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18.09.2014

Ich hab halt oft die Typen gespielt: Schauspielerin Carmen-Maja Antoni mit Tochter in Pößneck

von Sabine Wagner Ostthüringer Zeitung

Die Schauspielerinnen Jennipher (links) und Carmen-Maja Antoni sind am 1. Oktober zu Gast in Pößneck. Foto: Peter Ziesche

Gespräch über Brecht, Bücher, Beruf und ein pralles Künstlerleben mit der Schauspielerin Carmen-Maja Antoni. Sie kommt mit Tochter Jennipher und ihrem gemeinsamen Dichter-Programm am 1. Oktober nach Pößneck.

Pößneck. Carmen-Maja Antoni, 1945 in Berlin geboren, ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands. Gemeinsam mit ihrer Tochter, der Schauspielerin Jennipher Antoni, gastiert sie am 1. Oktober zum Geburtstag der Stadtbibliothek "Bilke" in Pößneck mit dem Programm "Von großen Männern und großen Frauen und umgekehrt".

Frau Antoni, bevor Sie zur Lesung nach Pößneck eingeladen wurden, mussten Sie auf der Karte lange nach der Kleinstadt in Ostthüringen suchen?

Lange suchen musste ich nicht. Ich komme ja aus dem Osten und kenne natürlich Pößneck, obwohl ich bisher nur durchgefahren bin.

Ihr Programm heißt "Von großen Männern und großen Frauen", Sie selbst sind 1,52"Meter groß. Ein Kokettieren mit der eigenen Größe?


Eigentlich nicht. Wir meinten tatsächlich große Dichter. Im Programm haben wir Geschichten von großen Männern über große Frauen und von großen Frauen über große Männer.

Die Veranstaltung in Pößneck zum Bibliotheksgeburtstag - Sie lesen gemeinsam mit Ihrer Tochter, der Schauspielerin Jennipher Antoni - ist als literarischer Streifzug angekündigt. Mit wem sind Sie in diesem Programm literarisch unterwegs?


Wir sind unterwegs beispielsweise mit Bertolt Brecht, Umberto Eco, Erwin Strittmatter, Loriot, mit Anna Seghers oder Eva Strittmatter. Es gibt Anekdoten, zum Beispiel darüber, dass Strittmatter oft mit dem Schauspieler Erwin Geschonneck verwechselt wurde. Brecht plaudert über Strittmatter, der Schriftsteller über Brecht. Meine Tochter stellt unsere Programme mit viel Liebe und Akribie zusammen. Sie ist sehr belesen und hat viele schöne Geschichten gefunden. Wir haben weitere Programme, zum Beispiel über das Reisen oder auch eine Gourmet-Lesung, in der es nur um Essen und Trinken geht. Für Pößneck haben wir uns das Dichter-Programm ausgesucht.

Welchem Künstler wären Sie gern begegnet?


Wir haben auch Heinrich Heine dabei, den hätte ich sehr gern getroffen.

Auf welches Buch möchten Sie nicht verzichten?

Mein Herz hängt an sehr vielen Büchern. Im Moment lese ich gerade "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg. Ein bitterböses, aber wunderschönes Buch.

Sie standen schon als Zehnjährige vor der Kamera. War Schauspielerin Ihr Traumberuf?

Ich würde lieber sagen, das hat sich so ergeben, ich habe ja schon im DDR-Kinderfernsehen gespielt und dann weiter auch in der Oberschule. Eigentlich wollte ich Veterinärmedizin studieren, aber die Studienplätze waren damals rar. Dann sagte mir eine Regisseurin, mit der ich gearbeitet habe, ich soll mich an der Filmhochschule bewerben. Und das hat dann gleich im ersten Anlauf geklappt. Ich bin von der Oberschule direkt zur Hochschule gegangen und war damals die jüngste Studentin überhaupt.

