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18.06.2014

Ivan Ivanji stellt Buch "Mein schönes Leben in der Hölle" vor

von Elena Rauch Thüringer Allgemeine

Der serbische Schriftsteller Ivan Ivanji im Weimarer Hotel Elephant. In seinem jüngsten Buch erzählt er über die verschlungenen Wege seines Lebens, die ihn auch immer wieder in die Stadt führen, von der er sagt, sie sei ihm auf eine seltsame Weise zu einem Stück Heimat geworden. Foto: Marco Kneise

Weimar. Als 15-Jähriger wurde der serbische Schriftsteller Ivan Ivanji nach Buchenwald verschleppt. Er kam das erste Mal als Dolmetscher zurück.

Die Kellnerin im "Elephant" serviert einen Espresso. Mit einem Glas Wasser bitte, so wie sie es in Wien halten, wo er zu Hause ist wie in Belgrad.

Gerade ist er mit seiner Frau über den Markt geschlendert. Ein älteres Paar, das die Morgensonne genießt. Den Blick auf die Gemüsestände, das Getrappel der Droschkenpferde auf dem Pflaster.

Den Blick auf die Stadt, von der er sagt, er habe sie gern.

Was ist merkwürdig daran?

Nichts.

Und vieles.

Das erste Mal, als er hierherkam, liegt 70 Jahre zurück. In Fünferreihen wurde sie durch das Tor getrieben, oben auf dem Berg. Und er war ein Junge von 15 Jahren.

Hinter ihm lag eine Kindheit in der serbischen Stadt, die heute Zrenjanin heißt, damals Veliki Beckereck, auf rumänisch Becicherecul Mare, auf ungarisch Nagybecskerek, auf deutsch Großbetscherek. Ein Ort im Banat, in dem Sprachen, Kulturen und Religionen zu einer kleinen heilen Welt zusammenflossen. An deren Unantastbarkeit sie noch glaubten, als sich von Deutschland aus schon längst das Grauen auf den Weg gemacht hatte.

Gerettet hat dieser Glaube die Wenigsten. Auch seine Eltern nicht, das jüdische Ärztepaar. Der Vater erschossen als Geisel. Die Mutter vergast im Laderaum eines Transporters.

Aber das wusste er damals, als man ihn durch das Tor oben auf dem Berg trieb, noch nicht.

Das zweite Mal kam er nach Weimar, da war er Dolmetscher des jugoslawischen Außenministers. Das dritte Mal war 1994 und seitdem fast jedes Jahr. Jahrestage der Buchenwald-Befreiung, Lesungen, Foren. Er hat aufgehört, die Aufenthalte zu zählen.

Am Abend wird er in einer Buchhandlung sein neues Werk vorstellen. "Mein schönes Leben in der Hölle". Es ist seine Lebensgeschichte. Eine, von der er sagt, es habe sich doch gelohnt, zu überleben. Das ist so ein Satz von ihm, zwischen Lakonie und Heiterkeit. Wenn er etwas nicht mag, dann ist es Pathos.

Er nennt den biografischen Rückblick trotzdem einen Roman, weil ein Roman alles möglich macht. Ein Schutz gegen die Lücken der Erinnerung. Und gegen deren Tücken auch.

Er vergleicht sein Leben mit einem Mosaikbild. Ausgefüllt mit Erinnerungen. An Reisen quer durch Europa, er war vier Jahre lang Titos Dolmetscher. An das Gefühl des Ausgeliefertseins, wie er es von Buchenwald kannte, aber es waren die Neunziger und in Jugoslawien brach der Krieg aus. Die zweite große Wunde in seinem Leben. Es gibt Leerstellen in diesem Mosaik, dort wo ihn die Erinnerung verlässt oder wo Gewissheiten fehlen.

Weiße Stellen in den Erinnerungen

Da ist die Erinnerung an diese Szene im Lager von Magdeburg. Ein Wolfshund, der einen Häftling zu Tode beißt. Wie wahr ist dieses Bild? Und kann er den Bildern in seinem Gedächtnis trauen, die sich überlagern mit Empfindungen, vermischen mit den Ängsten eines Heranwachsenden mitten in der Hölle?

Jahrzehnte später hat ihm ein alter Magdeburger bestätigt: Sie ist wahr. Er hatte eine solche Szene beobachtet, damals, von seiner Terrasse aus.

Und es gibt Fragen, vor deren Antworten er sich fürchtet. "Hat mich mein eigener Onkel an die Nazis ausgeliefert? Verraten? Oder einfach nur im Stich gelassen?" So beginnt sein Roman. Er forscht der Frage nach. Im Selbstgespräch, im Dialog mit dem Cousin. Am Ende bleibt sie offen. Gut so? Wahrscheinlich.

