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16.11.2013

Hilbigs Bilder

von Dietmar Ebert TLZ

Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist eine Freude, den von Peter Braun und Stephan Pabst herausgegebenen Band Hilbigs Bilder zu lesen und die Bilder zu Hilbigs Texten von Roland Frenzel, Jürgen Wölbing, Olaf Nicolai, Horst Hussel, Strawalde, Gerhard Altenbourg Gil Schlesinger sowie Dietrich Oltmanns Umschlag(-fotografien) aus der Meuselwitzer Gegend zu betrachten.

Wolfgangs Hilbigs 70. Geburtstag war für den Lese-Zeichen e.V. Anlass, in der Jenaer Villa Rosenthal, Hilbigs Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern in einer Ausstellung zu dokumentieren. Sie war Impuls für den Sammelband Hilbigs Bilder, der durch die Vielfalt der Perspektiven und Handschriften der Autorinnen und Autoren besticht und zu kurzweiliger Lektüre einlädt. Neben Hilbigs Beziehungen zu bildenden Künstlern nehmen sie seinen „Bildbegriff“ in den Blick und stoßen so zum Kern seiner Poetik vor.

Gert Neumanns Text Vermögen schlägt den Grundakkord an, der in allen Essays als Leitmotiv wiederkehrt: das Suchen und Finden einer poetischen Sprache in Hilbigs Werk, einer Sprache hinter der Alltagssprache und der des „sozialistischen Realismus“, einer Bildsprache, in der mehr oder minder fragmentierte poetische Bilder der Schatten von Bildern beschrieben und die Grenzen des Sagbaren hinaus geschoben werden können.

Ihre Lektüreerfahrungen haben Andreas Koziol aus der Perspektive des sich an Hilbigs frühe Lyrik erinnernden „Zeitzeugen“ und Nancy Hünger aus der Perspektive der nachgeborenen Lyrikerin beschrieben. Aus diesen beiden unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten sie Hilbigs poetische Sprachfindung jenseits aller Konventionen.

Anja Oesterheit nähert sich Hilbigs Prosa des Bildes, Birgit Dahlke beschreibt den Dichter als „Artist(en) des Visuellen“ und Peter Braun unternimmt in seinem Essay Instabile Bilder einen Selbstversuch: Einen Tag lang lässt er das Künstler-Buch Die Kunde von den Bäumen mit Lithografien Olaf Nicolais auf sich wirken und registriert seismographisch wie im Betrachten von Nicolais Bildern die Wirkung der Sprachbilder sich bei ihm verändert.

Jan Röhnert zeigt, wie Urs Grafs Federzeichnung Landschaft mit Felsen und Burg (1514) in Hilbig Gedicht „stätten“ poetisch überschrieben wird und zu einem konkret politischen wie „steil anthropologischen Raumentzug“ führt. Martin Straub entschlüsselt den biographischen Hintergrund und die „widerständige Ästhetik“ in Hilbigs Barlach-Gedicht. Uwe Kolbes Essay über das 1991 entstandene Gedicht Der Garten Gerhard Altenbourgs fasziniert durch eine genaue und poetische Interpretation.

Volker Hanisch beschreibt den Transformationsprozess der Industrielandschaft um Meuselwitz in die „Heimat“- und „Landschaftsbilder“, wie sie sich im dichterischen Werk Wolfgang Hilbigs finden. Peter Neumann erschließt Hilbigs urbane Bilderwelten, beschreibt seine dem Zeitgefühl enthobenen Figuren, ihr Leben in einem „Dazwischen“. So wird die Stadt zum Erzählraum einer wirklichen Gespensterwelt, von der nur bildhaft gesprochen werden kann. Stephan Pabst beschließt den Reigen der Essays mit Hilbig am Meer. Bezugnehmend auf Homer, Dante und Pound gelangt er zum Fazit, dass in den späten Hilbig-Texten das Meer zum „Gedicht des Meeres (Rimbaud)“ wird, „in dem der einzelne Autor ebenso untergeht, wie er, so ist zu hoffen, in ihm aufgehoben wird.“

Alle Autorinnen und Autoren des Bandes, ob künstlerischer oder wissenschaftlicher Provenienz, haben zur klaren Sprache des Essays gefunden, der sich als angemessene Form erweist, um über Hilbigs Bilder zu schreiben.

Hilbigs Bilder
Essays und Aufsätze
Herausgegeben von Peter Braun und Stephan Pabst
in Zusammenarbeit mit dem Lese-Zeichen e.V.

Wallstein Verlag Göttingen 2013, 175 S., 19,90

weitere Informationen: www.lesezeichen-ev.de