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03.12.2005

In der Märchenwelt ...

von dpa TLZ

Erfurt/Meiningen. (dpa/tlz) Märchen sind nach Ansicht von Experten bestens geeignet, das Lese-Interesse von Grundschülern zu fördern. Thüringens Lehrer holten aber meist nicht genug aus den Erzählungen heraus, kritisierte Karin Richter, Professorin am Institut für Grundschulpädagogik an der Universität Erfurt.

Bei einem Märchen-Symposium für Lehrer, Erzähler und Forscher in Meiningen erhielten gestern Abend die Berliner Theaterpädagoginnen Sabine Kolbe und Suse Weiße den mit 2500 Euro dotierten Thüringer Märchen- und Sagenpreis 2005. Mit dem Preis werden die Verdienste der beiden Pädagoginnen um die Pflege, Aufarbeitung und Vermittlung von Märchen und Sagen in deutscher Sprache gewürdigt. Kolbe und Weiße sind mit Märchen-Erzählabenden auf Tournee. Daneben organisieren sie Workshops mit Schülern und Lehrern. Der Märchen und Sagenpreis wird seit 2001 alle zwei Jahre von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen gestiftet.

Nach Angaben von Professorin Richter lässt das Interesse der Kinder an Märchen im Laufe der Grundschule drastisch nach - und damit immer auch das Interesse am Lesen überhaupt. Das belege eine Studie der Universität Erfurt. "Die Schule hat aber die Pflicht, allen Kindern Wege zum Buch zu öffnen", betonte Richter. Der Studie zufolge haben 58 Prozent der Zweitklässler Interesse am Lesen von Märchen, am Ende der Grundschule seien es nur noch 37 Prozent.

"Die Schüler steigen aus - aber ohne auf andere Themen umzusteigen. Vor allem die Jungen werden in dieser Zeit zu Nicht-Lesern", sagte Richter. Nur ein anderer Umgang mit dem Lesestoff könne diese Entwicklung durchbrechen. Wichtig sei es, die Geschichten zu hinterfragen und auch über den Einsatz von Bildern für die Kinder zu erschließen. Warum verhält sich die böse Stiefmutter so? Oder: Was zeigen Märchen aus anderen Ländern über die verschiedenen Völker? Das seien Fragen, mit denen das Interesse der Kinder am Lese-Stoff aufrechterhalten werden könne. Auch die vielfältigen Verbindungen zu Sagen und Mythen könnten gerade die Jungen begeistern. Die Kinder müssten mehr an der Erschließung der Texte beteiligt werden. "Aus dem Fremd-Text muss für die Schüler ein eigener Text werden."

Leider werde im Deutsch-Unterricht an Grundschulen aber viel Wert auf Rechtschreibung und Grammatik gelegt ohne rechtzeitig Begeisterung für Literatur und das Lesen zu wecken. Gerade viele ältere Lehrer seien Neuem gegenüber verschlossen. "Die Altersstruktur der Lehrerschaft muss sich ändern, wir brauchen mehr Fortbildungen, müssen experimentierfreudiger werden."