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13.09.2008

Interviewt: Steffen Mensching, Rudolstadts neuer Theaterchef

von Frank Quilitzsch TLZ

Am heutigen Sonnabend startet das Theater Rudolstadt in seine neue Spielzeit - ab 15 Uhr mit einem zünftigen Theaterfest für die ganze Familie. Um 19.30 Uhr hebt sich der Vorhang zur Premiere von Luigi Pirandellos Schauspiel "Sechs Personen suchen einen Autor". Regie führt Steffen Mensching, der neue Intendant des Hauses.
Mensching ist Jahrgang 1958 und ein Multitalent. Er hat sich als Schriftsteller mit mehreren Gedichtbänden und Romanen ("Jacobs Leiter", "Mit Haar und Haut"), als Dramatiker ("Das Ballhaus"), Schauspieler (Hauptrolle in den Filmen "In einem Atem", "Letztes aus der DaDaeR") und Clownspoet (Bühnenprogramme zusammen mit Hans-Eckardt Wenzel) einen Namen gemacht. Wir sprachen mit ihm über sein Befinden und seine Vorhaben als Theaterdirektor.


Der Dichter Mensching im Intendanz-Büro - hat er sich schon eingewöhnt?

Es ist etwas spartanisch, mönchisch. Aber ich will ja hier keine Romane schreiben. Zurzeit sitze ich gar nicht oft am Schreibtisch, ich bin viel mit den Schauspielern zugange.

Hat dein Freund, der Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel, schon angerufen und dich beglückwünscht? Oder bedauert?

Wir neigen nicht zu solchen Formalien ... Warum soll er mich bedauern?

Du kennst die Anekdote über Becher und Brecht. Brecht ruft den Kulturminister Becher frühmorgens an dessen erstem Arbeitstag an und spottet: Siehst du, ich kann noch im Bett liegen.

Ich bezweifle, dass die Geschichte stimmt, denn Brecht war ein notorischer Frühaufsteher. Ich möchte mich natürlich nicht in der Becher-Rolle wiederfinden.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es dich lange im Sessel hält.

Doch. Am Theater gibt es ein Reglement, dem man sich unterwerfen muss. Das ist schon etwas anderes, als wenn man freischaffend ist. Außerdem komme ich aus Preußen und habe mir, wenn ich literarisch gearbeitet habe, auch immer ein hartes Reglement auferlegt. Wenn ich unter Zeitdruck war, bin ich mitunter noch viel eher aufgestanden. Ich bin relativ belastbar. Vielleicht belastbarer als jemand, der es gewohnt ist, täglich sein Acht-Stunden-Pensum abzuleisten. Einen Acht-Stunden-Tag haben wir hier natürlich nicht, momentan sind es eher vierzehn Stunden an sechs Tagen in der Woche.

Dein Vorgänger, ein gestandener Regisseur, folgte einer anderen Maxime: Im ersten Jahr, sagte er, inszeniere ich gar nicht, da sorge ich erst mal dafür, dass alles läuft. Du übernimmst gleich die Eröffnungs-Inszenierung.

Axel Vornam ist auch anders eingestiegen, der kam, glaube ich, während der Saison. Wir hatten ein bisschen mehr Vorbereitungszeit. Vielleicht ist bei mir auch die Absicht stärker, das Haus künstlerisch zu prägen, den Wechsel deutlich zu machen. Ich wusste, wie stark die Mehrfachbelastung - inszenieren und den Theaterbetrieb administrativ am Laufen halten - sein wird, hatte genug Warnungen im Ohr. Dennoch habe ich mir gesagt, das schaffst du schon, und wir werden es auch stemmen.

Um das Haus künstlerisch zu prägen, braucht man Freiräume.

Die gibt es. Ich versuche, zum Beispiel, meine Erfahrungen auf dem Gebiet der Literatur und der Kleinkunst aktiv einzubringen, arbeite dabei eng mit der Dramaturgie zusammen - bei der Entwicklung von Stück-Ideen und Veranstaltungsreihen. Wir werden die kleine literarische Form pflegen und gemeinsam mit unserem Publikum auch Neues versuchen - etwa mit der "MMM-Show".

Was für eine Show?

"MMM" - ein Ratespiel. Was das bedeutet, sollen die Theaterfreunde selbst herausfinden. Es ist nicht "Messe der Meister von Morgen". Hinter der Abkürzung verbergen sich zwei Veranstaltungsreihen im monatlichen Wechsel. Zum einen: "Was bin ich?" Wir wollen die beliebte Show von Robert Lembke aus dem Westfernsehen der 70er, 80er Jahre, dieses heitere Berufe-Raten, reanimieren. Das findet zum ersten Mal am 15. Oktober statt. Ich werde da als "Roberto" Lembke in Erscheinung treten und durch die Show führen. Wir werden mit Menschen aus der Region über ihre Berufe reden. Was weiß man eigentlich über einen Informatiker? Was programmiert der den ganzen Tag? Auch über seltenere Berufe wie Töpfer, Stellmacher oder Schrankenwärter, sofern wir noch einen finden. Welche Handwerke gibt es hier, welche rentieren sich noch?

Wir schweifen ab ins kreative Landleben. Wie weit lässt sich der Theaterdirektor darauf ein?

Man hat zwei Möglichkeiten, wenn man von ganz woanders herkommt: Entweder man versucht einen Spagat, hat ein Bein dort und ein Bein hier, oder man sagt sich, ich habe für einen gewissen Zeitraum eine wichtige Aufgabe übernommen und entscheide mich, dort meinen Lebensmittelpunkt zu bilden.

Das heißt, du hast deine Berliner Wohnung vermietet?

