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15.06.2009

Herzliches Russland-Plädoyer

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Rund 250 Menschen bei der Literaturtage-Lesung von Fritz Pleitgen auf Burg Ranis

Von OTZ-Redakteur Marius Koity Ranis. "Ich habe schon an vielen Orten gelesen, aber noch nie an einem so schönen wie Burg Ranis." Mit diesen Worten leitete Fritz Pleitgen am Samstag seine Lesung aus seinem Buch "Väterchen Don - Der Fluss der Kosaken" ein und die rund 250 Menschen auf dem Hof der Veste dankten ihm mit herzlichem Beifall. Im zweiten Anlauf ist es dem Lese-Zeichen e. V. gelungen, den früheren WDR-Intendanten für die Thüringer Literatur- und Autorentage zu gewinnen und die Mühe hat sich auch deshalb gelohnt, weil im Publikum Einheimische mit dem Herzensbedürfnis saßen, einmal das "Symbol der Glaubwürdigkeit" live zu erleben. Zu diesem ist Pleitgen für DDR-Bürger Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre zu seinen Zeiten als ARD-Korrespondent in Ost-Berlin geworden.
Vorher wirkte der heute 71-jährige Journalist aus dem Ruhrpott in Moskau. Damals schon war Pleitgen von dem Strom fasziniert, der durch Michail Scholochows Kosaken-Epos "Der stille Don" ein Denkmal gesetzt bekam. Doch erst im vergangenen Jahr war es ihm gelungen, den Don und die Menschen an seinen Ufern in zwei 18-tägigen Reisen von der Quelle bis zur Mündung gründlich kennenzulernen. Weil im ARD-Zweiteiler "Väterchen Don" von Weihnachten 2008 nicht alles gesagt werden konnte über die mythische Vergangenheit und die Putin-Gegenwart der einzigartigen Landschaft, hat Pleitgen seine Begegnungen und Recherchen auch in einem Buch dokumentiert, und die Auszüge daraus fesselten das Publikum in Ranis. So fühlte man sich fast dabei, als er beispielsweise von einer stressigen Fahrt auf dem Don erzählte. Seine Berichte über das Wesen der freiheitsliebenden Kosaken, die Stalin systematisch vernichten ließ, seine Empfehlungen für Odessa "wegen der wunderschönen Frauen" oder für Ossip Mandelstam wegen seiner einmaligen Dichtung waren ein herzliches Russland-Plädoyer.

Andächtig lauschten die Leute Pleitgens Worten, um dann über 50 Exemplare des Bandes an den Buchhandelsständen zu erstehen. Entsprechend rekordverdächtig war die Schlange vor dem Signiertisch. Pleitgen verließ Ranis mit dem Gefühl, dass die Deutschen im Osten heute noch intensiver lesen und genauer zuhören als jene im Westen.