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26.02.2005

Interview: Christoph Dieckmann über das Erinnern

von Frank Quilitzsch TLZ

Herr Dieckmann, führen Sie Tagebuch?

Ja, aber erst seit 1994, als ich mitbekam, wieviel ich vergesse, gerade aus der jüngeren Vergangenheit. Ein Chronisten-Vorbild ist mir mein Vater. Er war Jahrgang 1920 und hat seit 1932 Tagebuch geführt - nicht im Sinne eines Wertens und Philosophierens über die Dinge, die ihm widerfuhren, sondern er hat jeden Tag wie ein Buchhalter ganz penibel das Alltägliche, das Konkrete aufgeschrieben. Am Frühstückstisch wurde daraus vorgelesen. Wir Kinder liebten das.

Sie machen es anders?

Meine Aufzeichnungen sind eine Art Halbschritt zwischen Erlebnis und Text. Ich skizziere; es geht noch nicht um die Form. Ich mache mir das Tagebuch auch nicht zur regelmäßigen Pflicht, sondern notiere nach Lust und Bedarf Fakten und Befindlichkeiten, als Hilfe fürs Gedächtnis.

Haben Sie heute eine Eintragung gemacht?

Nein.

Dann waren Sie wohl den ganzen Tag zu Hause. Ich mache gerade eine Reportage für die "Zeit" über den FC Hansa Rostock, und da ich ein großer Verfechter der "oral history" bin, nehme ich möglichst viele Stimmen auf. Anschließend werden sie verschriftet. Das ist ein ziemlicher Aufwand, heute habe ich zwanzig A4-Seiten handschriftlich zu Papier gebracht. Danach tut die Hand weh, da zieht´s einen nicht mehr zum Tagebuch.

In Ihrem Buch streiten der Journalist und der Erzähler ... Ach, die streiten nicht.

Die ergänzen einander? Das hoffe ich.

Erzählung und Reportage sind zwei unterschiedliche Genres, besonders was den Umgang mit Fakten betrifft. Ich finde eigentlich nicht, dass es so verschiedene Genres sind. Ich bin kein Erfinder, sondern ein Erleber. Ich habe große Freude an der Erzählung der Wirklichkeit, an subjektiver Wiedergabe des Tatsächlichen. Die Fakten stimmen alle, ob ich als Erzähler oder als Reporter auftrete. Allerdings schöpfe ich im ersten Teil von "Rückwärts immer" stärker aus mir selbst, aus autobiografischem Erleben, das aber hoffentlich viele Leser meiner Generation mit mir teilen können. Auch im zweiten Teil des Buches geht es um Geschichtserfahrungen, die wahrscheinlich viele Menschen auf ähnliche Weise gemacht haben. Aber diese Geschichten habe ich sozusagen besucht; sie wurden mir berichtet. Als Reporter interessiert mich, wie die Leute ihre Welt erzählen. Die subjektive Komponente finde ich sehr interessant, auch die Fehler, die durch Subjektivität in die Geschichte eingetragen werden. Wer erzählt, entwirft ja zugleich ein Bild von sich selbst.

In "Rückwärts immer" erzählen Sie auch Kindheitsepisoden und Jugenderfahrungen aus der DDR und schildern Ihr Erleben der Wende-Zeit. Inwieweit kann man, darf man dem eigenen Erinnerungsvermögen trauen?

Ich habe unendlich viele Dinge aufgehoben. Die Dieckmanns sind Sammler, die können nichts wegschmeißen. Ich habe viel fotografiert, mein Vater auch, das heißt viele meiner Szenen und Interieurs sind als Bild vorhanden. Überdies glaube ich ein Ohrenmensch zu sein, ich kann mir Stimmen und Aussprüche gut merken.

Der Mensch, singt Herbert Grönemeyer, ist ein Mensch, weil er vergisst und verdrängt ... Das stimmt. Jedes Erinnern ist auch ein strukturiertes Vergessen. Man kann nicht alles gleichermaßen wertig im eigenen Gedächtnis ansiedeln. Sonst gäbe es keine Entwicklung, es gäbe auch kein Verarbeiten. Jedes Erinnern ist ein heutiger Akt. Das bedeutet, dass man sich in zehn oder fünfzehn Jahren anders erinnert, weil sich die Wertigkeiten verschieben.

