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28.09.2013

Jena: Foto-Text-Ausstellung zu Fürstenwalde in der Villa Rosenthal

Der Fotograf Dietmar Riemann hat 1979/80 den Alltag der dort untergebrachten Menschen mit geistiger Behinderung mit der Kamera festgehalten Foto: Dietmar Riemann

"Wortwelten-Bildwelten" steht auch über der dritten Ausstellung in der Jenaer Villa Rosenthal: Nach der zu Wolfgang Hilbig, der darauf folgenden zu den Malerfreunden von Christa und Gerhard Wolf, nun "Ins Innere": Franz Fühmann/und die zwei Zyklen des Fotografen Dietmar Riemann.

Jena. Damit schließt sich ein Kreis. Hat doch Franz Fühmann sich immer wieder für das Werk von Wolfgang Hilbig eingesetzt.

Um 1979/80, als Fühmann in den Samariteranstalten Fürstenwalde sein Leben und Arbeiten mit geistig behinderten Menschen aufnimmt, gab es in Ost und West eine Atmosphäre der Angst, es wurde hoch gerüstet in Europa. Nato-Raketen und SS 20. In der DDR erklärte man die Träger der Bewegung "Schwerter zu Pflugscharen" zu Staatsfeinden. Und Fühmann plädiert für eine umfassende Toleranz. Auf der Berliner Begegnung zur Friedensförderung 1981 sagt er: "Sich als Menschheit verstehen zu lernen setzt voraus, den Anderen verstehen zu lernen." Auf diese zeitgeschichtlichen Hintergründe verweist Gunnar Decker in seiner lesenswerten Fühmann-Biografie.

Fühmann, selbst ständig überwacht und isoliert, bekennt sich generell zu den Außenseitern der Gesellschaft. "Der zum Objekt Degradierte will doch Subjekt sein". Er ist beeindruckt von den Menschen in Fürstenwalde und fragt angesichts des Weltzustandes: "Was ist eigentlich normal und was ist krank, und wie steht es eigentlich um unsere Vernunft, wenn wir es doch mit ihr bis an den Rand der Selbstzerstörung gebracht haben."

Fühmann liest vor den Behinderten

Fühmann liest den Insassen von Fürstenwalde vor, spricht mit ihnen, er hält Vorträge vor den Mitarbeitern. Fürstenwalde, eine Insel in dieser DDR-Welt. Sein Essay über die Fotografien von Dietmar Riemann, besticht durch eine genaue Beobachtung, eine Balance zwischen diesen manchmal schwer zu ertragenden Sachverhalten, um die er keinen Bogen schlägt, und einer Empathie, einem Einfühlen und einem Mitfühlen.

Ihn fasziniert die Eindringlichkeit, mit der etwa sein "Freund Bernd" "schmal, zwanzigjährig, in klobigen braunen Schnürschuhen stapfend", seine Gefühle äußert. "Und mich endgültig erkennend, springt er in die Höhe, die gestreckten Arme rückwärts hochfedernd, Handflächen nach oben, Finger gespreitzt, ein lachender, seltsam unflügger Vogel." An anderer Stelle schreibt er: "In gewisser Weise ähnelt die Arbeit des Spastikers der meinen: enorme Anstrengungen, kleine Erfolge, sehr lange Phasen unbefriedigenden Mühens bis zu einem erkennbaren Fortschritt [...] und das Wesentliche des Geleisteten wird von anderen, ja von einem selbst allzu oft nicht bemerkt."

Die Stasi soll den Dichter einweisen

Fühmann verklärt dabei nicht. Er schreibt auch über den "Schock", den solche Begegnungen auslösen können, über die Härte des pflegerischen Alltages: je über das "Mitleid hinaus". "Roswitha vielleicht, mit dem Gesicht aus Blutschwamm." Ja, er spricht auch von Fluchtgedanken, und da wie dort zu dem Mörderdenken, ob nicht doch eine "erlösende Spritze" "für diese unglücklichen Armen" angebracht sei. Und diese Auseinandersetzung mit Euthanasie und deutscher Geschichte hat nicht nur diesen Vergangenheitsaspekt, sondern auch einen sehr gegenwärtigen. Es ist die Frage nach dem Menschen in seiner Aura und seiner Würde in seiner Ganzheit. Auch darüber schreibt Gunnar Decker und verweist auf folgenden Vorgang:

Am 17. März 1982 vermerkt die MfS-Hauptabteilung XX/7 auf eine Bemerkung des Staatssekretärs für Kultur, Löffler, Folgendes: "Er habe den Eindruck gewonnen, daß Fühmann zunehmend Verhaltensweisen eines Geistesschwachen annimmt. Er beobachtet, daß sich Fühmann hingezogen fühlt, zu Personen, die sich bereits in psychiatrischer Behandlung befinden. [...] Er beabsichtigt über Geistesgestörte und für Geistesgestörte zu schreiben. Genosse Löffler schätzt ein, daß früher oder später eine Einweisung von Fühmann in eine psychiatrische Anstalt nicht zu umgehen sei und dann eine politische Wertung feindlicher Kräfte zu erwarten sei."

Der Bildband "Was für eine Insel und was für ein Meer" mit den Fotografien von Dietmar Riemann und einem einleitenden Essay von Franz Fühmann erschien 1985, ein Jahr nach dem Tod des Schriftstellers.

Die Ausstellung ist bis zum 24. Oktober, immer Mo-Fr 13-17 Uhr geöffnet.