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22.05.2014

Jenas berühmteste Dichterin: Interview zu Ricarda Huch

von Angelika Bohn Ostthüringer Zeitung

Biografin Katrin Lemke steht vor der Jenaer Göhre, in der sich einst eine auch von Ricarda Huch besuchte Weinstube befand. Foto: Angelika Bohn

Die Schriftstellerin, Dichterin und Philosophin Ricarda Huch (1864-1947) war eine der bekanntesten Frauen ihrer Zeit. Von 1936 bis 1947 lebte sie in Jena. Davon erzählt die Huch-Biografie von Katrin Lemke, die gerade erschienen ist.

Jena. In der Jenaer Friedenskirche wird heute anlässlich ihres 150. Geburtstags an Ricarda Huch erinnert, die von 1936 bis 1947 in Jena lebte. Sie gehört zu den spannendsten Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts. Davon erzählt Katrin Lemke, Jenaerin und Lehrerin im Ruhestand, in ihrer Ricarda-Huch-Biografie, die gerade bei der Weimarer Verlagsanstalt erschienen ist.

Frau Lemke, Ricarda Huch ist heute nur wenigen geläufig. Hat Sie das bewogen, eine neue Biografie zu schreiben?

Ja. Denn Ricarda Huch ist die berühmteste Dichterin, die in Jena gelebt hat. Eine hochinteressante Frau mit vielen Widersprüchen. Sie hat ein riesengroßes Werk hinterlassen, das des Nachfragens wert ist. Über manches ist die Zeit hinweggegangen, anderes ist sehr schön und lebendig. Und schließlich habe ich als Lehrerin immer wieder erfahren, wie wichtig Biografien für Jugendliche sind.

Spielte das eigene Vergnügen an Biografien mit?

Ich war immer ein großer Freund von Biografien und es hat mir Spaß gemacht, Ricarda Huchs Leben zu erzählen. Mit meinem Büchlein habe ich kein Nachschlagewerk angesteuert. Ich wollte sie lebendig werden lassen durch die Erzählung ihres Lebens. Dafür, hoffe ich, sind Leser zu interessieren. Mal sehen, ob das funktioniert.

Wie sind Sie selbst auf Ricarda Huch gestoßen?

Meine Familie ist 1958 nach Jena gezogen, da war ich sechs. Meine Mutter arbeitete als Dozentin für Deutschmethodik an der Uni, und der Name Ricarda Huch schwebte immer in der Luft. Vielleicht hat er sich mir so eingeprägt, weil Huch für ein Kind auch ein wenig ulkig klingt. Dann lernte ich als Studentin die Familie Lemke kennen und sah in deren Haus das Altersporträt von Ricarda Huch, das Rudolf Lemke, mein Schwiegervater, 1941 gemalt hatte. Ricarda hat auf diesem Bild einen so interessanten Blick. Er hat mich gefesselt, und ich begann, mich mit ihr zu beschäftigen. 2005 haben wir in Jena einen kleinen Interessenkreis Ricarda Huch gegründet. Als ich vor zwei Jahren aufhörte zu arbeiten, wurde es dann ernst. Ich habe in Marbach recherchiert, gründlicher mehrere der vorhandenen Biografien gelesen.

Kann man also immer noch Neues entdecken?
Sicher. Nach Auskunft der Leiterin der Bibliothek gibt es noch 80 Kisten, die zum Teil noch nicht ausgewertet sind. Meine kleine Biografie hat 160 Seiten, sie ist erweiterbar. Für mich ist das auch ein Prozess, der nach hinten noch offen ist. Mal sehen.

Haben Sie inzwischen alle Werke, es sind ja über 50 Bücher, von Ricarda Huch gelesen?
Golo Mann hat wunderbar gesagt, ihr historisches Erzählwerk sei unvergleichlich, weil es so nur aus ihrer Feder kommen konnte. Es erhebe aber auch nicht den Anspruch, für immer zu sein. Mit diesem Werk habe ich mich nur im Ansatz beschäftigt. Besonders beschäftigt habe ich mich mit ihrer Lyrik, ihren Novellen und den Romanen. "Der letzte Sommer" oder "Der Fall Deruga" kann ich mit gutem Gewissen als auch heute noch interessant empfehlen. Interessant und spannend finde ich, sie veröffentlicht 1946 "Die Urphänomene", in denen sie über die humanistischen Grundwerte schreibt, die Bestand haben sollen, auch wenn das Leben voller Tragik, voller Schuld, voller Versagen, voller offen bleibender Sehnsucht, voller Verunsicherung ist.

Welche Werte sind das für sie?

