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07.05.2014

Im Kleinstaat Popo-Pipi mit Büchner verbündet

von Frank Quilitzsch Ostthüringer Zeitung

"Schlagzeilen mache ich nicht": Volker Braun, Dichter, Dramatiker und Direktor der Sektion Literatur der Akademie der Künste in Berlin, schreibt lieber für die Ewigkeit. Foto: Michael Kappeler

Vielstimmige Gratulation zu Volker Brauns 75. Geburtstag

Berlin/Jena/Erfurt. Wenn sich Wolf Biermann dichtend für einen Kollegen ins Zeug legt, blitzt neben Lob meist ein Fünkchen (Selbst-)Spott auf. So auch in dessen druckfrischer "Eloge für Volker Braun": "Die dicksten Freunde waren wir nie", schreibt der Barde. "Wir schätzten einander, schätzten uns ab / Zerfreundet jedoch warn wir nimmer / Verbündet im Kleinstaat ,Popo-Pipi / Den jungen Büchner im Zürcher Grab / Den liebten wir - inniglich! - immer. / Und sind nun Greise, und älter nun / Als all unsere Meister geworden / Ergatterten mehr eitle Preise als die / Sogar hochnothpeinliche Orden!"

Nachzulesen ist der gereimte Gruß in dem Geburtstagsband "Was immer wird, es wühlt im Hier und Jetzt", für den der Leipziger Lehmstedt-Verlag Dichter und Weggefährten zum "Zwiegespräch" mit dem Jubilar eingeladen hatte. Volker Braun, der wohl nach Heiner Müller wichtigste ostdeutsche Lyriker und Dramatiker, wird am heutigen Mittwoch 75 Jahre alt.

Pünktlich auf den Tag hat der Suhrkamp-Verlag den zweiten Band von Brauns - in Anlehnung an Brecht - "Arbeitsbuch" genannten Tagebüchern herausgebracht. In "Werktage 1990-2008" (1000 S., 39.95 Euro) lautet eine der letzten Eintragungen: "Ich kann sagen, was ich will, Schlagzeilen mache ich nicht. Die macht Grass, mit seiner Gabe aufzuwiegeln." Aber wie er mit seinen Gedichten, Dramen und zahllosen Prosastücken eine ganze Generation beeinflusste und zur Selbstfindung verhalf, lässt sich nicht nur bei Biermann, sondern auch bei etwa hundert weiteren Künstlern nachlesen, die den von Núria Quevedo und anderen Grafikern illus­trierten Lehmstedt-Band zur Festschrift machten. Von Kathrin Schmidt bisWulf Kirsten, von Steffen Mensching bis Durs Grünbein und von Ingo Schulze bis Martin Mosebach formt sich der von Michael Opitz und Erdmut Wizisla herausgegebene vielstimmige Reigen (264 S., 29.90 Euro).

"Wer unsere Zeit, die Gegenwart und das letzte halbe Jahrhundert, mit seinen Irrungen und Wirrungen, der Blasphemie immer neuer und immer wieder endgültiger und ewiggültiger Ideologien begreifen und erfassen will, findet in den Braunschen Schriften einen getreulichen und erhellenden Bericht, eine schonungslose Bestandsaufnahme", würdigt der Schriftsteller Christoph Hein. Und der Freund und Verleger Gerhard Wolf konstatiert in Anspielungen auf zwei der wichtigsten Dramen Volker Brauns: "Der große Frieden fand und findet ja bis heute nur auf der Bühne statt und nicht auf Kontinenten. Und wir leben, wie auch immer, ständig in einer ,Übergangsgesellschaft, von der man das Ende nicht weiß."

Auch Friedrich Schorlemmer bezieht sich auf Brauns pazifistisches Drama "Großer Frieden" und bekennt, die Einleitung 1986 "als Lesung für die Morgenandacht vor unserer Synode im Erfurter Augustinerkloster verwandt" zu haben. Folgenreicher noch war Braunsdramatisches Gleichnis "Die Übergangsgesellschaft", mit dem er in den 80er Jahren das Ende der DDR vorweggenommen hatte.

Der in Dresden geborene Lyriker, der nach dem Abitur zunächst auf Baustellen geschuftet und dann als Dramaturg am von Helene Weigel geleiteten Berliner Ensemble gearbeitet hatte, entwickelte sich zunehmend vom Hoffnungsträger zum Kritiker des Sozialismus. 1976 unterzeichnete er die Protestresolution gegen die Ausbürgerung des LiedermachersWolf Biermann und trat sechs Jahre später aus dem DDR-Schriftstellerverband aus. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Gedichtbände "Training des aufrechten Gangs" und "Langsamer knirschender Morgen", der "Hinze-Kunze-Roman" und die "Unvollendete Geschichte".

Bedauern kann man, dass Brauns Bühnenklassiker, selbst die in bester Brechtscher Manier, heute kaum noch aufgeführt werden. Auch die Uraufführung des Parabelstücks "Limes. Mark Aurel" durch Sebastian Baumgarten 2002 in Kassel blieb ohne Nachhaltigkeit.Rudolstadts Theaterintendant Steffen Mensching stemmte im vergangenen Jahr eine Adaption der Erzählung "Die hellen Haufen" auf die Bühne, in der Braun die Geschichte der hungerstreikenden Kalikumpel von Bischofferode weitergesponnen hat. Unvergesslich bleiben die beiden Jena-Auftritte unmittelbar vor und nach der Verleihung des Georg-Büchner-Preises im Jahr 2000, als Volker Braun seine Gedichte "Das Lehen" und "Das Eigentum" rezitierte.