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18.01.2003

Interview mit Peter Reif-Spirek / Landeszentrale für politische Bildung Thüringen

von Frank Quilitzsch TLZ

Vor einem Jahr hat Peter Reif-Spirek, Stellvertretender Leiter der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung, die Reihe "Das politische Buch im Gespräch" ins Leben gerufen. Mehr als 60 Veranstaltungen sind seither in Schulen, Jugendklubs und Bibliotheken über die Bühne gegangen. Im ersten Halbjahr 2003 sind 35 Auftritte geplant, u. a. mit bekannten Autoren wie Wolfgang Engler, Rita Kuczynski, Jürgen Teipel und Landolf Scherzer. Jugendbuchautor Hermann Schulz eröffnete den diesjährigen Reigen mit Lesungen in Rudolstadt, Pößneck und Ranis aus seinem in der NS-Zeit spielenden Roman "Flucht durch den Winter".

"Wir wollen zum kontroversen Gespräch über Neuerscheinungen einladen und ein Forum demokratischer Öffentlichkeit anbieten", umreißt Reif-Spirek das Anliegen der Reihe. Mit 43 Jahren hat der aus Mainz Stammende einen guten Draht zur Jugendszene, weiß, welche Musik in den Klubs ankommt, kennt die neuesten Bücher und CD-Veröffentlichungen und moderiert viele der Veranstaltungen selbst.

Herr Reif-Spirek, sind die Thüringer gut informierte und kritische Bürger? Zu unseren Veranstaltungen kommen Leute, die sich nicht mit Nachrichten aus den Massenmedien begnügen. Nach meiner Erfahrung wächst das Interesse an politischer Bildung, weil die Welt komplizierter geworden ist, frühere Weltbilder zusammengebrochen und Sicherheiten sozialer Milieus brüchig geworden sind. Es gibt ein großes Bedürfnis nach sachlicher, parteiunabhängiger Information, über die man sich auch austauschen möchte.

"Landeszentrale für politische Bildung" klingt ein bisschen wie staatlich-institutionell verordnete Weiterbildung. Da zeigt sich, dass politische Bildung hier offenbar sehr lange als politische Indoktrination erfahren worden ist. Ein Taxifahrer fragte mich 1991, wo ich arbeite. Als ich ihm den Namen der Einrichtung nannte, fragte er: "Was denn, gibt´s das immer noch?" Jetzt gibt es über zehn Jahre Erfahrungen mit einer politischen Bildung, die keine Weltbilder verordnet. Vor dem Hintergrund der DDR-Sozialisation sehen wir uns aber immer noch mit dem Wunsch nach Eindeutigkeit konfrontiert. Diesem Bedürfnis treten wir entgegen. Gerade die Pluralität demokratischer Gesellschaften muss als geistiger Reichtum verstanden werden.

Was bietet die Landeszentrale jenen Bürgern, die sich nicht einseitig informieren wollen? Wir unterscheiden uns von anderen Bildungsträgern durch das Gebot der Überparteilichkeit und der Kontroversität. Für uns gilt der Beutelsbacher Konsens, der besagt, dass alles, was in der Politik kontrovers ist, auch in der Bildungsarbeit kontrovers präsentiert werden soll. Unsere Aufgabe ist es nicht, der einen oder anderen parteipolitischen Position Akzeptanz zu sichern oder die Sicht einzelner Interessengruppen zu vertreten, sondern wir wollen deutlich machen, welches Meinungsspektrum es im demokratischen Feld gibt. Der Bürger soll letztlich selbst entscheiden, welcher Überzeugung er sich anschließt.

Was für Themen stellen Sie in der Reihe zur Diskussion? Wir präsentieren Aktuelles und Zeitgeschichtliches, das politisch kontrovers diskutiert wird. Zum Beispiel das Buch von Wolfgang Engler "Die Ostdeutschen als Avantgarde". Engler gehört zu jenen ostdeutschen Intellektuellen, die auch bundesweit Resonanz finden. Oder "Die Fremden" von Landolf Scherzer, einer der wichtigsten Beiträge zur Diskussion, ob es in der DDR Fremdenfeindlichkeit gegeben hat. Eine Studie wie "Opa war kein Nazi" von Harald Welzer, für die erstmals Familien interviewt wurden und die Frage der intergenerationellen Weitergabe von Wissen über den Nationalsozialismus untersucht worden ist, gehört ebenfalls in unsere Reihe. Brisantes bietet auch Peter Förster in seinem Buch "Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit". Förster war 1966 Mitbegründer des Zentralinstituts für Jugendforschung in Leipzig. Für seine jüngste Studie hat er Leute, die zur Wende zwischen 14 und 27 Jahren alt waren, mehrmals zu den Veränderungsprozessen befragt.

