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12.01.2015

"Isegrim": Autorin Antje Babendererde ist die mit dem Wolf tanzt

von Frank Quilitzsch TLZ

Am 11. Mai 2014 gelang diese Aufnahme von einer Wölfin bei Ohrdruf. Wenige Monate davor erschien Antje Babendererdes Buch, in dem sie exakt an dieser Stelle einen Wolf beschrieb. Foto: S. Böttner

Antje Babendererde hat die Rückkehr des Räubers nach Thüringen vorhergesagt - Ein Gespräch über den Roman "Isegrim" und ihre Erlebnisse in den Indianerreservaten.




Frau Babendererde, nur wenige Monate nach Erscheinen Ihres Romans "Isegrim" wurde tatsächlich der erste Wolf in Thüringen gesichtet - und zwar genau an dem Platz, der im Buch genannt ist. Haben Sie den grauen Räuber herbeigeschrieben?

Schön wärs, aber es ist wohl eher so, dass ich bei meinen Recherchen gut beraten worden bin. Ursprünglich sollte der Schauplatz meines Romans ein anderer sein, nämlich der tiefe Thüringer Wald. Von Mike Jessat, unserem NABU-Vorsitzenden, erfuhr ich, dass der Truppenübungsplatz Ohrdruf Wolfserwartungsland ist. Die eingewanderte Wölfin verhielt sich also sehr vorbildlich, sie hat sich dort niedergelassen, wo sie "erwartet" wurde. Beim Schreiben habe ich mich immer wieder gefragt, wie lange es wohl noch dauern wird, bis der erste Wolf in Thüringen auftaucht und bleibt. Ich hatte auf vier bis fünf Jahre getippt. Dass es so schnell ging, war eine Überraschung und hat mich riesig gefreut.

Wie hat man denn in Ohrdruf und beim Thüringer Naturschutzbund auf die eingetroffene "Prophezeiung" reagiert?
Thüringen ist gut vorbereitet auf die Rückkehr der Wölfe. Im Bärenpark Worbis gibt es schon seit zehn Jahren regelmäßig "Die Nacht der Wölfe". Es gibt einen "Wolfsmanagementplan" der Landesregierung, und das Naturschutzprojekt "Felis Lupus - Wolf, Wildkatze und Luchs in Thüringen" in Jena wurde für den größten Umweltpreis Europas - den GreenTec Award 2015 - nominiert. Da kann man übrigens noch mitvoten.

Und was, glauben Sie, hat dabei Ihr Buch geleistet?

Ich denke, das "Wolfsproblem" besteht zuallererst in unseren Köpfen. Auch deshalb habe ich "Isegrim" geschrieben: Um auf spannende Art den Heranwachsenden die Angst vorm "bösen Wolf" zu nehmen. Letzten Herbst hatte ich eine Lesung in Crawinkel, und ich war gespannt, wie die Leute dort auf das Buch reagieren würden. Ich wurde positiv überrascht: In der Gegend um Ohrdruf hat man keine Angst vorm Wolf. Auch die älteren Menschen, die im Publikum saßen, hatten keine Vorurteile. Das fand ich toll.

Für Ihre Jugendbücher über die Situation der Indianer reisen Sie regelmäßig in die USA. Wo und wie haben Sie das Leben der Wölfe recherchiert?
Da ich bei meinen Recherchen in Amerika meist in abgelegenen Gegenden unterwegs bin und auch ab und zu im Zelt im Wald übernachten muss, ist mir die Wildnis mit ihren großen und kleinen Bewohnern nicht fremd. Ob Wolf, Bär, Adler oder Puma, ich habe die Nächte in ihrem Territorium bisher schadlos überstanden. Ich war vorsichtig, was man auch sein sollte, wenn man es mit wilden Tieren zu tun hat. Für "Isegrim" recherchierte ich in der Lausitz, denn europäische Wölfe verhalten sich anders als amerikanische Grauwölfe. Die europäischen sind scheuer und leben in kleineren Rudeln, und sie müssen in Deutschland mit einer stark zersiedelten Landschaft zurechtkommen. Die Erfahrungen der Lausitzer Wildbiologen haben mir geholfen, "Isegrim" realistischer anzugehen, denn die Versuchung, dem Ganzen eine Disney-Richtung zu geben, war anfangs durchaus da. Nach meinem Wolfswochenende in der Lausitz wusste ich, dass es funktionieren kann in Deutschland, das Zusammenleben von Mensch, Nutztier und Wolf.

