, was sie selbst als adlige Fräulein erlernt hatten - etwa auf Anstalten für Höhere Töchter, wie es sie auch in Altenburg gab. Ganz wichtig war dabei immer das Ziel, eine Verehelichung in den eigenen Kreisen anzustreben; also standesgemäß zu heiraten. Das, was gemeinhin "Blaues Blut" genannt wird, deutet Jutta Ditfurth so, dass hier vor allem auch auf "Rasse" geachtet werden sollte, auf "Blutreinheit". Jutta Ditfurth, Jahrgang 1951, wurde auf eine Privatschule in Heidelberg geschickt, in der der Anteil adeliger Mädchen sehr hoch war, sie wurde "als 15-, 16-jährige auf Adelsbälle geschleppt", sie musste nach dem Abi mit 17 für ein halbes Jahr auf ein Höhere-Töchter-Internat.

"Das war die reinste Kaserne", sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Ihre Großmutter habe gesagt: "Mädchen, heirate in der richtigen Kiste" - und das hatte "immer einen Geruch von Tierzucht", sagt Ditfurth. All die Vorsichtsmaßnahmen aber schlugen fehl: "Um es kurz und pathetisch zu sagen: Die Apo hat mich gerettet", sagt die Frau, die den meisten als Grünen-Mitbegründerin und nach ihrem Austritt 1991 als Grünen-Kritikerin bekannt ist. Inzwischen sitzt sie für die "ÖkoLinX"-Partei in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung - und ist vor allem Autorin.

Schon als Mädchen war ihr aufgefallen, wie über Juden in dieser adeligen Umgebung geredet wurde. Eine wichtige Rolle spielt daher auch im Buch eine Begebenheit in den Lebenserinnerungen ihrer Urgroßmutter Gertrud von Beust: Schon als Kind hatte sich diese im Jahr 1860 bei einem Ausflug nach Bad Kösen geweigert, mit dunkeläugigen Kindern zu spielen, "weil sie diese verdächtigte, Juden und damit Christusmörder zu sein", sagt Ditfurth. Beim Blick zurück auf die Familiengeschichte gab es immer mehr "Fragwürdigkeiten; später habe ich sie auch Lügen genannt". Ein Beispiel: Wenn sie ihre Großmutter nach einem Verwandten fragte, der auf einem Foto eine SS-Uniform trug, so antwortete diese klassisch mit "Onkel Soundso, der hatte sehr feine Manieren". Alles andere - also etwa die Frage, was diese Person an der Ostfront oder bei der Judenvernichtung gemacht hatte - wurde ausgespart.

Schon Achim von Arnim hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts davon gesprochen, dass "Juden sich chemisch-biologisch von den Christen unterscheiden" würden. "Da - und nicht etwa erst mit den Nazis - beginnt der Rassediskurs", sagt Ditfurth.

Begonnen hat ihre Spurensuche zum jetzigen Buch bereits kurz nach dem Fall der Mauer in Langenorla. Sie kam damit einem Versprechen ihres kurz zuvor verstorbenen Vaters Hoimar nach - und ging mit ihrer Mutter Heilwig, eine geborene von Raven, auf Reisen. Zuvor war Jutta Ditfurth die Einreise in die DDR mehrfach verwehrt worden: "Ich war für die SED die falsche Art von Linke: zu antiautoritär, zu ökologisch, irgendwie schwer einzuschätzen", sagt sie. Orte der Kindheit ihrer Mutter waren Schlösser und Rittergüter - nicht wenige davon in Thüringen.

Jutta Ditfurth schreibt gerne "leicht lesbare Sachbücher" - und das ist ihr auch mit "Der Baron, die Juden und die Nazis" gelungen. Dass sie dabei so tief in die Geschichte eindringen und den zu untersuchenden Personen so nah sein konnte, hatte mit ihrer adeligen Herkunft zu tun: "Der offene Zugang zu Familienarchiven", der ihr damals noch gewährt wurde, eröffnete ihr Quellen, die anderen Wissenschaftlern meist von vorneweg verschlossen bleiben. Jetzt auch ihr, "nachdem ich das Tabu gebrochen habe und sage, wie eng die Familie und überhaupt der protestantische Adel mit den Nazis verbunden war", sagt sie. "Ich habe mir aber alles Notwendige kopiert", so Jutta Ditfurth zum "empirisch sauberen Material". Anerkennung von Historikern erfahre sie dafür; in den vermeintlich eigenen Kreisen aber ist sie untendurch: "Es gibt ganze zwei junge Leute in der riesigen Verwandtschaft, die sich für das Buch unbefangen interessieren", stellt sie fest. Viel ausgeprägter sind böse Reaktionen - bis hin zu offener Aggressivität, wie sie sagt. "Ich habe das Gefühl, ich habe eine völlig verrostete Tür zu einem Keller voller Informationen aufgemacht und stelle fest: Das ist alles unglaublich lebendig", kleidet sie ihre Erfahrungen in ein Bild. Erst jetzt sei ihr in aller Deutlichkeit klar geworden, "was für ein großer Unterschied zwischen der Tatsache besteht, einerseits zu sagen, Hitler­faschismus ist ganz grauenhaft und der Massenmord an den Juden, wie schrecklich, andererseits sich aber überhaupt nicht zu äußern über die Verbrecher in der eigenen Familie. Die Auseinandersetzung mit den Nazi-Tätern ist unterentwickelt. Sie verschwindet vollkommen hinter dem Glorienschein, den Marion Gräfin Dönhoff den Helden vom 20. Juni 1944 angedichtet hat", sagt Jutta Ditfurth.

Angedichtet? Genau, sagt Ditfurth mit Blick auf die Adeligen unter den Widerständlern. "Die Mehrheit der adeligen Attentäter gegen Hitler waren erstens selber ganz früh Nazis und sie waren entschiedene Antisemiten - und sie haben das Attentat nur begangen, weil sie wussten, dass der Krieg längst verloren war. Sie wollten sich in eine bessere Position mit den Alliierten begeben - und nicht noch einmal einen solchen Prestigeverlust erleiden wie nach 1918", sagt Ditfurth. Und sie verweist wegen des Antisemitismusvorwurfs auf "frühe Stauffenberg-Texte und Schulenburg-Briefe an die Familien". Sie hat sie am Ende ihres Buches dokumentiert. Sie blickt auf die 1920er Jahre, zeichnet nach, wie ihre adeligen Großtanten damals Wahlkampf für die Deutsch­nationalen machten.

Sie spricht von einem rechtsextremen Netzwerk des Adels in dieser Zeit. 200 Biografien habe sie untersucht - "und da war nur ein Einziger, Carl Eduard von Brandenstein, der die Juden nicht vernichten und die Weimarer Republik nicht niederkämpfen wollte", sagt sie über den Mann, der nach der Gründung des Landes Thüringen von 1920 bis 1921 Innenminister und von 1921 bis 1922 Justizminister war. Ihr Urgroßvater Wilhelm von Ditfurth hingegen, ein Generalmajor, habe "Hindenburg überredet, zu kandidieren - und der gab dann die Macht an Hitler", zeichnet sie eine klare Linie nach. "Sie sind von vorneherein Täter", so ihr Urteil.