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07.01.2010

Im Transit-Raum Europa

von Ulrich Kaufmann TLZ

Wälzer waren Volker Brauns Sache nie, weder als Produzent, noch als Rezipient von Literatur. Büchner habe, so Braun, im "Lenz" alles Wesentliche auf 30 Seiten zu sagen vermocht. Nun aber legt er einen Band mit knapp 1000 Seiten vor, der farblich und formal einem Ziegelstein nicht unähnlich ist. Dieses in jeder Hinsicht gewichtige Buch kann man für sich betrachten, jedoch auch als Teil einer Tetralogie begreifen: Auf den Roman "Machwerk" (2008) folgten die Kalendergeschichten "Flickwerk" und nun der Band "Werktage I".

Wer Intimes sucht, wird eher enttäuscht. Vor allem geht es in dem "Arbeitsbuch" - so der Untertitel - um das Werk eines Autors, der in allen Gattungen der Literatur zu Hause ist. Es ist nicht gerade üblich, dass ein Dichter zu Lebzeiten seine Tagebücher öffnet. Das "Arbeitsjournal" Bertolt Brechts, das als Muster durchschimmert, erschien 1977, reichlich zwanzig Jahre nach dem Tode seines Verfassers! Zu bedenken war vor der Herausgabe, dass viele der Freunde und Gegner Volker Brauns noch leben.

Zwölf Jahre einer turbulenten Epoche

Betrachtet wird die Zeit von 1977 bis 1989, die letzten zwölf Jahre einer vergangenen Epoche, die wohl mehr als eine "Fußnote der Geschichte" (Stefan Heym) war. Mancher Leser könnte sich fragen, weshalb der Band das turbulente Jahr 1976 - Reisen nach Peru und Kuba, Abschluss des Parabelstücks "Der Große Frieden" sowie vor allem die Biermann-Ausbürgerung - ausspart. Nicht zuletzt die Turbulenzen dieses Jahres waren es vermutlich, die dem Autor klar vor Augen führten, dass Notate im Taschenkalender nicht mehr genügten, um über einen Erinnerungsspeicher zu verfügen. Über die Folgen der Biermann-Krise bis in das Jahr 1979 hinein wird der Leser von Braun ausgiebig unterrichtet.

Der Reiz des verknappt geschriebenen Journals liegt darin, dass hier ganz verschiedene Textsorten und Materialien meist kommentarlos nebeneinander stehen: Notate über Lesungen, Berichte über deprimierende Debatten zu Druckgenehmigungen und Aufführungsverboten, Anekdoten, Witze, bekannte und unbekannte Gedichte, Träume, private und Zeitungsfotos, zum Teil lyrisch begleitet, Gemälde, Plastiken, Karikaturen, knappe Reiseberichte und vieles mehr. Volker Braun, dem die Privilegien des bekannten Autors bewusst waren, ist viel gereist, er kennt Länder und Kontinente. Dieses Wissen von der Welt ermöglichte dem Dichter einen globalen Blick und bewahrte ihn davor, Illusionen über die westliche Wirtschaftsordnung zu haben: er findet sie als Dialektiker gleichermaßen "angenehm und empörend". Braun erfasst nicht die Oberfläche, sondern blickt hinter die Fassade.

Während der Dichter wenig über seine Ehefrau notiert, berichtet er mehrfach mit Sorge über seine kranke Mutter und mit väterlichem Stolz über seine Tochter Arne. Ein besonders intimes Verhältnis hatte Braun zu Anna Seghers, die den Jüngeren - etwa nach dem Erscheinen der "Unvollendeten Geschichte" 1975 - zu schützen wusste. Während der Arbeit an dem Stück "Transit Europa" (im Mai 1985), welches Motive des Romans "Transit" aufnimmt, hatte der Dichter folgenden Traum: "sitze neben der jungen anna seghers im heck eines kleinen bootes. stelle ihr fragen zur stockenden arbeit, die sie zutraulich beantwortet. ihr kopf liegt dann in meiner armbeuge, das gesicht ganz glatte haut. glückliches geschenk des schlafs, das wert ist wie eine andere liebschaft." Den Rest der Seite ziert ein Jugendbildnis der Verehrten ...

Als Dichter behauptet gegen Widrigkeiten

Drei Jahre vorher, im Februar 1982, muss sich Braun zum wiederholten Mal fragen, ob eine Weiterarbeit in der DDR Sinn macht. Hölderlin paraphrasierend, heißt es: "also LENINS TOD nicht wegen den russen, GUEVARA nicht wegen den kubanern, DMITRI nicht wegen den polen, und alles das, weil ich unter den deutschen bin." Braun muss seine Produktivität als Dichter gegen enorme Widrigkeiten behaupten und zugleich begreifen, dass die Produktivität und Attraktivität seines Landes wie des gesamten Ostblocks abnimmt.

Die Kritik hat andernorts zu recht angemerkt, dass Brauns Tagebuch-Edition weder ein Register, noch einen wissenschaftlichen Apparat hat. So wäre es etwa von Interesse zu verfolgen, wie sich Braun mit dem Werk des zehn Jahre älteren Heiner Müller, dem "großen dichter", auseinandersetzt. Der Theatermann Braun hat im In- und Ausland viele Müller-Inszenierungen gesehen und diese meist anerkennend kommentiert. Ein Namensregister könnte helfen, diesem Thema schneller beizukommen. Aber - und das haben der Tagebuchautor und sein Verlag wohl bedacht - ein Register würde unseren Blick einengen, selektives Lesen würde uns hindern, den Kosmos dieses gewaltigen Buches zu erschließen.

"Werktage 1" ist keine "Auswahl", wie in der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen war, sondern das Ganze. Lücken in der Chronologie führten wohl zu dieser Annahme. Der Band ist so komponiert, dass der Autor mehrfach am Jahresende einen summarischen Rückblick wagt. Zum Umbruchsjahr 1989 notiert Braun: "nun haben wir eine biographie. aus dem widerstand und der geducktheit tretend, haben wir jeder eine geschichte durchlaufen, unter die ein harter strich gezogen wird. Unter die alten wahrheiten, unter die alte zukunft."

Freuen wir uns auf den - dann mit einem Register versehenen - zweiten Band der "Werktage", auf ein härteres Turnier. Es wird dort nicht vor allem um den Untergang eines "Ländles" gehen, sondern um die Kämpfe in den Jahrzehnten danach. Volker Braun, der im thüringischen Kochberg einige seiner großen Texte schrieb und dem Weimarer Theater sehr verbunden war, hielt sich auch nach ´89 kein Blatt vor den Mund.

i Volker Braun: Werktage 1 - Arbeitsbuch 1977-1989. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main, 996 Seiten mit zahlr. Abb., 29.80 Euro.Unser Autor gab 2009 mit Ingrid Pergande-Kaufmann den Band "Gegen das GROSSE UMSONST - Vierzig Jahre mit dem Dichter Volker Braun" heraus.