Wer kommt zu diesen Veranstaltungen? Ein sehr gemisches Publikum, was daher rührt, dass wir mit unserer Reihe ein breites Spektrum sowohl an Themen als auch an Literaturformen anbieten. Wir hatten im vergangenen Jahr eine Veranstaltung mit Mathias Greffrath zu dem Buch "Attac - Was wollen die Globalisierungskritiker", zu der 80 Leute kamen - ein absolut junges Publikum. Wir machen am 18. Februar in Weimar eine Lesung mit Jürgen Teipel, der "Verschwende deine Jugend", einen Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave, geschrieben hat. Wir hatten 2002 eine Veranstaltung vor Polizisten zu Dieter Schenks Buch "Auf dem rechten Auge blind - Die braunen Wurzeln des BKA".

Wie ist der Kontakt zu Thüringer Schulen? Sehr gut. Wir haben spezielle Angebote für Schulklassen; im vergangenen Jahr war das zum Beispiel "generation kick.de" von Klaus Farin über aktuelle Jugendsubkulturen. In diesem Jahr gibt es eine Lesetour mit Eugen Herman-Friede, der in seinen Erinnerungen "Für Freudensprünge keine Zeit" über die rassistische Verfolgung im Nationalsozialismus berichtet. Mit der Reihe gehen wir ganz bewusst von den Zentren Erfurt, Weimar, Jena weg in kleinere Städte wie Worbis, Heiligenstadt, Pößneck, Ranis, Sonneberg. Wichtige Kooperationspartner dort sind neben Schulen die Stadtbibliotheken und Literaturvereine.

Wie kann man junge Menschen für politische Prozesse in Geschichte und Gegenwart sensibilisieren? Stoßen Sie da nicht eher auf Politikverdrossenheit? Nein. Es gibt unter Jugendlichen vielleicht eine große Distanz zu den traditionellen Institutionen und Formen politischen Engagements. Gleichwohl spüre ich, dass sie gesellschaftlich interessiert sind. Wenn jemand zum Beispiel von sich meint, er sei unpolitisch, aber er möchte auf keinen Fall mit Leuten befreundet sein, die rechtsextreme Ansichten vertreten, so ist das durchaus eine politische Haltung. In der HipHop-Szene stößt man auf viele Bands und Projekte, die sich punktuell sehr deutlich politisch artikulieren, obwohl sie sich selbst gar nicht als Politband sehen und sich auch von der Liedermacherszene der 80er Jahre abgrenzen. Wenn etwa die "Brother Keepers" ein Stück über den von Rechtsextremen ermordeten Alberto Adriano machen und in den Top Ten der Charts landen, bedeutet das, dass Millionen Jugendliche sich offensichtlich mit diesen antirassistischen Positionen identifizieren. Wir haben dieses afrodeutsche Musikerprojekt übrigens auf einer Tagung vorgestellt.

Sie kennen sich in der Jugendszene aus. Spricht diese Musik junge Leute nicht viel stärker an als Literatur? Da ich auch für politische Jugendbildung zuständig bin, muss ich im Blick haben, wie sich das Politikverständnis von Jugendlichen verändert. Politisches artikuliert sich heute eher in der Alltagskultur. Deshalb machen wir auch Veranstaltungen mit Klaus Farin über Jugendkultur vor Ort, also in Schulen und Jugendklubs, wo sich die Jugendlichen selber aussuchen können, worüber sie diskutieren wollen. Die Themenspanne reicht von "Böhse Onkelz singen keine Nazilieder" über Informationen zur HipHop- und Technoszene bis zu Dark Wave. Im vergangenen Jahr hatten wir im Rahmen unseres Projekts "Culture on the Road" mit dem Archiv der Jugendkulturen sogar Vertreter der Musikszene dabei, die mit den Schülern diskutiert haben.

Erreicht man dabei auch Jugendliche aus dem anderen Spektrum? Bei den Veranstaltungen mit Farin, ein Spezialist für Rechtsrock und "Böhse Onkelz", zeigte sich, dass das Thema Musik eine Ebene eröffnet, auf der man auch mit rechten Jugendlichen ins Gespräch kommt. Wenn ich einen Verfolgten des Nationalsozialismus in eine Klasse mit vielen Rechten setze, dann wissen die doch genau, wie das abläuft: Da vorne sitzt der, der das "Gute" repräsentiert, also geben wir uns besonders cool und unbeeindruckt, um die pädagogische Anordnung zu zerstören. Deswegen ist es sinnvoller, erst einmal ein Gesprächsthema anzubieten, für das sie sich selbst als Experten fühlen. In diesem Milieu ist es viel wichtiger zu zeigen, wie sich die "Böhsen Onkelz" aus der rechten Szene gelöst haben, dass sie sich heute auf Konzerten und in Anzeigen von der Naziszene distanzieren. So etwas ist für das Bewusstsein eines rechten Jugendlichen gravierender als viele Materialien, mit denen er im Unterricht konfrontiert wird. Die Demokratie muss meiner Ansicht nach auf dieser alltagskulturellen Ebene verteidigt werden.