Haben Sie schon mal eine Episode aus zeitlichem Abstand neu erinnert?

Ja, etwa wenn sich Schmerz in Erleichterung verwandelt hatte. Oder wenn eine Gewissheit verging. Ich versuche, mir einen Fundus von unaufgeschriebenen Dingen zu bewahren. Vor zehn Jahren habe ich die Erinnerungs-Novelle "Die Taten des treuen Heinrich" geschrieben, eine Sache, die ich ganz lange im Kopf hatte, aber indem ich sie aufschrieb, war sie dann fixiert. Meine Erinnerung unterscheidet sich jetzt nicht mehr von der geschriebenen Fassung.

Wie tatsächlich ist denn die Episode mit Gorbatschow im Berliner Palais Unter den Linden? Pure Wahrheit oder sektselige Übertreibung?

Wahrheit in sektseliger Übertreibung, ein So-war-es mit Schwips. Der Beweis liegt vor: Gorbatschows Memoiren mit Gorbi-Autogramm und den anderen genannten Unterzeichnern. Mir ist tatsächlich dieser Erinnerungswälzer aufs Haupt des Erhabenen hernieder gerutscht.

Ihr Ich-Erzähler hat Humor und liebt die lutherische Sprache, besonders wenn von den Vorfahren die Rede ist. Absicht oder unterläuft das beim Schreiben?

Ich bin Pastorensohn. Wenn Sie als Kind jeden Sonntag unter der Kanzel sitzen und Ihr Vater bepredigt die dörfliche Bauernschaft in einem Deutsch, das dem des Doktor Martin Luther nicht ganz verschieden ist, dann haben Sie erstens Schwierigkeiten, Ihren Vati vom Herrgott zu unterscheiden, und zweitens wird Ihnen dieses Lutherdeutsch in seiner Rhythmik, Drastik, Bildlichkeit zum Ur-Meter der Sprache. Ich hoffe, dass ich sehr verschiedene Arten von Deutsch sprechen oder intonieren kann, aber ein kleiner pastoraler Zug wird bleiben. Das ist keinesfalls als Ironie misszuverstehen. Ich habe ja selber gepredigt und bin ausgebildeter Theologe.

Warum wechseln Sie beim Erzählen zwischen der ersten und der zweiten Person?

Mal sage ich Ich, mal möchte ich mir selber als ein Du entgegentreten und meine Selbstgewissheiten auf den Prüfstand stellen.

Sie haben vorhin Ihren Vater aus der Kindheitsperspektive in den Himmel gehoben. Wo ist er für Sie jetzt, nachdem Sie seine Hinterlassenschaft gesichtet haben?

Die Autorität meines Vaters im Dorf war nicht nur die Autorität des Pfarrers, sondern auch die eines Pfarrers in der DDR. Das heißt, er befand sich immer in einer gewissen, quasi amtlichen Opposition zur Staatsmacht. Glücklicherweise hatte ich größtenteils freundliche Lehrer, denen das Kind wichtiger war als die Ideologie. Und glücklicherweise hat mein Vater in seiner wachsamen Angst, jemals wieder einer Ideologie zu verfallen, wie er dem Nazismus verfallen war, nicht den Fehler gemacht, uns gegen die DDR aufzuhetzen. Sondern er hat differenziert. Ich war als einziger in der Klasse kein Pionier. Er erkundigte sich: Beim Pioniernachmittag, was wird da gemacht? Wenn Grenzsoldaten besucht wurden, durfte ich nicht hin. Wurde Fußball gespielt, durfte ich. Der Fackel- und Laternenumzug durchs Dorf am Abend des 30. April war mir erlaubt. Die Mai-Demonstration fand ohne mich statt. Meine Eltern haben immer darauf gesehen, dass ihre Kinder nicht aus der Gemeinschaft herausfielen, was ja sehr bitter sein kann. Aber sie wollten, dass unser Ich stärker wäre als irgend ein übergestülptes Wir.

Sie zitieren aus Briefen Ihres Vaters, in denen die Verinnerlichung der Nazi-Ideologie sehr offensichtlich wird. Ist darüber in der Familie gesprochen worden?