Was sagt uns die Rückkehr der Wölfe? Dass sie es noch einmal mit uns versuchen wollen?
Der Wolf kehrt in Gegenden zurück, aus denen der Mensch ihn vor mehr als hundert Jahren vertrieben hat. Vielleicht haben wir ja etwas gelernt. Vielleicht sind wir bereit, wieder mehr Wildnis in unseren Wäldern zuzulassen. Langfristig könnte der Wolf die Schalenwildbestände reduzieren, was der Forstwirtschaft zu Gute käme. Um mit den Worten eines Jungen aus meinem Buch zu sprechen: "Natur ist nun mal ungezähmt und unberechenbar - aber das Wilde, das wurde unserem Wald doch längst ausgetrieben. Jetzt kehrt es zurück. Wenn ihr die Wölfin tötet oder vertreibt, dann habt ihr nichts gewonnen, aber viel verloren. Und ihr werdet immer daran denken müssen."

Womöglich ist es von Ohrdruf nach La Push oder Pine Ridge nur ein gedanklicher Katzensprung. Welche Rolle spielt der Wolf heute noch bei den Nachkommen der amerikanischen Ureinwohner?

Die Indianer haben den Wolf seit jeher verehrt. Für sie war er ein "Bruder", sie haben ihn als großen Jäger verehrt und ihm nachgeeifert. In vielen Indianerkulturen ist der Wolf ein Totemtier, das den Schutzgeist einer Person oder eines Clans darstellt. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber auch in Amerika werden Wölfe abgeschossen.

Sie waren im vergangenen Sommer wieder im Pine Ridge-Reservat unterwegs. Haben Sie genug Stoff fürs nächste Buch mitgebracht?
Der Jugendroman, an dem ich zurzeit arbeite, wird wieder hier in Thüringen verortet sein. Ich hatte ja ganz bewusst eine "Indianerpause" eingelegt, weil meine traurigen Erlebnisse in den Reservaten begannen, meine Kreativität lahmzulegen. Aber letzten Sommer habe ich eine ganz starke Energie gespürt - die vielleicht auch von den gewaltigen Wetterunbilden rührte, die ich erlebt habe. Das Leben in Pine Ridge ist nach wie vor speziell. Aber es gibt positive Kräfte und die möchte ich weiterhin unterstützen, indem ich über sie schreibe. Erzählenswerte Geschichten gibt es viele, und so bin ich sicher, dass der übernächste Roman wieder im Indianerland spielen wird.

Wer so oft wie Sie unter Nachkommen der Indianer geweilt hat, könnte doch auch eine Langzeitreportage veröffentlichen. Warum schreiben Sie kein Buch über Ihre Erlebnisse in den Reservaten?
Ich bin mit Leib und Seele Geschichtenerzählerin. Das merke ich immer wieder, wenn Schüler oder Studenten Facharbeiten über Indianer schreiben und mich bitten, Statements über die Zukunft der amerikanischen Ureinwohner oder ihre Reservate abzugeben. Das liegt mir schlichtweg nicht und es gibt mit Sicherheit Leute, die das besser können als ich.

Auf die aufregenden Reisen folgt die einsame Arbeit am Schreibtisch. Wie halten Sie das über Monate durch?
Das klingt ein bisschen so, als ob Schreiben nur aus dem Zu-Papier-Bringen der Geschichte bestehen würde. Aber Schreiben ist kein überschaubarer und kontrollierbarer Prozess. Auch am Schreibtisch muss ich noch recherchieren und bin so in Kontakt mit interessanten Menschen. Ich zweifle und probiere aus. Manchmal bilden sich die Sätze wie von selbst, oft ringe ich aber auch um die richtigen Worte. Während ich im Indianerland unterwegs bin, lebe ich ganz und gar in der Welt, die sich vor mir auftut. Das ist einfach. Beim Schreiben lebe ich in zwei Welten, in der meines Alltags und der meiner Geschichte. Das ist sehr aufregend und anstrengend und natürlich verpasse ich viel von dem, was um mich herum vorgeht.

Lassen Sie sich leicht ablenken?
Leider ja. Besonders, wenn es gerade mal wieder nicht vorwärts geht mit meinen Figuren und ihrer Geschichte. Dann fege ich meinen Hof, mache die Wäsche, denke, ich müsste endlich meine 99 E-Mails beantworten, und rufe jemanden an, obwohl ich nicht so gerne telefoniere"...

Wie viel Post erhalten Sie von Ihren zumeist jugendlichen Lesern?
Gefühlt: eine Menge. Da mich die Gedanken und Meinungen der jungen Leute oft sehr berühren, möchte ich ihnen wenigstens mit ein paar Sätzen danken, und während ich das tue, kann ich nicht am Roman arbeiten. Aber es macht auch Freude, zukünftige Romanschriftsteller zu ermutigen, und den Jugendlichen klarzumachen, dass sie diese Welt nicht nur in meinen Büchern finden, sondern dass sie da draußen tatsächlich auf sie wartet. Manchen muss ich diesen Wink gar nicht erst geben: In Pine Ridge treffe ich jedes Jahr junge Leute, die durch meine Bücher neugierig geworden sind und sich ins Indianerland aufgemacht haben.