Presse - Details

 
24.10.2009

Ingo Schulze sucht den 'Westen mit menschlichem Antlitz'

von Frank Quilitzsch TLZ

Er kann die ewig gleichen Fragen nicht mehr hören: Wie haben Sie den 9. November erlebt? Und wie sehen Sie die deutsche Vereinigung, ist sie vollendet? "Es war ein Beitritt", korrigiert er geduldig und kann sich dabei auf den "Einheits-Architekten" Wolfgang Schäuble (CDU) berufen, der rückblickend unmissverständlich klar gestellt hat: "Liebe Leute, es handelt sich um einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ... Wir fangen nicht ganz von vorn bei gleichberechtigten Ausgangspositionen an."
An den meisten Fragen, die ihm nicht nur von Journalisten gestellt werden, störe ihn, dass sie so unpolitisch seien, schreibt Schulze in einem Essay mit dem Titel "Mein Westen" - "sie sind so unpolitisch wie unsere Politiker, die vor allem eins sein wollen: Manager. (...) Ihr Denken und Handeln ist auf die Frage fixiert, wie möglichst viel Konsum, möglichst viel Wachstum erreicht werden kann." Der Text findet sich gegen Ende des Bandes "Was wollen wir?", den der Berlin-Verlag zur Frankfurter Buchmesse präsentierte.

Schulze, dessen Bücher regelmäßig auf der Spiegel-Bestsellerliste landen, ist kein Autor, der sich gern in den Vordergrund drängt. Aber manchmal - wie bei der Verleihung des Thüringer Literaturpreises vor zwei Jahren - drängt es ihn, Stellung zu beziehen zu Grundproblemen unserer Zeit. Vor allem zu der Zeit nach dem Mauerfall. Seine DDR-Biografie und seine Wende-Erlebnisse in Altenburg hat er unter anderem in dem Erzählungsband "Simple Storys" und dem Romanepos "Neue Leben" verarbeitet - wie, das erörtert er anschaulich in seiner Leipziger Poetikvorlesung 2007, die den längsten und einen zentralen Teil des Essay-Bandes ausfüllt. Literatur sei nicht dafür gemacht, etwas zu erklären, aber sie dürfe und sollte für eine gesellschaftliche Selbstverständigung genutzt werden, heißt es dort. Bemerkenswert ist, wie unakademisch - oft sogar anekdotisch - Schulze über seine Erfahrungen spricht.

Der Band enthält in den letzten Jahren niedergeschriebene Erinnerungen ("Damals in der Provinz"), Bekenntnisse ("Mythos Dresden") und Gedanken über Schulze nahestehende Autoren wie Charms, Wolfgang Hilbig, Christa Wolf, Witold Gombrowicz oder Katja Lange-Müller. Am interessantesten sind jene Texte, in denen der Autor seine eigene Sicht auf die globalisierte Welt entwickelt und gegen den selbstgefälligen Zeitgeist polemisiert.

Eine beinahe schon vergessene Frage

"Mein Problem ist nicht das Verschwinden des Ostens, sondern das Verschwinden des Westen unter der Lawine einer selbstverschuldeten Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die Begriffe wie Freiheit und Demokratie zunehmend zum Popanz macht", stellte er bei seiner Aufnahme in die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung 2007 öffentlich klar. In den jüngst aufgezeichneten Überlegungen zur "Zukunft des Kapitalismus" konstatiert er eine Polarisierung der Gesellschaft in Arm und Reich, wie sie zu Anfang der Neunziger kaum vorstellbar war: "Zwanzig Prozent der Bevölkerung besitzen über 80 Prozent des privaten Vermögens." Schulze beklagt das Verschwinden eines "Westens mit menschlichem Antlitz" und stellt angesichts einer Politik, die beinahe ausschließlich mit Krisenmanagement beschäftigt ist, eine fast schon vergessene Frage: "Was wollen wir?"

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch, was Schulze über seinen im Sommer ´89 spielenden Flüchtlings-Roman "Adam und Evelyn" schreibt: "Nicht zuletzt sollte die Fallhöhe deutlich werden, die zwischen 1989 und heute liegt." Adam ist seiner Frau aus der DDR über die ungarische Grenze in den Westen gefolgt, und Evelyn glaubt, mit ihrem ungeborenen Kind in der glücklichsten aller Welten angekommen zu sein. Adams Schweigen schürt in ihr erste Zweifel. "Glaubst du wirklich, dass alles weitergeht wie bisher?" Schulze bemerkt zu dieser Szene in seiner Poetikvorlesung: "Es sind nicht die Einheimischen, die auf eine grundsätzliche Veränderung hoffen. Es sind die Flüchtlinge. Das Maß an Hilfe und Aufmerksamkeit, das Adam und Evelyn zuteil wurde, ist für heutige Flüchtlinge schon unvorstellbar geworden."

i Ingo Schulze: Was wollen wir? Essays, Reden, Skizzen. Berlin Verlag, 316 Seiten, 22 Euro