Im Buch wird´s ja erzählt: Mein Vater sollte mir abends beim Ausziehen und Waschen immer vom Krieg erzählen. Das habe ich aber nur gewollt, weil ich wusste, dass an seinen Händen kein Blut klebte. Jede Kriegserzählung stand unter dem Vorspruch: Krieg ist ein wahnsinniges Verbrechen. Vater persönlich ist vor dem Schlimmsten bewahrt worden; er war fünfeinhalb Jahre lang Wehrmachtssoldat, Funker in Frankreich und in Oberitalien, und hat nicht einen einzigen Toten gesehen. Diese Bewahrung empfand er als gottgewollt, zugleich als Verpflichtung; sie war für ihn der individuelle Auslöser, Theologie zu studieren. Und von daher konnte er ganz anders über diese Zeit reden und auch anders von mir angehört werden, als wenn er getötet hätte.

Gibt es ein kollektives Gedächtnis?

Gesellschaften entwerfen anhand ihrer Geschichte ein Selbstporträt, das heißt es wird ihnen entworfen, als Staatsideologie. Es gibt ein kollektives Gedächtnis, aber das ist immer ein Konstrukt, wie alle Kollektiv-Identitäten. Ich wäre sehr vorsichtig zu beschreiben, was angeblich in jedermanns Gedächnis anzutreffen sei. Historiker stellen da gern einen Kanon unverzichtbarer ostdeutscher Gemeinschaftserfahrungen auf: der Krieg, der 17. Juni 1953, der Ungarn-Aufstand 1956, der Mauerbau, möglichst gar das 11. Plenum der SED 1965, die Biermann-Ausbürgerung ... Das trifft für die allerwenigsten Menschen zu. Natürlich, der Krieg ist Simultan-Erfahrung, mit Flucht und Vertreibung. Der Mauerbau nur, sofern er die eigene Familie betraf. Grundsätzlich sind die Erinnerungen der Menschen durch das geprägt, was ihnen individuell widerfahren ist. Deshalb kann man nicht die deutsch-deutsche Teilung nachträglich ungeschehen machen, indem man eine einheitliche Ost-West-Erinnerung konstruiert. Vor zwei Jahren gab es das große Erinnern an den 17. Juni als einen Versuch, Ost- und Westdeutschen quasi im Rückgriff die gleiche Freiheitsgeschichte zu diktieren. Und ein paar Monate später schwappte dann die Ostalgie-Welle - grässlich, aber doch weitaus weniger von oben anberaumt als von unten empfunden. Mit dem 17.-Juni-Gedenken verhielt es sich eher andersrum.

Ihr Buch enthält ein Kapitel über Günter Gaus, der 1989 davor warnte, dass sich Europas Unheilsgeschichte wiederholen könne. So etwas wurde bislang imperativ ausgeschlossen: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Offenbar verblasst die Erinnerung an den Völkermord schneller, als man wahrhaben will. Die Rehabilitation der Institution Krieg ist mir die größte Ernüchterung und Frustration der letzten Jahre. Das ist etwas Entsetzliches. Ich empfinde Ekel, einen ohnmächtigen Zorn. Ich glaube nicht, dass man im Krieg gewesen sein muss, um zu wissen, was Krieg bedeutet, und um Krieg zu hassen. Krieg ist - gestatten Sie mir, dass ich es theologisch sage - das schlechthin Gottferne und Gottfeindliche. Das Antimenschliche heißt Krieg. Wer tötet, fällt aus der Welt.

