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08.10.2009

In die Seelen der Menschen blicken

von Frank Quilitzsch TLZ

In die Seelen der Menschen blicken


Der Jubiläums-Jahrgang: Sigrun Lüdde, Geschäftsführerin der Literarischen Gesellschaft Thüringen, zeigt die Bände von Marie-Elisabeth Lüdde, Landolf Scherzer und Wulf Kirsten. Foto: Schuck

Weimar. (tlz) Landolf Scherzer hat sich auf den Weg nach Tschernobyl gemacht, um die Folgen der ´86er Reaktor-Katastrophe zu erkunden. Wulf Kirsten erinnert sich an den DDR-Umbruch ´89, um sich über seine Rolle als Dichter in der Gesellschaft klar zu werden. Und Marie-Elisabeth Lüdde erzählt eine schockierende Familiengeschichte der 50er Jahre. Dieser ist einer der stärksten Jahrgänge der Thüringer "Edition Muschelkalk" (je Band 11 Euro) - und leider der letzte, der von e.on Thüringer Energie AG gesponsert wurde. Heute präsentiert die Literarische Gesellschaft in Weimar die Bände 28, 29 und 30 ihrer im Wartburg-Verlag erscheinenden Thüringen-Bibliothek.
Um Tschernobyl zu begreifen, muss man in die kranken Seelen der Menschen blicken, rät eine Ukrainerin. Genau das tut Scherzer bei seinem Versuch, bis zu dem unter einem Betonsarkophag begrabenen Unglücksreaktor vorzudringen. Er spricht mit alten Leuten, die die Katastrophe erlebt haben und immer noch nah der hochverstrahlten Zone leben, und registriert die Folgeschäden auch bei den jüngeren: Krankheiten, Missbildungen, vielfach erhöhtes Krebsrisiko. Die Isotope gelangen auch nach 23 Jahren noch über die Nahrungskette in die Körper jener Menschen, die zu arm sind, um wegzuziehen und ein neues Leben zu beginnen. "Wir erhalten alle zusätzliches Geld, um uns strahlenfreies Obst und Gemüse aus anderen Gegenden kaufen zu können", sagt ein Redakteur in der Reportage "Das Sarggeld von Uljanowna", die Scherzers Buch den Titel gab. Der längere, 2008 niedergeschriebene Text "Zwei Versuche, mich Tschernobyl zu nähern" endet kurz vorm Ziel. Der Reporter wird von Sicherheitskräften an der Weiterfahrt gehindert und erhält das Angebot, für 130 Euro zusammen mit zahlungskräftigen "Katastrophen-Touristen" im Bus zu dem zerstörten Atomkraftwerk zu fahren, verzichtet aber auf dieses "Event".

"Gegenbilder des Zeitgeists"

Es sei kein Zufall, dass der Jubiläumsband - der 30. - der "Muschelkalk"-Reihe Wulf Kirsten zum Autor hat, bekennt Herausgeber Kai Agthe im Nachsatz. Denn Kirsten war es, der vor zehn Jahren die deutschlandweit einmalige Edition ins Leben gerufen und deren erste Ausgaben betreut hatte. Der Weimarer Lyriker und Essayist, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feierte, versammelt in "Gegenbilder des Zeitgeists" autobiografische Beiträge und Aufsätze über Weggefährten und ihm nahestehende Dichterkollegen wie Wolfgang Hilbig, Walter Werner, Harald Gerlach oder Lutz Seiler.

In seinem Tagebuch vom 11. September bis 27. November 1989 begrüßt der Autor den aufrechten Gang der Bürgerbewegten, spart aber auch nicht mit sarkastischen Kommentaren. "Wendehälse", notierte Kirsten am 12. November: "Leute, die es immer gewußt haben, eben noch auf die unumstößlichen Wahrheiten der weisungsbefugten Obrigkeit abonniert, haben nun eilig ihre Gesinnung, ihre Treue zu Staat und Partei in die chemische Schnellreinigung gebracht." In einem 1997 verfassten "Rückblick" setzt sich der zu den Akteuren des Weimarer Umbruchs zählende Kirsten kritisch mit seinem Leben in der DDR auseinander, mit deren Staatsideologie er nie konform gegangen ist, und formuliert, was hierzulande für viele Intellektuelle und Künstler gelten mag: "Konfrontativ wurde der Widerspruch nicht ausgetragen. Es blieb stilles Denkmuster im geschützten Winkel. Den Schutz bot Loyalität. Und genau sie machte den Staat so lange tragfähig."

Die Dritte im Bunde dürfte Lesern der "Edition Muschelkalk" bereits bekannt sein: Marie-Elisabeth Lüdde hat die Erinnerungen Siegfried Pitschmanns, des 2002 in Suhl gestorbenen Schriftstellers und Lebensgefährten von Brigitte Reimann, aufgezeichnet und als Band 13 der Reihe veröffentlicht. Nun legt die schreibende Theologin eine autobiografisch grundierte Familiengeschichte vor, deren Titel "Vati und Mutti" Geborgenheit suggeriert, doch bald nur noch als Wunsch begriffen werden kann, da die Wirklichkeit einem Alptraum gleicht: Für die Kinder ist Gewalt, sind Schläge, Schreie, Drohungen, Herabsetzungen und Missachtungen von Anfang an alltäglich. "Es war der Druck der Sorge, der sich auf diese Weise löste", heißt es im Tagebuch, das die Eltern über sie führen und aus dem auch hervorgeht, dass die Erziehungsgrundsätze aus dem Werk "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von 1934 stammen.

! Buchpräsentation mit Autorenlesung: heute, 20 Uhr, Buchhandlung Eckermann in Weimar (Marktstr. 2)

07.10.2009 Von Frank Quilitzsch