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05.06.2014

"Ins Erotische abgeglitten" - Nancy Hünger liest beim Menantes-Preis

von Lavinia Meier-Ewert Thüringer Allgemeine

"Manchmal lese ich mich auch erstmal warm, bevor ich mit dem Schreiben beginne." - Die Lyrikerin Nancy Hünger in ihrer Erfurter Wohnung. Zuletzt erschien ihr Band "Wir sind golden, wir sind aus Blut" in der Edition Azur. Foto: Marco Kneise

Erfurt. Vor ein paar Jahren musste sich Nancy Hünger noch ganz schön anstrengen, um in ihren Gedichten etwas über die Liebe zu finden. Es war in Wiesbaden, die junge Dichterin las gemeinsam mit dem großen Michael Krüger, das Thema war "Liebe" - und sie hatten nichts richtig Passendes, beide nicht.

Man müsste wirklich einmal Gedichte über die Liebe schreiben, haben sie hinterher beschlossen. "Aber ich nicht, ich bin zu alt", sagte der frühere Hanser-Verleger Krüger. "Das muss die Nancy machen."

Hat sie. Und jetzt ist Nancy Hünger mit ihren Gedichten in die Finalistenrunde für den Menantes-Preis für erotische Dichtkunst gekommen, als einzige Frau unter vier Männern. "Ja, aus Liebe wurde Erotik", sagt die 33-Jährige, die in der türkis gestrichenen Küche ihrer Wohnung in der Brühlervorstadt sitzt und sich eine Zigarette dreht.

Der weibliche Körper als Straßenverkehrsamt

Sie hat mit Worten gespielt, mit Rhythmen und Bildern - und landete beim Körperlichen. "Vielleicht, weil Sätze wie Ich liebe dich schon so sehr zum Klischee geworden sind, dass man sie eigentlich gar nicht mehr sagen kann", überlegt sie. Bei ihr wird daraus "Ich schneie dich", eine Wortspielerei mit Liebe und Schnee.

In einem anderen Gedicht wird eine Frau zum Straßenverkehrsamt: Es verzeichnet die Berührungen, die Männerfinger, die ihren Körper entlangfahren, "alle Schleichwege werden vermessen und kartiert".

Dass sie ins Menantes-Finale gekommen sei, sei eigentlich ein Wunder, sagt Nancy Hünger, sie bewerbe sich nämlich überhaupt nicht gern. "Ich bin ein Zweifler vor dem Herrn."

Es habe auch nie den Moment gegeben, in dem sie sich bewusst dafür entschieden habe, als Dichterin zu leben. "Das war eine Entwicklung, die wie ein Film an mir vorübergezogen ist." Es fühle sich mehr oder weniger zufällig an, sagt sie - ist es aber natürlich nicht, denkt man, wenn man ihre kunstvoll rhythmisierten Gedichte liest.

Angefangen zu schreiben hat sie in der Pubertät. Sie lacht. "Wie jeder." Die ihr "eigentlich etwas peinlichen Erzeugnisse" landeten bei Lese-Zeichen-Geschäftsführer Martin Straub. Der erkannte die Qualität und schickte später Gedichte von ihr an die 2010 verstorbene Schriftstellerin Gisela Kraft.

"Sie nahm meine Texte ernster als ich", erzählt Nancy Hünger. "Und sie hat mir alles beigebracht, von dem ich heute noch zehre." Überhaupt gebe es in Thüringen wunderbar viele Förderer von jungen Dichtern: Wulf Kirsten setze sich sehr ein, Hans-Jürgen Döring natürlich, "Edition Azur"-Verleger Helge Pfannenschmidt, die vielen Vereine - und nicht zuletzt der Freistaat mit Preisen und Stipendien.

Solche Aufenthaltsstipendien bieten Schriftstellern die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und sich für eine Weile nur auf das Schreiben konzentrieren zu können. "Ich finde das großartig", sagt Nancy Hünger mit sehr strahlendem Blick. Wenn es auch für die Beziehung nicht einfach sei, so oft weg zu sein. Zuletzt war sie in der Pfalz, mitten auf dem Land: "Vor dem Fenster grasten Rehe, nachts kamen Wildschweine - ich konnte selten so konzentriert arbeiten."

Die leichte Verschiebung, die man verspüre, wenn man einmal woanders war, mache einen wieder sensibel für den Alltag zu Hause, sagt Nancy Hünger, die Reisen liebt, aber nirgends anderswo leben möchte als in Thüringen. Sie ist in Weimar geboren, dort und in Jena hat sie studiert, jetzt lebt sie in Erfurt. "Viele in meiner Generation sind kosmopolitische Flaneure", sagt sie. "Wer übrig bleibt und sitzen bleibt, wirkt provinziell - aber so einfach ist es nicht."

Neulich fiel ihr auf, dass sie eigentlich in all ihren Texten diesem Gefühl von Heimat auf der Spur ist. Was das alles ist, Heimat, das kann sie gar nicht so genau sagen. Nur, dass sie jedes Mal lächeln muss, wenn sie in Erfurt aus dem Bahnhof kommt.

Wer war Menantes?

Geboren wurde er als Christian Friedrich Hunold am 29. September 1680 in Wandersleben. Mit 11 Jahren wurde er Waise, mit 20 veröffentlichte er seinen ersten Roman - "Die galante und verliebte Welt" - und nannte sich fortan Menantes. Was er schrieb, gilt als "Galante Dichtung": Romane, die nicht mehr historisch-höfisch waren wie im frühen Barock, sondern auf der privaten Ebene des Liebesromans spielen.