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27.06.2005

In Gesichtern auf der Suche nach Geschichten

von vom AS Ostthüringer Zeitung

Letzter Raniser Stadtschreiber stellt Buch vor

Ranis (OTZ/AS). "Ranis hat kein Gesicht". Diese Behauptung eines "Jemand" steht am Anfang der Geschichte "Stadtschreiben" von Christopher Kloeble. Auf knapp vier Seiten, die im Raniser Schlosshof gestern in weniger als zehn Minuten vorgelesen sind, beschreibt der 22-Jährige sein Nachdenken über diesen Satz und die Stadt, in der er ein Jahr lang das Amt des Stadtschreibers inne hatte. Er erzählt von der Suche nach den "Falten und Furchen und Narben" im Raniser Gesicht, die er bei Spaziergängen zur Silberleite, nach Moxa oder Seebach, beim Blick von der Burg weit ins Tal und beim Gespräch mit dem jungen Pfarrer gesucht hat. Und kommt doch zum Schluss, dass er mit allem, was er erzählen würde, "nicht Ranis´ Gesicht beschreiben", sondern nur sein eigenes Gesicht von Ranis zeichnen könnte. Als er das Gesicht der Kleinstadt dann doch "in den Gesichtern der Raniser" ausmacht, kommt ihm die Erkenntnis, dass kein fremder Stadtschreiber es schaffen wird, darüber Geschichten zu schreiben. Denn, so ist er überzeugt, diese "warten nicht darauf, geschrieben und wohlüberlegt formuliert zu werden, nein, sie harren aus, um gelesen zu werden, von dem, der lesen kann".

Von Kloebles Versuchen dabei handeln einige Kurzgeschichten in dem Buch "Wenn es klopft", dessen erstes Exemplar Bürgermeister Andreas Gliesing dem Autor bei der Lesung überreichte. Das immerhin 175 Seiten starke Buch aus der Edition Ranis beweise, dass Kloeble seine Zeit als Stadtschreiber gut genutzt habe, ist Gliesing überzeugt.

Die Freude über sein erstes Buch ist dem jungen Mann, der das "kreative Schreiben" seit zwei Jahren am Leipziger Literaturinstitut studiert, dann auch anzumerken. Zwar hat er schon mit 13 Geschichten zu Papier gebracht, doch die will er "heute keinem mehr zumuten". Mit den Sachen, die er schrieb, seit er etwa 18 war, verhielt es sich dann schon anders. Manches davon wurde in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Dass es diesmal ein ganzes Buch geworden ist, hat viel mit Ranis und der Stadtschreiber-Wohnung auf der Burg zu tun, sagt Christopher Kloeble. "Es ist die Ruhe und Abgeschiedenheit hier, du wirst nicht abgelenkt vom Fernsehen oder den Straßencafes wie in Leipzig. Hier kannst du nur spazieren gehen - und dann musst du zurück zu dem Blatt weißen Papiers auf deinem Schreibtisch", erklärt er.

Um so bedauerlicher ist, dass sich Ranis "aus finanziellen Gründen" vorerst keinen Stadtschreiber mehr leisten kann.