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19.05.2010

Immer empfindlich geradeaus

von Mattias Biskupek Eulenspiegel 05-2010

 

Vor fünf Jahren wanderte Landolf Scherzer entlang der thüringisch-bayerisch-hessischen Grenze, machte daraus ein Buch und bekam Ärger mit Pächtern der Wahrheit, wie einst im sozialistischen Mai: Das Buch vermittle ein ‚manichäisches Weltbild’; es verzerre die Wirklichkeit. Ein Privat-Feind von Scherzer ereiferte sich bis zur Hysterie. Nun gibt Scherzer solchen Kritikern durchaus Anlass: Er besteht auf subjektiv Erlebtem, gibt Gespräche ungefiltert wieder, was Gesprächspartnern nicht immer passt: So wollte ich das aber nicht verstanden haben!

Im vorigen Spätsommer wanderte er „zu Fuß durch Europas Osten“ Immer geradeaus (Aufbau). Eigentlich wollte er hoch zu Traktor den Balkan erkunden, sein Spannemann kneift, nun läuft er halt. Von der Südecke Ungarns, durch Kroatien, die Vojvodina, also Serbien, den Banat bis Rumänien. Scherzer beherrscht ein Wald- und Wiesen-Russisch, vier Brocken Ungarisch und drei rumänische Höflichkeitsfloskeln. Er muss also erschauen, was er nicht erhört, er muss spüren, was er nicht wissen kann. Das ist der Vorteil – und die Crux dieses neuen Buches. In seiner Wanderlandschaft, meist platte Mais-Sonnenblumen-Weizen-Gegend, durch die er sich quält, liegen deutsche Wurzeln – und er trifft Leute, die einst in Köln, Wien oder Dresden arbeiteten. Aus diesem eher mageren Stoff macht er pralle Geschichten – und er hat seine Spannemänner, die ihm die richtigen Schreibweisen und den echten Klang des Banatschwäbischen hineinkorrigieren. Seine Gewährsleute sind oft im Bild zu sehen – einmal sieht man zwei Tafeln in vier Sprachen. Scherzer schreibt von dreien - rumänisch, serbisch, deutsch. Seine Kritiker dürfen aufheulen: Er hat ungarisch weggelogen!