Er war krank und arbeitsunfähig, sein Name stand schon auf der Transportliste nach Auschwitz. Jemand hat ihn ausgewechselt gegen einen anderen Namen. Später haben Historiker den Begriff "Opfertausch" dafür erfunden.

"Wer war der Mensch, der an meiner statt nach Auschwitz geschickt wurde?" Er hat nachgeforscht, gefunden hat er nichts. Das ist so eine Antwort, die er gern hätte.

Und von der er sagt, er sei froh, dass er sie nie fand.

Wir wissen immer, sagt er, um unsere "ersten Male". Die "letzen Male", die kennt man nur im Rückblick. Das letzte Gespräch mit dem Vater, der letzte Tag in Freiheit. Vielleicht ist auch das eine Gnade. Wer will das beurteilen?

Der Schicksalsort, der Weimar heißt

Der Geschmack von Weichselmarmelade. Die Tante steckte ihm das Glas zu, als ihn die holen kamen, an jenem Schicksalstag 1944. Er hat es gegessen noch in der Sammelstelle und kann seitdem den Geschmack nicht mehr ertragen.

Diesen bitteren Geschmack des letzten Glases Marmelade vor der Hölle. Weimar. Immer wieder führen ihn die Erinnerungen an diesen Ort. Ein Schicksalsort, er hat ihn sich nicht ausgesucht, aber angenommen. Als Ort, der ihm auf seltsam makabre Weise zu einem Stück Heimat geworden ist. So hat er es einmal beschrieben. In einem seiner Bücher erdachte er den "Aschemenschen". Ein mystisches Wesen, erschaffen aus der Asche der 700 Häftlinge, deren Urnen man im Mai 1997 im Gebälk des Krematoriums von Buchenwald gefunden hatte. Ein Golem, der die Gegenwart der Stadt beunruhigt. Jahre später, im Roman "Buchstaben von Feuer" kehrt der Aschemensch von Weimar zurück: Auf den Ruinen des einstigen Verteidigungsministeriums in Belgrad, zerstört 1999 von Nato-Raketen. Dort trifft er Siegfried Wahrlich, geboren und gestorben in Weimar. Student am Bauhaus, Häftling in Buchenwald. Wo er Franz Ehrlich begegnet, dem die Herstellung eines neuen Tores befohlen wird. Das Eisen mit den Worten "Jedem das Seine" schmieden sie gemeinsam.

Ein Serbe, der auch in Deutsch schreibt

Historie und Fiktion, sie sind in seinen Büchern immer wieder verwoben. Weil einer wie er verurteilt ist dazu, ein Leben lang nach Worten zu suchen für das Unbeschreibbare? Eine Antwort zu finden auf die Frage: Wie konnte das sein?

Er versuche, sagt er, diese Dinge nicht so schrecklich ernst zu nehmen. Der Leser solle seine Bücher so lesen, dass es Freude macht. Wenn man das sagen dürfe. Und ja, es gibt sie auch, Anekdoten, heitere Erinnerungen, die leichten Töne in seinem Buch.

Wozu leben, überleben, wenn der Rest nur noch Schmerz sein soll?

Aber das sagt er so nicht. Er sagt: Zufällig habe ich überlebt. Jetzt bin ich das 86. Jahr auf der Erde, habe Kinder und Enkel, was will man mehr?

Was die Antwort nach dem "Warum" anbelangt: Kain hat seinen Bruder erschlagen. Damit begann es. Offensichtlich, sagt er, stecke etwas in der menschlichen Gattung, das missglückt ist.

In seiner Familie sprachen die Eltern mit den Kindern Deutsch. Er, der Serbe, ist als Literat auch im Deutschen zu Hause.

Seinen jüngsten Roman hat er in Deutsch geschrieben, andere auch. Er hat Gedichte von Goethe und Schiller auswendig gelernt, da konnte er noch nichts ahnen von dem Berg über der Stadt. Der Mensch in seinem höchsten Streben und in seinem tiefsten Fall. Weimar, sein Schicksalsort.

85 Jahre ist er jetzt. Wird er wiederkommen? Er hofft es. Und nein, es ist noch nicht alles auserzählt. Stéphane Hessel habe noch mit 94 Jahren, kurz vor seinem Tod, seine Streitschrift "Empört Euch!" geschrieben.

Er hat mit ihm zusammengesessen, es war hier im "Elephanten", in Weimar.

  • Ivan Ivanji: "Mein schönes Leben in der Hölle", Picus Verlag Wien, 295 Seiten, 22,90 Euro