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23.06.2008

Jede Geste zählt

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Mit Poetry Slam führt der Lese-Zeichen e. V. ein literarisches Großstadt-Format in Ranis ein

Von OTZ-Redakteur Marius Koity Ranis. Poetry Slam ist ein Phänomen, das Anfang der 1990er in Deutschland auftauchte und seit Mitte des selben Jahrzehnts in deutschen Metropolen zum kulturellen Standortfaktor aufsteigt. Diesen kann nun auch Ranis anführen und zu verdanken ist er dem Lese-Zeichen e. V., der dieses literarische Großstadt-Format in der Kleinstadt am Wochenende mit den 11. Thüringer Literatur- und Autorentagen einführte.
Poetry Slam ist ein moderner Dichterwettstreit. In seiner Vorrede zum ersten Slam in Ranis führte Wehwalt Koslovsky, international bekannter Zeremonienmeister solcher Veranstaltungen, die Wurzeln solcher Wettbewerbe bis zu Homer und Hesiod in die griechische Antike. Die Slamer bringen ihre Gedichte und Geschichten live in Klubs und Kneipen, mittlerweile auch in Theaterhäusern dar. Die meist jungen Autoren lesen nicht nur oder tragen nicht nur vor, sondern interpretieren ihre Texte. Tonfall, Rhythmus, Mimik, Eigenarten - jede Geste zählt für das Publikum, das nach wenigen Minuten in der Regel mit der Stärke seines Beifalls über den Erfolg eines solchen Auftritts zu entscheiden hat.

Am Freitag war das Pflaster an der Schmiede im Raniser Winkel die Bühne und die Premiere am Fuße der Burg ist auch angesichts der knapp 90 Besucher gut gelungen. Es war die Idee von Anke Scheller, der Kulturintendantin auf der Literaturburg Ranis, wie Lese-Zeichen-Chef Andreas Berner die junge Frau vorzustellen pflegt, und der Auftakterfolg machte ihr in einem OTZ-Gespräch Mut, nicht erst bis zu den nächsten Autorentagen mit einem weiteren Poetry Slam in der Region zu warten.

Koslovsky stellte mit Mirco Buchwitz, Tilmann Birr, Julius Fischer, Bo Wimmer, Wolf Hogekamp, Pauline Füg und Telheim sieben geladene Autoren aus ganz Deutschland und mit Rudi W. Berger aus Langenwetzendorf den einzigen spontanen und thüringischen Teilnehmer vor. Aus dem Kopf - Telheim durchweg mit geschlossenen Augen - oder aus der Kladde und meist atemlos, um die Sieben-Minuten-Frist mit Poesie, Prosa und Improvisationen nicht zu überschreiten, brachten sie dar, was junge und jung gebliebene Leute so beschäftigt, u. a. Beziehungsprobleme, Einsamkeit, Sex, die GEZ. Pop, Rap, Kabarett trifft für das Gehörte zu und das Publikum lachte mitunter Tränen. So schafften es nach den Vorrunden mit je vier Autoren nicht die tiefgründigsten Beiträge - die "Nachtwanderung" von Füg, Jahrgang 1983, aus Eichstätt wäre da zu erwähnen - ins Finale, sondern die Wortakrobaten Fischer, Jahrgang 1984, aus Leipzig und Telheim, Jahrgang 1981, aus Hanau. Dort war dann Fischer mitreißender, der nicht zum ersten Mal einen solchen Wettbewerb gewann und genauso wie Telheim in der Slamer-Szene des gesamten deutschen Sprachraums bekannt ist.

Lokalmatador Berger, 1924 in Löhma bei Schleiz geboren, hatte mit einem scheinbar von Charlotte Roches "Feuchtgebieten" inspirierten Text den erotischsten Beitrag des Abends, zündete aber irgendwie nicht. Kleiner Trost für ihn: Ebenfalls in der Vorrunde verabschiedete das Publikum mit dem Berliner Hogekamp, von dem kein Alter überliefert ist, denjenigen Profi, der Poetry Slam in den deutschen Literaturbetrieb eingeführt hatte.