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01.11.2010

Hoka Hey - Zu Besuch bei Antje Bebendererde

von Ilona Berger, Dieter Urban Ostthüringer Zeitung

Die Schriftstellerin aus Liebengrün schreibt Indianerbücher. "Für Antje" steht kaum sichtbar auf dem Acrylgemälde. Es ist neben vielen Büchern ein Blickfang in der Schreibwerkstatt von Antje Babendererde in Liebengrün. Der Navajo-Indianer Jay Sage Kerly hat seine Welt Anfang der 90er Jahre auf Leinwand gemalt.

 

Kerly sitzt im Knast von Arizona. Antje Babendererde schreibt ihm, macht Mut und will alles über das Leben der Navajos erfahren. In radebrechendem Englisch übersetzt die Schriftstellerin Kapitel um Kapitel ihrer Geschichte "Zweiherz". Jay amüsiert sich, korrigiert Fakten: Ein Navajo-Indianer klettert nie durch ein Fenster, weil er dann ein Loch im Herz hätte. Kerly wird entlassen, der Kontakt bricht ab. Vor zwei Jahren erhält Antje Babendererde eine E-Mail. Jay Sage Kerly hat die wissbegierige weiße Indianerfrau wieder gefunden. Antje Babendererde zählt inzwischen zu den bekanntesten deutschen Jugendbuchautoren. Sie schreibt über das Leben der nordamerikanischen Indianer. Insgesamt 13 Bücher für Jugendliche und Erwachsene sind erschienen. Übersetzungen gibt es ins Tschechische, Litauische und Französische. "Franzosen sind große Indianerfans", weiß Babendererde. Anfang Dezember reist die Schriftstellerin zur Internationalen Buchmesse nach Montreuil, um aus ihren mehrfach ausgezeichneten Werken zu lesen. Im Gepäck wird auch "Rain Song" sein. Die Erstveröffentlichung druckt im Mai 1998 die Ostthüringer Zeitung unter dem Titel "Der Pfahlschnitzer" als Fortsetzungsroman ab. Erst ein Jahr später erscheint er als Buch im Hannah Verlag, in diesem Jahr als überarbeitete Neuauflage im Arena Verlag. "Die OTZ half mir bei meinem schwierigen Start auf dem Weg zur Schriftstellerin", sagt Antje Babendererde. Die erste Reaktion auf den Abdruck kommt eines Sonntags in der Frühe. "Eine Frau klingelte an unserer Haustür. Sie wollte wissen, ob der im Roman vermisste Jim noch gefunden wird. Die kleinen Schnipsel in der Zeitung würden die Spannung nur noch steigern." Verraten hat Babendererde nichts. Nach "Der Pfahlschnitzer" folgen mit "Wundes Land", "Der Walfänger" und "Der Nachtfalke" weitere Fortsetzungsromane der Autorin. Mit 13 Jahren hat sie als Indianerfan ihre erste Geschichte auf Papier gebracht, erinnert sich die 46-Jährige. Sie verfolgt gespannt die Filme mit Gojko Mitic, verschlingt Bücher von Liselotte Welskopf-Henrich und wünscht sich, wie der Junge in Anna Jürgens "Blauvogel" bei den Irokesen zu leben. Gehen Freunde in die Disko, zündet der Teenager lieber ein Lagerfeuer an oder baut Hütten im Wald. Am Stadtrand von Gotha wächst das abenteuerlustige Mädchen auf, dessen Sehnsucht nach Wildnis und Freiheit scheinbar unersättlich ist. "Ich habe mich in eine andere Welt hineingeträumt". Doch das Leben sieht einen anderen Weg vor, erst einmal: Töpferausbildung, Heirat und zweifache Mutter. Auf der Suche nach einer Werkstatt findet die Familie 1987 ein altes Fachwerkhaus in Liebengrün. Es wird das neue Zuhause. "Irgendwann hat es mich statt an die Töpferscheibe mehr an den Schreibtisch gezogen", erzählt Antje Babendererde. "Und die Indianer waren immer noch im Kopf und im Herzen." Dem ersten leibhaftigen Indianer begegnet sie 1994. Neun Wochen lang ist die junge Frau durch die USA gereist und hat die Schauplätze ihrer Geschichten in Augenschein genommen. "Ich wollte doch kein zweiter Karl May sein", sagt sie lachend. Babendererde taucht ein in die Welt der Mythen und Geheimnisse, lernt das Leben der Ureinwohner in den Reservaten kennen, ist bedrückt von der Armut und der Hoffnungslosigkeit, aber auch beeindruckt vom Stolz und der Würde. So oft die Autorin kann, reist sie heute in die USA, lebt bei Ureinwohnern, engagiert sich bei Projekten wie dem Lakota Village Fund e.V. und reichert ihre Romane mit Erlebtem an. "Für meine Geschichten, die auf Tatsachen beruhen, brauche ich einer Auslöser", sagt Antje Babendererde. "Beim Walfänger war es ein winziger Bericht in der OTZ, dass die Makah-Indianer wieder auf Walfang gehen. Für ihr neues Buch ist es Geraldine Blue Bird. Einst von Bill Clinton mit einem Haus beschenkt, sitzt die vielfache Pflegemutter nun im Knast. Sie benutze ihre Zöglinge, um einen gut florierenden Drogenring aufzubauen. Im Herbst nächsten Jahres soll das Buch auf den Markt kommen. "Es müssten schon mehr Manuskriptseiten fertig sein", meint Babendererde. Aber der Herbst ist Lesezeit. Also fährt die Autorin quer durch Deutschland, stellt sich mit ihren Jugendbüchern den Fragen der Schüler von Aachen bis Zeitz. Interesse an Babendererdes Indianerbüchern zeigen auch Filmemacher. Produzent und Regisseur Tobias Stille hat mit Drehbuchautorin Scarlett Klein eine Option auf die Verfilmung von "Libellensommer" (2006) erworben. Bis zum ersten Drehtag ist es ein langer Weg, weiß Antje Babendererde. Um das Projekt zu verwirklichen, braucht es viel Geld. Schließlich soll der Spielfilm an Originalschauplätzen gedreht werden. "Hoka Hey Auf gehts" würden die Lakota-Indianer sagen, um eine Sache anzupacken. Babendererdes Jugendromane: "Rain Song" (2010), "Indigosommer" (2009), "Die verborgene Seite des Mondes" (2007), "Zweiherz" (2007), "Libellensommer" (2006) "Lakota Moon" (2005), "Talitha Running Horse" (2005), "Der Gesang der Orcas (2003)"