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02.01.2012

Höllenspektakel trifft Zeitgeist

von Matthias Biskupek TLZ

In Saalfeld wurde mit einer Uraufführung von "Kasper in der Hölle" die Roland-Bühne wiederbelebt. Das Stück zu den heimgekehrten Marionetten schrieb Anne Gallinat.

Saalfeld. Die Roland-Bühne in Saalfeld hat eine beklemmend-berührende Geschichte, einen wahren Theater-Roman: Marionetten aus den zwanziger Jahren, zu Kriegsende und Friedensbeginn in ganz Thüringen auf hunderten Vorstellungen unterwegs, enteignet, vom kommunistischen Enteigner in den tiefen Westen entführt, verschollen, jetzt wieder aufgetaucht, vom Museum angekauft, restauriert und zum Spielen gebracht.


Martin Morgner ist ein eigenwilliger Theatermann mit Thüringer Wurzeln. Er inszenierte das für die Saalfelder Marionetten geschriebene Stück "Kasper in der Hölle" mit neun Amateuren, mit Helfern für Technik und Ausstattung - und mit viel Unterstützung des Saalfelder Museums. Das hatte eigens eine sehenswerte Ausstellung konzipiert - mitten darin wird gespielt, mit Puppen von expressionistischer Anmutung, mit Instrumenten der Saalfelder Musikschule, mit der menschlichen Stimme.


Anne Gallinat, Saalfelder Schriftstellerin und gelernte Filmdramaturgin, lieferte eine Stückvorlage, die Kaspertheatervorstellungen bedient - und sich mit Geist in unsere Zeit ein-mischt.


Kasper hat beim großen Millionenspiel gewonnen, lümmelt im Liegestuhl, leistet sich alle Cocktails der Welt und einen Hausdiener Johann mit altertümlichen Sitten und Sprechweisen. Doch der Tod muss Pläne erfüllen - er gibt zu wenig männliche Tote. Drum ist Kaspar dran, der Lebemann mit Leberzirrhose. Kasper aber stellt sich einfach tot ... Er landet in einer Hölle, in der es höllisch kalt ist. Sparmaßnahmen. Wer einen Kessel hat, lässt sichs in dem wohl sein. Wunderbare Chargen: der Philosophie-Dichterdoktor, der geflügelte Worte plagiiert, das Super-Modell mit der Wohlfühl-Haut, der ordnungshütende Polizist. Nein, Gretel gibt es keine, die Rolle der Liebenden übernimmt des Teufels Großmutter, auf Hausdiener Johann scharf. Doch bevor sie ihn knutschen und knuddeln kann, muss sie erst mal seine Sprache erlernen, jenen hohen Ton finden, von dem auch der Dichtersmann begeistert ist.


Die Teufel haben derweil familiäre Sorgen, das Beelzebübchen will lieber Engel werden, und die Hölle gerät so heftig in Unordnung, dass nur eine Ausweisung des Kaspers helfen kann.


Der Vorhang rauscht auf und zu, es klingelt und donnert blechern, die Puppen schweben, hantieren sogar mit Requisiten und wollen/können ihre thüringische Sprachherkunft nicht verbergen. Wegen des großen Zuschauerandrangs vor dem Nudelbrett-Theater genießen die hinteren Reihen eher ein Hörspiel, reich an Wortspiel. Doch wer sich die Marionetten mit ihrer grotesken Anmutung, ihren winzig-witzigen Kostümen genauer anschauen will, hat dazu ja die Ausstellung im Museum. Wir sehen: Theater, Museum, Musikschule, Laien- und Berufskünstler, bildende Kunst und Literatur brauchen einander. Selbst für das kleinste Höllenspektakel.