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30.01.2006

Im Kampf gegen den Leserschwund

von dpa TLZ

Erfurt/Weimar/Jena/Gera/Eisenach. (dpa/tlz) Thüringer Bibliotheken kämpfen mit einer schrumpfenden Zahl von Nutzern. Sie hat sich von 1996 bis 2004 um etwa 80 000 verringert. Die Leiterin der Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken in Thüringen, Christine Geist, machte vor allem den Geburtenknick und die Abwanderung für die sinkende Nutzerzahl verantwortlich.

Geist befürchtete, dass der negative Trend anhält, da Bibliotheken mit immer weniger Mitteln und Personal auskommen müssten. Die Folge seien kürzere Öffnungszeiten und Schließungen. Derzeit gibt es nach Angaben des Thüringer Bibliotheksverbands noch etwa 100 hauptamtlich und etwa 300 neben- oder ehrenamtlich geführte öffentliche Bibliotheken. Auf der einen Seite gebe es weniger registrierte Nutzer und damit auch geringere Einnahmen. Auf der anderen Seite müssten die Bibliotheken aber die Ansprüche von einer wachsenden Besucherschar befriedigen, sagte Geist. Zahlreiche Thüringer nehmen die Leistungen der Bibliotheken zu Beratungsgesprächen und Recherchen spontan in Anspruch, ohne sich anzumelden. "Viele kommen nur, um Tageszeitungen zu lesen", sagte der Geraer Bibliotheksdirektor Manfred Grätz.

Die Ernst-Abbe-Bücherei Jena konnte im vergangenen Jahr zwar 2000 Nutzer hinzugewinnen. Dennoch musste die Stadtteil-Bibliothek in Jena-Nord geschlossen werden. Für ihre insgesamt gute Arbeit ist die Jenaer Bibliothek 2005 mit dem Bibliothekspreis, dessen Jury auch die TLZ angehört, ausgezeichnet worden.

Aktuelles Angebot

Den Bibliotheken falle es angesichts der Mittelknappheit immer schwerer, ihre Bestände aktuell zu halten, sagte Sabine Brendel, Sprecherin der Bibliothek Weimar. "Eine öffentliche Bibliothek steht und fällt mit ihrem aktuellen Angebot. Und aktuell bedeutet nicht älter als zwei Jahre."

Bei der Stadtbibliothek Eisenach sank nach Angaben von Sprecherin Petra Lürtzing im vergangenen Jahr die Zahl der Nutzer. Allerdings gebe es mehr junge Leser bis zwölf Jahre. "Da zeigt sich, dass sich unsere Aktion in den zweiten Klassen auszahlt", sagte Lürtzing. Derzeit erhalten die Schüler aller zweiten Klassen in Eisenach einen kostenlosen Bibliotheksausweis für ein Jahr, nachdem sie die Bibliothek gemeinsam mit ihrer Klasse besucht haben.

"Bibliotheken werden als Petersilie im Maul des Karpfens betrachtet, die man weglässt, wenn der Gürtel enger geschnallt werden muss", sagte der Vorsitzende des Thüringer Bibliotheksverbands, Frank Simon-Ritz. Dabei hätten Bibliotheken eine zentrale Funktion in der "viel gepriesenen" Informations- und Wissensgesellschaft", denn sie sicherten den "freien, ungehinderten Zugang zu Informationen". Zufrieden äußerte sich Benita Lippold, Sprecherin der Stadt- und Regionalbibliothek Erfurt. Die Bücherei sei mit knapp 19 200 aktiven Nutzern und 553 000 Besuchern die meist besuchte Kultureinrichtung der Stadt. Nach Ansicht von Lippold ist das eine Folge der guten Erreichbarkeit, die fünf Stadtteilbibliotheken und eine Fahrbücherei gewährleisteten. Alle befragten Bibliotheken boten 2005 mehr Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte, Puppenspiele oder Ausstellungen an als 2004. Besonders oft ausgeliehen wurden neue Medien, vor allem Hörbücher. Aber auch Sachbücher und Belletristik waren bei den Nutzern weiterhin beliebt.