Ich habe zurzeit keine Wohnung in Berlin. Ich bin zwar noch nicht umgemeldet, aber mein Hauptwohnsitz ist für die nächsten Jahre Rudolstadt. Das bedeutet aber nicht, dass ich Rudolstädter werde. Ich weiß, dass ich großstädtisch geprägt bin. Ich glaube, ich kann mich ganz gut einpassen, und es fällt mir auch leicht, mit den Leuten hier zu kommunizieren. Aber manches ist für mich auch neu und ungewohnt. Zum Glück, denn Neues und Ungewohntes kann ja interessant sein. In ein paar Monaten werde ich merken, was das Leben hier in mir verändert, ob ich damit klarkomme oder nicht. Wenn ich hier abends um elf aus dem Theater gehe, spüre ich schon einen kleinen Unterschied zur Eberswalder Straße in Berlin: Dort muss ich sehen, dass ich durch die Menge junger, Bier trinkender hedonistischer Persönlichkeiten hindurch komme, und hier freue ich mich, wenn ich ab und zu jemanden mit seinem Hund treffe.

Zurück zur Eröffnung der Spielzeit: Warum ausgerechnet Pirandello? Den kennt doch kein Mensch.

Pirandello bringt einen ästhetischen Ausdruck mit, der mir entspricht. "Sechs Personen suchen einen Autor" ist ein Stück, das eine profane Alltagsgeschichte erzählt, jedoch auf eine verrückte, versponnene Art. Der Dramatiker arbeitet mit Zitaten und verschiedenen Genres, schwankt zwischen Trauerspiel, sentimentaler Familientragödie, Komödie, absurdem Theater, Volkstheater und Moderne. Diese multiple Struktur finde ich außerordentlich reizvoll. Und trotzdem hat Pirandello einen realistischen Ton, der nicht leicht zu erspielen ist. So ein feines, psychologisch genaues Menschenbild sollte man, wie ich finde, auf der Bühne pflegen.

Die Theatergänger wollen unterhalten werden.

Das werden sie hoffentlich auch. Ich sage nochmal: Es ist keine leichte Kost, kein primär humoristisches Stück. Ich finde es aufregender, wenn etwas nicht vordergründig, sondern zwiespältig ist. Ob das funktioniert, muss das Publikum entscheiden. Übrigens: Als wir uns auf das Eröffnungsstück geeinigt hatten, dachten wir: Pirandello - was ganz Neues, gab´s hier noch nie. Tatsächlich wurde er in der DDR nur einmal gespielt. Aber dann haben wir herausgefunden, dass das Stück bereits 1925 in Rudolstadt gezeigt wurde, als neunte Inszenierung in Deutschland.

War Luigi Pirandello damals schon Nobelpreisträger?

Nein. Diese Auszeichnung erhielt er 1934. Das Stück ist seinerzeit europaweit mit Erfolg gelaufen und in Deutschland durch Max Reinhardt bekannt gemacht worden. Aber Rudolstadt - das hat uns schon ziemlich erstaunt. Damals gab es hier vielleicht ein etwas höheres Maß an gewachsenem Bürgertum. In der Kritik war zu lesen, dass die Leute sehr angeregt und aufgeregt aus dem Theater kamen. Wenn wir das schaffen, wäre sicher eine Menge erreicht. Ich bin gespannt. Es kann auch floppen - ich rechne mit allem. Entweder mit einem Plauz erfolgreich sein oder mit einem Plauz scheitern - das ist mir lieber als eine unentschiedene Arbeit, über die man am Ende sagt: Naja, da hat sich nicht viel verändert.

Haben die Schauspieler an Pirandello Feuer gefangen?

Einige brennen und einige sind schon Asche - aber bitte alles im übertragenen Sinne.

Daneben startet ihr mit weiteren Stücken, die einen unterschiedlichen Publikumsgeschmack bedienen.

Wir achten auf ein breiteres Spektrum, ohne gleich einen Gemischtwarenladen zu eröffnen. Der Schlagerabend wird nicht nur schenkelklopferisch sein. Und Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" ist auch nicht bloß Boulevard, sondern ein intelligentes, komödiantisches Stück, das viel mit uns zu tun hat und den Schauspielern großen Spaß macht.

Ein Problem am Theater Rudolstadt ist die Kombination zwischen Schauspiel und Orchester, die es sonst kaum in Deutschland gibt. Was fangt ihr damit an?

Wir haben viel Musiktheaterliteratur gewälzt auf der Suche nach Stücken, die für Schauspieler singbar sind. Da haben unsere Vorgänger bereits erfolgreich gegrast. Wir machen zunächst das Revuestück von Georg Kaiser und Mischa Spoliansky "Zwei Krawatten" - allerdings nicht mit großem Orchester, sondern mit einer kleineren Besetzung. Für Februar ist eine Kooperation mit der Musikhochschule Mainz geplant, wo junge Sänger "Gianni Schicci" von Puccini singen und Gesangsstücke zu Dantes "Hölle" darbringen. Mit dieser Produktion werden wir eine erste Fusion zwischen Sängern, Schauspielern und Orchester versuchen.

Du bist selber Dramatiker, dein Stück "Das Ballhaus" hat Mitte der 90er Jahre am DNT Weimar Erfolge gefeiert. Entsteht in Rudolstadt etwas Eigenes?

Wir planen etwas. In der Region Rudolstadt-Saalfeld gibt es viele Geschichten. Die Leute haben hier ein Elefantengedächtnis - über Dezennien hinaus. Die kennen sich in ihrer Stadtgeschichte ziemlich gut aus. Das hat mit lokaler Verbundenheit, mit Beharrung und Bodenständigkeit zu tun. Wir brauchen ein bisschen Zeit, um da hineinzuhorchen.

@ www.theater-rudolstadt.com