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18.12.2010

Jürgen Fuchs: Hinter den Texten steht immer eigenes Erleben

von Udo Scheer TLZ

Leiser, eindringlich hinterfragender Ton: Jürgen Fuchs ist mit Originalaufnahmen auf CD zu hören. Foto: privat/Lilo Fuchs

 

Am 19. Dezember hätte Jürgen Fuchs seinen sechzigsten Geburtstag feiern sollen. Stattdessen erinnern an diese Ausnahmepersönlichkeit unter den Schriftstellern und Bürgerrechtlern heute eine Jürgen-Fuchs-Bibliothek in seinem Geburtsort Reichenbach (Vogtland) und eine Jürgen-Fuchs-Straße vor dem Thüringer Landtag in Erfurt.

Porträt

 

Im Frühjahr 1998 hatten wir uns für ein Rundfunkinterview in der psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle Waldstraße in Berlin Moabit verabredet. Nur wenige wussten, dass dort Jürgen Fuchs und seine Frau Lilo sich eine Stelle als Sozialpsychologe für Problemjugendliche teilten. In diesem quicklebendigen Haus hatte er für eine knappe Stunde etwas Ruhe organisiert. Ich stellte ihn den Hörern vor - Psychologiestudium in Jena, Freundschaft mit Robert Havemann und Wolf Biermann, operative Stasi-Bearbeitung für den Anspruch "sagen und schreiben, was ist", politische Exmatrikulation, neun Monate Stasi-U-Haft: "1977 wurden Sie ausgebürgert und von Westberlin aus zu einem der wichtigsten Kontaktpartner für die unabhängige Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. 1982 unterschrieb Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, gegen Sie einen Fahndungserlass, der bis 1999 (!) im gesamten sozialistischen Lager, auch beim Transit durch die DDR, gelten sollte. Es gab Morddrohungen und Anschläge gegen Sie, auch in Westberlin." Da sagte er: "Na ja, wenn Sie das jetzt so aufzählen, erschrickt man ja fast noch mal mit, was da alles geschehen ist - in Jena, aber auch nach der Ausbürgerung, in Westberlin. Das war von mir aus schon gedacht als Versuch, als Schriftsteller zu leben, zu sagen und zu schreiben, was ich denke - also frei zu sein. Und damit konnte sich eben so ein totalitärer und - ja - erzwingerischer Staat wie die DDR schlecht abfinden." Doch wer kennt heute noch Jürgen Fuchs? Am ehesten hat man vielleicht gehört, dass sein Tod möglicherweise auf Verstrahlung durch die Staatssicherheit zurückzuführen sei. Dabei war dieser Autor über zwei Jahrzehnte medienpräsent wie wenige. Ende der 1970er und in den 80er Jahren galt er als die andere Stimme aus der DDR, und mancher sah in ihm einen literarischen Star.

Hörbuch erschienen

Es ist das Verdienst der für ihre Arbeit mit dem Deutschen Hörspielpreis ausgezeichneten Berliner Autorin Doris Liebermann, dass jetzt ein Hörbuch mit Originalaufnahmen aus dieser Zeit erschienen ist: "Das Ende einer Feigheit" (mit einer Einführung von Herta Müller und einem Lied von Wolf Biermann, HörbuchHamburg Verlag, Doppel-CD, 150 Minuten, 14.95 Euro). Bei Archivrecherchen für ein Rundfunkfeature war sie auf Lesungsbänder mit Fuchs gestoßen, die Interessierten normalerweise nicht zugänglich sind: Prosa, Gedichte und ein Interview mit dem Literaturkritiker Hans-Georg Soldat. Dazu singt Wolf Biermann ein Lied für seinen 1999 viel zu früh verstorbenen Freund, und die Nobelpreisträgerin Herta Müller würdigt in einem Essay das Besondere an Fuchs' literarischer Sprache: "Bei Jürgen Fuchs bleibt alles im Besitz seines Klarnamens, und jedes bleibt, wie es wirklich passierte. Diese spannende literarische Dramaturgie ist dem Erlebten nicht ohne weiteres abzuluchsen ... Weil dies Jürgen Fuchs so gut gelingt, glaubt man, die Wirklichkeit hat sich in diesen Texten selbst aufgeschrieben." Gleichsam als Bestätigung ist er in einer RIAS-Produktion von 1987 mit Auszügen aus seinem späteren Erfolgsroman "Das Ende einer Feigheit" zu hören. Diese Lesung bietet außerordentliche Innenansichten über die studentische Wehrerziehung auf dem sozialistischen Kasernenhof.
Nicht jeder gute Autor ist auch ein guter Interpret seiner Arbeiten. Jürgen Fuchs war es. Sein leiser, eindringlich hinterfragender Ton war Teil seiner Wesensart. Hinter seinen Texten stand immer eigenes, authentisches Erleben. Auf der zweiten CD liest er 1979 im Deutschlandfunk aus seinem ersten Gedichtband "Tagesnotizen". Es ist die beeindruckende, junge Stimme eines unfreiwillig Ausgebürgerten auf Orientierungsfindung: "26.8.78 // Auf dem Weg zum Briefkasten / Sah ich zwei große Hunde / Auf den Rücksitz / Eines Autos springen / Sie bellten nicht / Sie saßen sofort still / Ich ging weiter / Als sei nichts geschehen". Diese Begegnung notierte er auf den Tag genau ein Jahr nach seiner Ankunft in Westberlin. Er ging weiter, "als sei nichts geschehen". Und doch schwingt alles mit, was geschehen war, in den neun Monaten Stasi-U-Haft mit Psychofolter und Zellenspitzel, und auch das Davor.

Fuchs liest Gedichte

In einer weiteren RIAS-Lesung 1981 stellt Fuchs seinen Gedichtband "Pappkameraden" vor. Ein junger Rekrut mit Borcherts Satz im Kopf: "Wir werden nie wieder antreten, auf einen Pfiff hin", sieht sich konfrontiert mit einer neuen deutschen, jetzt DDR-deutschen Vorwärtsmilitarisierung. Diese Gedichte sind Teil seiner Antwort an eine naive westdeutsche Friedensbewegung. Und er liest Gedichte über seine Herkunft, wie dieses: "Ich habe es nicht eilig // Die Städte / Zu vergessen / In denen ich lebte ..." Eines seiner künftigen Grundthemen klingt an: Die zweite Schuld, das Verschweigen.