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15.11.2002

Jenaer Lesemarathon auf der Reise nach Trulala

von HWK Ostthüringer Zeitung

Jena (OTZ/HWK). Die Entscheidung für das Stadtteilzentrum LISA hatte sich als
goldrichtig erwiesen. 240 Literaturinteressierte, natürlich viele
Russland-Deutsche und Studenten, wollten am Dienstag die Lesung des russischen
Kultautors Wladimir Kaminer im Rahmen des Lesemarathons erleben, so dass der
Saal im LISA restlos ausverkauft war.

Durch Kaminers komödiantische Beschreibungen waren alle in den Bann gezogen. Mit
unglaublichem Erzähltalent hatte er die Lacher stets auf seiner Seite.
Eigentlich wollte der 1967 in Moskau geborene und seit 1990 in Berlin lebende
Russe aus seinem realsatirischem Episodenroman "Militärmusik" lesen, doch
entschied er sich anders und offerierte Proben aus seinem allerneuesten Werk
"Die Reise nach Trulala". Mit viel Ironie und Selbstironie nimmt er die Leser
mit auf seine verrückten imaginären Reisen, zum Beispiel nach Sibirien, wo man
dank manch derber Lebenshilfe schließlich als ganz anderer Mensch zurückkehrt.
Aus noch unveröffentlichten Manuskripten seiner Reisetrilogie las Kaminer
Geschichten aus deutschen Landen, Entdeckungen während so mancher Lesereise. In
Chemnitz sinniert er genüßlich über Marx und den deutschen Gartenzwergkongreß
und in Halle konstatiert er "An den Wänden ist hier das gesamte Kulturgut der
Jugend versprüht."

In seiner Berlin-Geschichte dreht sich augenzwinkernd alles um den Weltspartag.
Auch die Servicementalität im Osten nimmt Kaminer in seiner bekannten Art aufs
Korn, stellt Vergleiche mit Zuständen im russischen Supermarkt an. Kaminer
vesteht es, den Alltag in ein Abenteuer zu verwandeln und der grauen
Wirklichkeit mit seiner blühenden Phantasie auf die Sprünge zu helfen. "Ihr
werdet euer Glück schon finden. Alles wird gut...", schließt Wladimir Kaminer
seine Lesung, mit viel Witz und Charme verstand er es, kurzweilig zu
unterhalten.

Nach langem Beifall hatte Kaminer noch einen anderen Marathon zu meistern: Ein
Großteil der Besucher, die sich mit den Bestsellern wie "Russendisko" vom
Büchertisch eingedeckt hatten, bat den Autor um ein Autogramm. Die Schlange der
Literaturbegeisterten wollte kein Ende nehmen.