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08.05.2009

Ist schon wieder Verdecken im Gange?

von Udo Scheer TLZ

Jena. (tlz) "Das Politische war mir immer wichtig. Die Freiheitsfrage. Aber da war auch schon das Literarische. Ich war begeistert von Sprache. Bobrowski habe ich laut gelesen. Ich mochte den Klang der Worte. Von der Lektüre her spielte Borchert ein große Rolle, Böll auch, Dostojewski ... Brecht konnte ich auswendig... Das hat mit gut getan in diesem verfluchten Provinznest Reichenbach. Vor dem Fenster ein Bach, der seine Farben wechselte, wie es aus der Färberei reinfloss, wo Ratten rumrannten, wo auch Ängste waren ... Ich wollte so nicht leben, so geduckt in dieser verfluchten Erziehungsgesellschaft, in der mir klar wurde, dass das mit der führenden Rolle der Arbeiterklasse nicht stimmt. (...) Ich bin nach Greiz gefahren zu Reiner Kunze. Die Kontakte waren relativ früh da, ´67, ´68. Da war ich 17, 18."
Das erzählte Jürgen Fuchs in einem unserer Gespräche 1998. Soeben war sein großer dokumentarliterarischer Collageroman "Magdalena" erschienen und irritierte. Er zeigte die Schuld der Vätergeneration ebenso wie das Ausbremsen der Revolution von 1989, das teilweise Versagen der Gauck-Behörde und auch eigene Irrtümer. Und er nannte Klarnamen. Suchfinger suchten die Seiten systematisch ab. Jürgen Fuchs registrierte es, mitunter belustigt. Die erwartete, kontroverse Diskussion war da.

Über zwei Jahrzehnte hinweg war Jürgen Fuchs in den Medien präsent wie nur wenige. Und heute? Wer in Deutschland kennt zehn Jahre nach seinem Tod noch Jürgen Fuchs? Die Antworten stimmen nachdenklich. Nicht eines seiner Bücher wurde seither von seinem einstigen Hausverlag aufgelegt. Als Auskunft gab Rowohlt: Fuchs rechne sich nicht.

1977 Ausbürgerung nach Westberlin

Dabei galt dieser Fuchs Ende der 1970er und in den ?80ern als literarischer Star. Sah man in ihm nach seiner U-Haft und Ausbürgerung nach Westberlin 1977 zunächst die andere Stimme aus der DDR, wurde er schnell zu einem literarischen, publizistischen Stör- und Aufstörfaktor im besten Sinne des Wortes. Er forderte: "Demokratie muss mit aller Entschiedenheit praktiziert werden. In Auseinandersetzungen und Diskursen. Das Laue, das Taktiererische, die Feigheit muss weg."

Diese Haltung lebte er in seiner Unterstützung der osteuropäischen und DDR-Opposition ebenso konsequent vor wie in seinen literarisch-publizistischen Auseinandersetzungen mit den Sozialismuslügen. Seine Frau Lilo sagte über ihn: "Er war ein verrückter Kerl. Er hat gesagt: ,Worüber man eigentlich nicht schreiben kann und was niemand hören will, davon will ich sprechen.´" Damit war er unbequem. Auch in Westberlin zog er weiter Maßnahmen der DDR-Staatsicherheit auf sich - und es gab über das Jahr 1989 hinaus Anschläge und Morddrohungen.

Befreundet mit Wolf Biermann, Heinrich Böll, Ralph Giordano, Robert Havemann, Herta Müller und anderen, warf er sein Wort unüberhörbar in die Waagschale, wo es um Meinungsfreiheit und Menschenrechte, gegen Machtmissbrauch und um das Aufdecken von Diktaturverbrechen und ihre Methoden ging. Und weil er sich dabei selbst als "links" verstand, erfuhr er die heftigsten Anfeindungen aus eben jenem Lager.

Wortmeldungen von Jürgen Fuchs aus den 1990er Jahren bleiben auch im Großwahljahr 2009 brandaktuell. So kritisierte er in einer Anhörung der "Enquetekommission SED-Unrecht" im Mai 1994 scharf eine aufkommende Selbstgerechtigkeit und Verharmlosung von DDR-Unrecht. Er forderte: "Ihr sollt mit uns in Augenhöhe reden." Dabei waren "Ostalgie", "Kuscheldiktatur" und der Tenor "Es war nicht alles schlecht" längst nicht so salonfähig wie heute.

500 Trauergäste bei der Beerdigung

Mit Blick auf Verstrickungen und Verharmlosungen fragte er: "Ist schon wieder ein Verdecken des Offensichtlichen im Gange?" Mehr denn je, möchte man ihm zurufen. Wohl nicht zufällig weigert sich beispielsweise die Linksfraktion im Thüringer Landtag bis heute hartnäckig, ihre alte Postanschrift "Arnstädter Straße 51" zu ändern in die 2002 zu Ehren des Schriftstellers und Bürgerrechtlers umbenannte " Jürgen-Fuchs-Straße 1".

Den Tod hat Jürgen Fuchs immer abgewiesen. Doch ein seltener Blutkrebs war stärker an jenem 9. Mai 1999. Bis heute ist nicht auszuschließen, dass seine Erkrankung "nicht gottgewollt, sondern menschengemacht" war. Ein Freund, Pfarrer Matthias Storck, sprach diesen ungeheuerlich anmutenden Verdacht vor mehr als 500 Trauergästen bei der Beerdigung des nur 48 Jahre alt Gewordenen auf dem Berliner Heidefriedhof aus.

In einem unserer Gespräche sagte Jürgen Fuchs einmal: "Eigentlich wollte ich nur Gedichte schreiben, über die Liebe, über die Natur. Wichtigeres drängte sich vor." Nicht nur seine Familie und Freunde vermissen ihn schmerzlich. Mit seiner kompromisslos klaren Stimme fehlt Jürgen Fuchs unserer Gesellschaft.

Gleichsam als ein Vermächtnis erschienen soeben im Jaron Verlag, Berlin, seine lange vergriffenen Vernehmungsprotokolle von 1978 in einer beeindruckend ins Bild gesetzten Foto-Text-Edition (176 S., 14.90 Euro). Darin dokumentierte der Schriftsteller und Psychologe erstmals U-Haft-Praktiken moderner, nicht demokratisch kontrollierter Geheimdienste, die Vernehmungstechniken, Psychofolter und "Schwarze Psychologie" zum Brechen ihrer Gegner. Dieses Buch ist heute so aktuell wie vor dreißig Jahren.

! Heute, 19.30 Uhr, wird im Jenaer Kino im Schillerhof der Dokumentarfilm "Der schwarze Kasten" gezeigt; Samstag, 18 Uhr, findet ein Gedenkgottesdienst in der Jenaer Stadtkirche St. Michael statt; 19.30 Uhr lesen im Historischen Rathaus Schauspieler Texte von Jürgen Fuchs, anschließend Podiumsgespräch. Udo Scheer ist Autor der Biografie "Jürgen Fuchs. Ein literarischer Weg in die Opposition", Jaron Verlag 2007.