Als Protestantin nennt sie natürlich Gott, aber sie nennt auch den Himmel, den Kosmos, die Liebe. Sie schreibt das in einer Zeit, in der den Deutschen eigentlich alle Gewissheiten abhanden gekommen sind.

Worin liegen die Gründe für die langsam verblassende Wirkung ihrer Kunst?
Ricarda Huch ist eine solitäre Erscheinung, die die Hauptimpulse für ihr Schreiben aus dem 19. Jahrhundert mitbringt. gewissermaßen eine Tochter Kellers, Fontanes, Gotthelfs. Sie schreibt aber in einer Zeit, die bald die Moderne heißen wird. Doch sie steht dem Expressionismus, Symbolismus, selbst dem Naturalismus distanziert gegenüber. Was sie dann nicht hindert, als die Ausstellung "Entartete Kunst" auf den Weg gebracht wird, zu sagen, wie entsetzlich sie die Bevormundung von Kunst findet.

Wie reagiert sie, als die Nazis an die Macht kommen?
Sie tritt aus der Dichterakademie aus, nimmt in Kauf, dass ihre Bücher nicht mehr in den Buchhandlungen zu sehen sind. Sie verbittet sich, das von Gottfried Benn entworfene Bekenntnis zu unterschreiben. Sie verbittet sich, überhaupt so ein Bekenntnis ablegen zu sollen. Sie wird in Jena 1937 denunziert, weil sie sich weigert, in einer privaten Gesellschaft die Ansicht des Hausherrn zu bestätigen, die Juden können nicht organisch denken. Sie sagt, es gibt jüdische Chemie- und Physiknobelpreisträger, da werden sie wohl organisch denken können. Nach 1945 ist für sie das Wichtigste, die Frage nach unserer eigenen Schuld.

In ihrer Zeit ist sie eine der wenigen Frauen, die sich als Schriftstellerin durchsetzen. Wie schafft sie das?
Das ist wirklich ein Phänomen. Sie wird von der Großmutter erzogen, die sehr in die Moralnormen ihrer Zeit eingebunden ist, Ricarda aber immer stärkt und unterstützt, ihre eigenen Fähigkeiten zu kultivieren. Als sie in Zürich studiert, an deutschen Universitäten sind Frauen nicht zugelassen, landet sie in einem Freundinnenkreis, der sofort spürt, dass an dieser Ricarda etwas besonders ist. Sie geht zwei Ehen ein, beide scheitern. Sie wagt ungeheuer viel, persönlich und indem sie schreibt. Jeder, der schreibt, wagt.

Sie ist zu ihrer Zeit aber auch ungemein erfolgreich.

Sicher, aber sie traut dem Lob nur zum Teil. Als Thomas Mann sagt, in seinen Augen sei sie eine der ersten Frauen Europas, meint sie, wie kommt er dazu, das zu sagen. Indem er sie lobt als Frau, hört sie Kritik raus. So ähnlich wie Schiller, der sich beleidigt fühlte, weil Goethe ihn nach Jena als Geschichtsprofessor vorschlug, weil das für ihn hieß, aha, ich bin der Geschichtsprofessor, und er ist der Dichter.

Sie ist Schriftstellerin und Mutter, wie bewältigt sie den Konflikt zwischen Beruf und Kind?

Sie wird mit Mitte 30 schwanger, da ist sie mit ihrem sechs Jahre jüngeren italienischen Ehemann verheiratet, der sich freut. Es war nicht ihr Plan, Mutter zu werden. Daraus resultiert dann eine Überliebe zur Tochter Marietta, genannt Bussi. Ricarda lässt sich scheiden und heiratet ihren früheren Geliebten, der findet, Bussi stört. Es gibt schwere Probleme, die Ehe hält nicht, Bussi ist bei der nächsten Scheidung 11. Das ist sehr heutig, finde ich. Bussi wird zur Lebenspartnerin der Mutter. Ohne die Tochter ist ihr Leben nach den Scheidungen gar nicht vorstellbar. So kommt Ricarda Huch schließlich nach Jena, wo ihr Schwiegersohn Franz Böhm an der Universität lehrt.

Warum wurde die Johanniskirche als Ort für die heutige Ricarda-Huch-Ehrung gewählt?
Wir haben einen Ort ausgesucht, an dem sie auf ihrem Weg von der Wohnung am Oberen Philosophenweg in die Stadt immer wieder vorbeigekommen ist. Einen Ort, der auch halbwegs noch so ist, wie sie ihn kannte. Jetzt hat sich sogar ein Verein gegründet, um diesen schönen Johannisfriedhof zu retten. Außerdem ist die Kirche groß genug, dass jeder einen Platz findet, der heute kommt.

Gedenkveranstaltung: heute, Friedenskirche Jena, 19.30 Uhr