In den Medien werden Bataillone von Zeitzeugen aufgeboten - die Letzten, die den Zweiten Weltkrieg bewusst erlebt haben, den Holocaust, die Bombardierung Dresdens, die Befreiung der Konzentrationslager, das Kriegsende ... Das sind Angebote der Aufklärung. Aber damit sie gelingt, müssen die nachgeborenen Hörer und Leser ein Sensorium dafür haben, was anderen Menschen widerfahren ist. Mit dem Verschwinden der Zeitzeugen rückt natürlich die Geschichte in die Vorgeschichte. Krieg, Konzentrationslager, Ermordung der Juden werden Historie. Meine Erfahrung ist, dass sehr viel Böses nicht durch Aufarbeiten aus der Welt kommt, durch Geschichtsbewältigung, falls es so etwas gibt, sondern durch die sogenannte biologische Lösung. Und durch Sentimentalisierung. Die Ungeheuer der Weltgeschichte werden irgendwann Ikonen der Popkultur. Dann sind sie nur noch "große Männer" ihrer Zeit: Dshingis Khan, der Alte Fritz, der Große Korse. Und nun hat endlich auch der "Führer" wieder etwas Mitgefühl verdient, in diesem scheußlichen Film "Der Untergang", der Aufklärung vortäuscht und nichts bietet außer einer hollywoodgerechten Bebilderung der letzten Tage im Führerbunker. Ein total überflüssiger Film! Man kann seinen Machern fast schon Führertreue attestieren.

Als viel schwieriger erweist sich die Bewertung dessen, was unsere Generation in der DDR erlebt hat: den Sozialismus als erstarrende poststalinistische Gesellschaft und das Verdrängen der Verbrechen Stalins. Ist das zu nah, als dass man darüber schreiben kann?

Man kann darüber schreiben, aber bitte ohne die Arroganz nachträglichen Allwissens, ohne ostalgische Tümelei und nicht auf Befehl der Buchmarkt-Konjunktur. Manfred Stolpe hat mal gesagt: Das Nazireich hat Leichenberge hinterlassen und die DDR Aktenberge. Das stimmt und ist zugleich eine Selbstbeschwichtigungsformel. Ich glaube, in abgeschwächter Form kann unser Erinnern an die DDR und ihre Kollektivrituale helfen, unsere Elterngeneration zu verstehen. Aber man muss zugleich ein Bewusstsein entwickeln für die eigene Verführbarkeit. Das Schönen unserer Biografie beschädigt unsere Freiheit.

Wer sich erinnert, schreiben Sie in Ihrem Eingangsessay ... - Ist das für Sie überhaupt ein Essay?

Christian Eger, ein Kollege von der Mitteldeutschen Zeitung, hat meine Art, Erlebtes erzählend zu begrübeln, "Ausschweifung" genannt. Das gefällt mir, das hat was von Abschweifung, aber auch von Reise oder Exkursion.

Wer sich erinnert, heißt es in Ihrer schönen Ausschweifung, bilanziert zugleich den eigenen Wert und kann sich nicht heraushalten. So ist es. Die Menschen wollen sich in ihren Erinnerungen selbst erretten. Mir sind jene, die zu ihrem ganzen Leben stehen, inklusive ihrer Widersprüche, grundsätzlich lieber als die Flachwurzler der jeweils herrschenden Ideologie.

Dann also: Vorwärts, und nicht vergessen ...!

Ja, so sollte das Buch tatsächlich mal heißen. Aber diesen Titel gab es schon.

ZUR SACHE

"Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit" - der Spruch aus Schillers "Tell" dient dem Weimarer Literaturfestival vom 4. bis 23. März als Motto. Gegenstand der vom Kulturamt Weimar, der Stadtbücherei, der Thalia Buchhandlung und der TLZ veranstalteten und von der Sparkasse Mittelthüringen geförderten "LESartEN" sind Brüche und Veränderungen in der jüngeren und jüngsten Geschichte. Eingeladen wurden bekannte Autoren wie Peter Rühmkorf und Christoph Dieckmann, der Filmemacher Andreas Dresen und Weimars Kunstfest-Intendantin Nike Wagner. Neben Lesungen und Vorträgen stehen Veranstaltungen für Kinder sowie Dokumentar- und Spielfilme auf dem Programm.

Zum Auftakt am kommenden Freitag liest Christoph Dieckmann aus seinem im Ch. Links-Verlag erscheinenden Prosaband "Rückwärts immer. Deutsches Erinnern". Der Autor, Jahrgang ´56, ist in Halberstadt und Dingelstedt aufgewachsen, hat Theologie studiert, als Filmvorführer, Vikar und Medienreferent gearbeitet. Seit 1991 schreibt er für die "Zeit". Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das wahre Leben im falschen", "Volk bleibt Volk" und "Die Liebe in den Zeiten des Landfilms".