Fast 40 Jahre lang gehörten Sie zum Berliner Ensemble und haben dort großartige Rollen gespielt, darunter Brechts Mutter Courage. Es wird kolportiert, Sie hätten sich auf der Bühne beim Planwagenziehen einen Bandscheibenvorfall zugezogen. Dichtung oder Wahrheit?

Das ist Wahrheit, ich hatte mehrere Unfälle in diesem auch physisch anspruchsvollen Stück mit diesem Wagen auf der schrägen Bühne. Das ist aber nun schon länger her, und mittlerweile gibt es einige Erleichterungen.

Im vergangenen Jahr haben Sie das Haus verlassen, weshalb?

Ich bleibe dem Berliner Ensemble ja weiter als Gast erhalten und spiele dort noch fünf Stücke. Neben der Courage, mit der wir noch bis zum Sonntag in Paris unterwegs sind, spiele ich die Daja im "Nathan", in Brechts "Die Kleinbürgerhochzeit" , im "Schweyk", die Erna in "Die Präsidentinnen" und in einem Brecht-Programm. Das sind immerhin noch fünf Vorstellungen im Monat, das reicht und das ist auch gut so. Ich bin jetzt 69, wann soll ich denn kürzer treten, wenn nicht jetzt? Ich hatte in Spitzenzeiten als festes Ensemblemitglied 23 Rollen, das war hart an der Grenze. Irgendwann soll man ja auch andere Freuden des Lebens genießen. Auf die Lesung in Pößneck freue ich mich. Die kann ich aber mit meiner Tochter nur machen, weil ich jetzt nicht mehr in den festen Theaterbetrieb eingebunden bin.

Was ist demnächst geplant?

Ich hatte ja erst mit den "Präsidentinnen" Premiere und möchte nicht gleich wieder drei neue Rollen dazu haben. Wenn ich natürlich ein Angebot bekomme für eine tolle Type, die mir Spaß macht, oder eine große Alte, vielleicht auch an einem anderen Theater, dann spiele ich das natürlich.

Und Fernsehrollen? Die Serie "Rosa Roth", in der Sie die Assistentin von Iris Berben spielen, ist ja abgedreht.

Die ist tatsächlich Geschichte. Mitgespielt habe ich jetzt im Fernsehdrama "Blutmilch" in der Regie von Ingo Rasper, der vierte "Krause"-Film mit Horst Krause ist Anfang November im Fernsehen zu sehen, und auch in der neuen Staffel von "Mord mit Aussicht" bin ich dabei.

Sie haben die unterschiedlichsten Rollen gespielt. Waren Sie enttäuscht, dass Sie als junge Frau nie als mondäne Dame oder große Lady besetzt worden sind?

Nein. Die Rollen kriege ich ja jetzt alle und habe viele davon im Theater gespielt. Das Theater ist da großzügiger. Geärgert hat mich das ein bisschen in jungen Jahren, ich hab halt oft die Typen gespielt, nie die munteren Liebessachen, die unbeschwerten Mädels. Ich bereue das aber nicht. Das hat sicher mit meiner Biografie zu tun, dass man anders aussieht und anders ist.

Sie sind Dozentin an der Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin. Was geben Sie den Studenten als erstes mit auf den Weg?

Sie sollten nicht darauf hoffen, als Shooting-Star entdeckt zu werden. Schauspielen ist eine Knochenarbeit und hat in erster Linie mit Disziplin und Fleiß zu tun. Die Proben beginnen pünktlich 10 Uhr, eine Vorstellung fängt nicht später an, bloß weil einer keinen Bock hat. Ich empfehle: viel ins Theater zu gehen, wenn man selber Theater spielen will, viel lesen. Das klingt jetzt alles ganz ernst, ich mache aber einen durchaus auch lustigen Unterricht.
Interview: Sabine Wagner

Karten für die Lesung gibt es in der Stadtinformation und in der Bilke in Pößneck;

Termin: Mittwoch, 1."Oktober, 19.30 Uhr, Stadtbibliothek