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06.05.2005

Jens-Fietje Dwars verfasst Briefe an Schiller

von Frank Quilitzsch TLZ

Briefe schreiben im 21. Jahrhundert - was für ein Anachronismus! Und wie nähert man sich reflektierend einem Genie? Schon im ersten Brief ist sich der Autor der Schwierigkeit seines Unterfangens bewusst. So verzichtet er auf die Anrede und fällt gleich mit der Flut ins Haus. Der Bücherflut zum Dichter-Jubiläum und dem Tsunami vom Dezember 2004, einem "Erdbeben, vergleichbar mit jenem, das Lissabon 1755 verschlang". Wo liegt da ein Zusammenhang?

"Neue Briefe über die Erziehung des Menschen" - an Wagemut mangelt es ihm nicht, dem Jenaer Publizisten und Grimme-Preisträger Jens-Fietje Dwars, der erst kürzlich, auf eigenes Risiko, Johannes R. Bechers Ahrenshooper Gedichte neu auflegte. Und nun Briefe, selbst verfasste, an Friedrich Schiller.

Ein schönes Büchlein, frei und frech im Ton, manchmal zu gesalbt, doch im Grundgestus so, wie Schiller es sich wünschte: "Erkühne dich, weise zu seyn. Energie des Muths gehört dazu, die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur als die Feigheit des Herzens der Belehrung entgegensetzen." In seinen 1795 erschienenen Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" versuchte Schiller, die mit der Französischen Revolution verknüpfte Epocheerfahrung verarbeitend, eine Konzeption zu entwickeln, nach der das Politische den Weg über das Ästhetische nehmen müsse, "weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert".

Dwars nimmt die Gedankengänge Schillers auf, um sie mit den Erschütterungen des 20. Jahrhunderts zu konfrontieren: zwei Weltkriege, das Gleichgewicht des Schreckens, Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems und, als Folge, die globale Herrschaft des Kapitals. Im Zwiegespräch mit dem berühmten Anreger leistet er nicht nur Zeit(geist)kritik, sondern sucht auch ernsthaft nach Alternativen - mehr Freiheit etwa durch sinnvolle Umverteilung der Arbeit.

Interessant sind die Kurzessays vor allem dort, wo sie konkrete Erfahrungen des Verfassers bündeln, zum Beispiel im vierten Brief, der ein Kapitel Jenaer Universitätsgeschichte erzählt. Zwei Studentenkonferenzen - zum 225. Geburtstag Schillers und zur Französischen Revolution - wurden in den 80er Jahren zur wissenschaftlichen Herausforderung und Gratwanderung zwischen Doktrin und "Neuem Denken" im Lichte Gorbatschows. Ein fast vergessenes Kapitel. Letztlich, zeigt Dwars, steht Schiller in vielen Denkanstößen dem nachgeborenen, in Jena promovierenden Karl Marx näher als jenen, die das Denkmal des Philosophen aus der Universität verbannten.

i Jens-Fietje Dwars: Neue Briefe über die Erziehung des Menschen. Ein Gespräch mit Friedrich Schiller. Edition Ornament, quartus-Verlag, Bucha bei Jena, 64 S., 14.80 Euro