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08.04.2011

Japanische Frau von Stadtschreiber: Dieser Tage kraftlos

von Peter Cissek Ostthüringer Zeitung

Der amtierende Raniser Stadtschreiber Armin Stegmüller mit seiner japanischen Frau Sachiko. Foto: Mario Keim

Die Japanerin Sachiko Mushiaki-Stegmüller lebt seit einem Monat mit dem Wissen um die Katastrophe in ihrer Heimat. Sie hat in Kyoto japanische Malerei studiert und ist seit ihrer Ausstellung zu den Thüringer Literaturtagen 2010 auf der Burg Ranis auch in der Region gut bekannt.

 

Ranis/Duisburg. Seit einem Monat ist die Welt eine andere, auch für Menschen, die 9000 Kilometer von Japan entfernt leben. Am Freitag vor vier Wochen um 6.46 Uhr mitteleuropäischer Zeit ereignete sich vor der nordostjapanischen Küste das stärkste Erdbeben des Landes. Es löste einen Tsunami aus, der ganze Küstenstädte ausradierte. In den Atomkraftwerken von Fukushima kam es zu Explosionen, in deren Folge große Mengen radioaktiver Strahlung aus den zerstörten Reaktoren entweichen.

"Wir sind an Morgen des 11. März spät aufgestanden und haben in einer Mail von Sachikos Freundin von der Katastrophe erfahren. Zuerst dachten wir, es hat sich in Japan mal wieder ein Erdbeben ereignet wie so oft", sagt der Raniser Stadtschreiber des vergangenen Jahres und Japanologe, Achim Stegmüller. "Mein Schock hält immer noch an und hört nicht auf. Unglaubliches Elend sehe ich, das tut sehr weh", beschreibt seine Frau Sachiko Mushiaki-Stegmüller ihre mentale Verfassung. Sie hat in Kyoto japanische Malerei studiert und ist seit ihrer Ausstellung zu den Thüringer Literaturtagen 2010 auf der Burg Ranis auch in der Region gut bekannt.

Die Japanerin lebt mit ihrem Mann in Duisburg, weit weg von ihrer Familie und vielen Freunden. Sie könne nur Nachrichten schauen und fühle sich hilflos: "Jeden Tag kann ich das Zittern nicht unterdrücken. Ich kann nicht mit Leichtigkeit aus dem Bett aufstehen. Kraftlos bin ich dieser Tage..." Dennoch habe sie Glück im Unglück. Ihrer Familie gehe es gut. Aber das Haus eines Freundes, der in Fukushima wohnt, sei vom Tsunami völlig zerstört worden. "Ich habe nicht gewusst, was ich ihm sagen kann, ich war nur sprachlos. Er hat gesagt, dass er dankbar sein muss, weil er sein Leben nicht verloren hat. Das ist also das letzte verbliebene Glück."

Durch die Atom-Katastrophe in ihrer alten Heimat habe sie zum ersten Mal erfahren, was Deutschland für ein großes, starkes Protestland ist. Die japanische Presse habe viel über die Demonstrationen berichtet. Ihre Haltung dazu sei kompliziert und ambivalent, sagt Sachiko Mushiaki-Stegmüller. Natürlich wäre es ideal, ohne Atomkraftwerke leben zu können, die elektrische Versorgung allein durch Naturenergie sicherzustellen. Aber die erste Reaktion, dass die Anti-Atomkraft-Bewegung sofort nach der Katastrophe demonstriert, dem konnte sie nicht zustimmen. "Für mich als Japanerin klang das unsensibel. Die Demonstranten drückten mir nicht einmal ihr Beileid aus. Obwohl die Nachrichtenlage noch unklar war, haben sie mir stattdessen Punkt für Punkt alles über den AKW-Unfall erzählt und erklärt, als wüssten sie alles. Das schien mir so, als sollte nur noch mehr Angst entfacht werden. An einem Demotag forderte eine Teilnehmerin mich, eine Japanerin, auf, mit zu demonstrieren. Mir wären fast meine Nerven gerissen. Ich dachte, wie unsensibel das ist", erklärte die 32-Jährige.

Für sie sei es eine Frage, wie man diese Katastrophe betrachtet. "Die Japaner sind Opfer der Katastrophe, gegen eine Naturkatastrophe kann man wenig machen. Aber dieser AKW-Unfall ist von Menschen geschaffenes Unheil, da haben die Deutschen recht."

Sie beschreibt die verschiedenen Nationalmuster: In Europa gäbe es für alles sofort eine Gegenbewegung und Protest. Dagegen erscheinen die Japaner zurückhaltend, sie akzeptieren die Entscheidungen und leben in Harmonie miteinander. Sie habe in diesen Tagen erlebt, wie verschieden das Herantreten und der Umgang mit Problemen ist. "Ich habe auch mit vielen Japanern gesprochen, die in Deutschland leben, sie leiden auch mit ihren Landsleuten in der Heimat, sie sind genervt, empfinden Ärger gegenüber der Presse, sie stehen auch noch unter Schock."

Mushiakis Eltern, die in Westjapan wohnen, berichten ihrer Tochter, dass sich dort ein unglaublich normales Leben abspiele. Das begründet sie mit dem eigentümlichen Charakter der Japaner: "Sie denken einfach, dass sie nicht in Panik ausbrechen dürfen, weil dann nur noch größerer Schaden angerichtet werden würde." Deshalb unterdrücken die Menschen auch ihren Zorn gegenüber dem Atomkraftwerksbetreiber Tepco oder gegenüber der Regierung. Den Japanern ist es am wichtigsten, sich einander zu helfen.

"Auch Deutschland sollte aus dieser Katastrophe Lehren ziehen. Es ist nicht nur der AKW-Unfall. Das Erdbeben und der Tsunami haben viele Menschenleben gekostet. Viele Menschen finden nun auch wegen der furchtbaren Kälte den Tod."

Sachiko Mushiaki-Stegmüller, die in Ranis auch Malereien zeigte, die mit Collagen kritischer japanischer Zeitungsausrisse veredelt waren, fühle sich derzeit nicht in der Lage, ihre Empfindungen künstlerisch zu verarbeiten. Nach den diesjähriger Literaturtagen Mitte Juni in der Burgstadt, zu den Achim Stegmüller am Wisentgehege aus seinem Ranis-Krimi "Mit Nox" lesen wird, will das Ehepaar für etwa ein Jahr nach Japan ziehen. "Erst dann werden wir vermutlich in der Lage sein, das Ganze zu verarbeiten, auch künstlerisch." Der einstige Stadtschreiber plant eine Sammlung von Reportagen, die dem Leser Japan näher bringen soll.