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19.09.2015

„Ich schreibe Bücher nicht für Kritiker“

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Ranis/Jena (OTZ). Eine Familiensaga der besonderen Art, emotionsgeladen, abgründig und spannend, beschreibt Feridun Zaimoglu in seinem aktuellen Roman „Siebentürmeviertel“. Darin führt der 50-jährige Autor seinen Leser ins Istanbul der 1930er Jahre hinein in eine fremde, faszinierende Welt, in der sich ein deutscher Junge behaupten muss.
Auf Einladung des Vereins Lese-Zeichen e.V. und der Robert-Bosch-Stiftung stellte Zaimoglu, der als einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart gilt und heiß für den Deutschen Buchpreis 2015 gehandelt wurde, sein neues Werk in Ranis und Jena vor. Wir sprachen in Ranis mit ihm.

Ihre Lesestation am Donnerstag war Ranis. Können Sie sich noch an Ihre beiden bisherigen Aufenthalte dort erinnern?

F. Zaimoglu: Clemens Meyer und ich saßen 2007 zusammen im Gasthaus Zur Schmiede. Da hat geregnet und wir mussten rein, es war ein toller Ort zum Lesen. Und ich kann mich natürlich auch an das erste Mal erinnern, weil die Burg Ranis ein besonderer Ort ist. Ich habe da Plastikritter im Museumsshop gekauft. Das waren Kreuzritter für meine Sammlung.

Was bedeutet Ihnen Thüringen als Leseort, wo sie schon oft zu Gast waren?

F. Zaimoglu: Ich werde dankenswerter Weise immer wieder eingeladen. Es bedeutet mir aus verschiedenen Gründen viel: Erstens ist Freundschaft erwachsen mit einigen Menschen in Thüringen. Ich komme auch sehr gern hierher, weil ich über bestimmte wichtige Themen nicht so abstrakt sprechen muss, sondern es geht ans Eingemachte. Und das liebe ich.

Ans Eingemachte ging es gewissermaßen auch bei Ihrer Lesung am Donnerstag in Ranis. Sie haben überrascht mit der klaren Botschaft, dass Ihnen ostdeutsche Dichterinnen und Dichter wie beispielsweise Nancy Hünger und Tom Schulz besonder ans Herz gewachsen sind.

F. Zaimoglu: Und zwar sehr. Ich bin sogar weiter gegangen und habe gesagt, dass die Kraft in der Literatur über diese ostdeutschen Dichter kommt, die nicht die Anerkennung finden, die sie verdienen. Es gibt natürlich auch im Literatursektor eine Hierarchie. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Und diejenigen, die durch die von Westdeutschland aus diktierte Pseudorealismusfalle treten, haben es natürlich schwer. Aber ich lese ihre Bücher mit großer Lust.

„Siebentürmeviertel“ ist Ihr neues, soeben erschienenes Buch. Wie viel Familienwirklichkeit steckt in dieser Saga, in der sich ein deutscher Junge im Istanbul der 1930er Jahre behaupten muss?

F. Zaimoglu: Ich habe am Anfang mit meinem Vater gesprochen, der im „Siebentürmeviertel“ geboren und aufgewachsen ist. Er stimmte mich auf das Viertel ein. Es gilt für einen Schreiber, der so einen Roman versucht und zurück in die Zeit geht, logische Fehler zu vermeiden. In Istanbul greift der Abbau  von Vierteln um sich, und vieles, was damals war, ist längst verschwunden. Also musste ich über seine Geschichte, wo was stand und wo was verschwunden ist, herangehen. Das ist natürlich sehr wichtig. Denn die Geschichte endet 1939.

Damit gilt das Buch gleichzeitig als Ihr erster historischer Roman.

F. Zaimoglu: Das ist, wenn man so will, mein erster historischer Roman. Ich bin zwar auch bei „Leyla“ (2006 – d. Red.) in die 1950er Jahre zurück gegangen. Es war aber bei „Leyla“ nicht so in der Zeit verankert, wie im aktuellen Buch „Siebentürmeviertel.“

Sie standen auf der so genannten Longlist des Deutschen Buchpreises 2015, sind aber nun nicht mehr für den Preis nominiert. Enttäuscht? Berührt Sie diese Frage?

F. Zaimoglu: Es ist mir eine wichtige Frage, weil Sie etwas ansprechen, das immer unter den Teppich gekehrt wird; nämlich das Menschliche. Wir sind alle Menschen und leben mit unseren Hoffnungen und Enttäuschungen. Ich habe in den letzten drei Tagen viele Menschen, die mich trösten wollten und anriefen, selbst trösten müssen.

Ich habe nicht daran geglaubt, weil solche Leute wie ich verzeichnet werden im Betrieb. Es geht sogar soweit, dass man solche Leute wie mich als Nutznießer bezeichnet, als Menschen, die eigentlich keine Literatur machen, sondern Themen setzen. Das ist ein Maskenball, die meisten Menschen setzen eine Maske auf. Man kann es mir abnehmen oder nicht: Aber ich schreibe Bücher ja nicht für die Kritiker.

Ein wichtiges Thema für Sie sind Flüchtlinge, auch wenn Sie lieber über das Schreiben reden. Was glauben Sie: Wird die aktuelle Flüchtlingssituation zu einer Zerreißprobe für Europa?

F. Zaimoglu:
Ich lebe in Deutschland und möchte über meine Land reden. Erstens: Eine solche Gastfreundschaft gibt es nirgendwo in Europa. Das nur zu den Idioten mit ihren Vorurteilen, wenn es um Deutschland geht. Zweitens: So geht es nicht! Das eine ist, Menschen in Not zu helfen, aber genauso wichtig ist, Menschen, die hier leben, aufzuklären und sie zu unterrichten und nicht alle vor vollendete Tatsachen zu stellen. Ich finde es sehr sträflich, wenn man Deutsche übergeht, wen man uns übergeht, einfach wenn es nur um Ideen geht. Man muss die Menschen immer wieder einbinden. Und man muss auch bitteschön verstehen, wenn der eine oder andere Überschwemmungsängste hat. Wir sind alle Menschen, das ist ein natürlicher Impuls.

Sie haben dreieinhalb Jahre an Ihrem Roman !“Siebentürmeviertel“ gearbeitet, darunter eineinhalb Jahre zur Recherche vor Ort in Istanbul. Schlummert schon die nächste Idee für ein neues Buch in Ihnen?

F. Zaimoglu: Schön wär’s. Es wäre schön, wenn ich eine ausgegorene Idee hätte. Es gärt in meinem Kopf. Ich möchte vielleicht so eine Art Fortsetzungsroman schreiben. Aber dann denke ich: Das ist zu naheliegend. Habe ich wirklich Lust darauf? Dann denke ich wieder an eine Geschichte kurz und knapp im heutigen Deutschland angesiedelt. Sie merken aus meinen Worten, ich denke darüber nach. Ich glaube, in einem halben Jahr wird es mich packen. Bis dahin bin ich erst einmal ein halbes Jahr auf Lesereise.

Es fragte: Mario Keim

Feridun Zaimoglu: „Siebentürmeviertel.“, Kiepenheuer & Witsch, 800 Seiten, 24,99 €, ISBN 978-3-462-04764-6