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18.11.2012

Ingrid Annel erzählt von Irrlichtern und Wassermännern

von Anne Gallinat TLZ

In "Glücksdrachenpech" leben Märchen und Sagen der Lausitz neu auf.

Ingrid Annel werden "Glück" und "Pech" in einem Atemzug genannt. Der Besitz eines "Plons", eines Glücksdrachens, der heranschafft, was man braucht, ist durchaus von Vorteil. Allerdings kann sich Glücksdrachenglück schnell auch in Glücksdrachenpech verwandeln. Wenn der Hirsebrei - bevorzugte Nahrung eines Glücksdrachens - zu heiß ist, kann der erzürnte Drachen schon mal das ganze Haus abfackeln.

Die Lausitzer Sagengestalten sind merkwürdig verwirrend, weder richtig gut noch furchtbar böse. Sie sind undurchschaubar. Ambivalent. Der Wassermann hat alljährlich das Recht, einen Menschen in seinem Teich zu ertränken. Doch wer der Frau des Wassermanns Geburtshilfe leistet, kann sich einen ganzen Sack Dukaten verdienen. Und wer nicht viele Worte verliert, kann den Wassermann sogar zum guten Freund haben. Irrlichter lassen so manchen in Sumpf und Moor versinken. Doch für ein dick bestrichenes Quarkbrot kann ein Irrlicht auch zum guten Wegweiser werden.

Ingrid Annel ist den Spuren der Sagenfiguren, die ihre Wurzeln eher im tschechischen als im deutschen Raum haben, nachgegangen. Sie ist in die Lausitz gefahren, hat in Museen, Bibliotheken, Archiven gestöbert. Sie interessierte sich vorrangig für die Urformen der Lausitzer Sagen, so wie sie den Sagensammlern, die einst durch die Dörfer zogen, erzählt wurden. Das Internet erwies sich in dieser Hinsicht als wahre Fundgrube. Einige Sagen waren nur als Bruchstücke, als winzige Puzzleteile vorhanden. Oft wurde eine Sagenfigur beschrieben, ohne in eine Geschichte eingebunden zu sein.

Ingrid Annel hat mit den Puzz­leteilen experimentiert, hat die oft nur wenige Zeilen langen Bruchstücke neu zusammengesetzt. Hat die alten Sagengestalten in neue Geschichten verpackt. Es ging ihr nicht um eine vollständige und schon gar keine wissenschaftliche Aufarbeitung des Lausitzer Sagenbestands. Es ist ein Buch für Leser, die Spaß an skurrilen Sagenfiguren und ihren seltsamen Geschichten haben.

Sprachlich bleibt Ingrid Annel im Ton des Märchenerzählers. Und doch kommt ihre Sprache nicht altmodisch verstaubt daher, sondern mit viel Witz und Wortgewandtheit. Das Buch ist mit Schwarz-Weiß-Illustrationen von Marga Lenz versehen, die die Sagenwelt der Lausitz in ihrer Eigenart hervorheben. Das Sagenbuch ist in einem noch relativ "jungen" Verlag, dem Bertuch-Verlag, mit Sitz in Weimar veröffentlicht worden. Im Übertitel ist zu lesen: Märchen und Sagen aus der Lausitz - Band 1. Am Ende bleibt der Wunsch, auch den 2. Band recht schnell zu lesen.

Ingrid Annel: Glücksdrachenpech. Märchen und Sagen der Lausitz, Bertuch-Verlag, Weimar , 100 S., 12,50 Euro