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11.02.2006

Heine in Thüringen: Glücklose Audienz bei Goethe

von Frank Quilitzsch TLZ

Frau Fasold, Heiligenstadt hält für Heinrich Heine ein Zimmer frei. Der Dichter war doch aber nur kurz in der Stadt, ohne zu übernachten ... Das stimmt. Aber immerhin war der Anlass des Besuches für ihn, der sich zeitlebens sehr intensiv mit den Weltreligionen beschäftigte, ein außergewöhnlicher: Heine hat sich am 28. Juni 1825 in Heiligenstadt beim Superintendenten Grimm taufen lassen und ist vom Judentum zum Protestantismus übergetreten.

Vorher hieß er Harry.

Richtig. Er hat sich auf den Namen Christian Johann Heinrich taufen lassen.

Der Taufzettel sei "das Entreebillett zur europäischen Kultur", hat Heine diesen Schritt begründet.

Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, warum er das getan hat. Er stand kurz vor dem Abschluss seines Jura-Studiums in Göttingen, und man kann davon ausgehen, dass er schon ganz gerne eine bürgerliche Laufbahn eingeschlagen hätte, an einer Universität oder als Diplomat. Vor allem wollte er es vermeiden, als getaufter Jude zu gelten. An der Göttinger Universität wusste man es nicht. Später, nach dem Eintritt ins Berufsleben, hätte ein solcher Schritt sicherlich Aufsehen erregt. Das wollte er auf jeden Fall vermeiden.

Das leuchtet ein. Aber warum ausgerechnet Heiligenstadt? Das Eichsfeld war doch katholisch.

Ja, aber nach dem Wiener Kongress dann auch preußisch. Heiligenstadt hatte eine kleine evangelische Gemeinde; dass sie klein war, kam Heine sicher entgegen. Es gibt keinen tieferen Grund, warum er Heiligenstadt gewählt hat, wahrscheinlich wurde ihm der Ort von Bekannten vermittelt.

Wenigstens hat Heiligenstadt heute ein Heine-Zimmer. Was ist da zu sehen?

Die Taufdokumente aus der St. Martins-Kirche, die Taufschale in einer Replik und verschiedene Dokumente, die mit Heines Verhältnis zum Christentum zu tun haben. Ferner haben wir das Original eines Gedichtes von Harald Gerlach, das den Titel "Heine im Eichsfeld" trägt.

Das Gedenkzimmer befindet sich im Theodor Storm-Museum. Gab es eine persönliche Beziehung zwischen beiden Dichtern?

Sie haben sich niemals gesehen. Aber es gibt eine intensive Bindung des Lyrikers Theodor Storm an den Lyriker Heinrich Heine. Storm glaubte, als er nach Heiligenstadt kam, er sei als Lyriker tot. In dieser Phase hat er sich intensiv mit den "Stammvätern" der Stimmungslyrik beschäftigt, von Goethe bis Mörike, und in dieser Reihe war Heine für ihn eine Initiation. Er schätzte besonders "Das Buch der Lieder". Storm hat dann in seiner Heiligenstädter Zeit eine Anthologie zusammengestellt unter dem Titel "Liebeslieder seit Johann Christian Günther", und Heine ist darin neben Goethe mit den meisten Texten vertreten.

Sie liefern mir das Stichwort. Wenn wir über Heine und Thüringen reden, kommen wir an dem literarischen Monument nicht vorbei. Es war am 2. Oktober 1824, als der 26-jährige Heinrich Heine in Weimar bei Goethe anklopfte. Die Begegnung muss für beide eine riesige Enttäuschung gewesen sein.

Wahrscheinlich mehr für Heine, der als junger Dichter mit großen Erwartungen bei Goethe - damals längst eine Instanz - um Audienz bat. In seinem sehr ehrwürdig abgefassten Schreiben an Goethe, in dem er darum bittet, ihn in Weimar besuchen zu dürfen, flocht Heine solche Sätze ein wie: "Außerdem bin ich auch krank, machte deshalb auch vor drei Wochen eine Gesundheitsreise nach dem Harz. Und auf dem Brocken ergriff mich das Verlangen, zur Verehrung Goethes nach Weimar zu pilgern." Für Goethe war Heine einer von vielen jungen Dichtern, die regelmäßig bei ihm vorsprachen.

"Heine von Göttingen" notierte Goethe lapidar in sein Tagebuch.

Heine hatte ihm im Brief mitgeteilt, was er alles geschrieben hat. Vermutlich hatte Goethe nichts davon gelesen.

Heine verdanken wir eine erschütternde Beschreibung des 75-jährigen Goethe: "... das Gesicht gelb und mumienhaft, der zahnlose Mund in ängstlicher Bewegung, die ganze Gestalt ein Bild menschlicher Hinfälligkeit."

War Heine tatsächlich zu Fuß zu ihm unterwegs gewesen?

Bei ihm heißt es zwar: "zu Fuß und mit verwitterten Kleidern", aber sicher ist er auch mal ein Stück mit der Kutsche gefahren.

Auf Goethes Frage, womit er sich gerade beschäftige, soll Heine erwidert haben: "Mit einem Faust."

So ist es überliefert. Wenn das stimmt, hat es Goethe vermutlich endgültig verstimmt.

War Heine ein impulsiver Mensch?

Ich nehme eher an, dass er vor Goethe sehr devot gestanden hat, ein kränklich aussehender, junger Mann. Goethe hasste Krankheiten. Heine war sicherlich schüchtern und zurückhaltend. Er ist ja auch erst später mit dem "Buch der Lieder" und den "Reisebildern" richtig bekannt geworden. Die enttäuschend verlaufene Begegnung hat ihn aber nicht abgehalten, Goethe als Künstler weiterhin zu schätzen. Heine hat den Weimarer Dichterfürsten als "Aristokratenknecht" betitelt und als Menschen kritisiert, nicht jedoch als Dichter.

Auf dem Weg vom Harz nach Jena und Weimar muss Heine am Kyffhäuser vorbeigekommen sein, was in seiner Versdichtung "Deutschland. Ein Wintermärchen" Spuren hinterlassen hat. Wo noch spielt Thüringen eine Rolle in Heines Werk?

Der Kyffhäuser mit seiner Barbarossa-Legende hat ihn stark beeindruckt. Und natürlich der Harz, aber der gehört leider nicht zu Thüringen ...

Die wachsenden Literaturberge drängen immer mehr zur Kanonbildung. Heines "Harzreise" und das "Wintermärchen" hatten wir in der Schule. Was sollte man außerdem von ihm gelesen haben?

Ich würde auch die italienischen Reisebilder empfehlen. Und wenn man sich amüsant in der Literaturgeschichte bewegen möchte, sollte man zur "Romantischen Schule" greifen. Im Literarischen Quartett wurde zwar neulich eine gewisse Oberflächlichkeit in Heines Sicht auf die Romantiker moniert, aber ich empfinde das nicht so. Sehr aktuell ist sein Buch "Zur Religion und Philosophie in Deutschland". Die Souveränität seiner Religionskritik ist überhaupt höchst erstaunlich. Der freie, kritische Geist, mit dem er die Religionen sowohl in ihren Schönheiten als auch in ihren Begrenzungen erfasst. Heine lässt sich durch nichts bändigen. Er mag als Mensch schwierig gewesen sein, als Schriftsteller hat er sich erst recht von keinem den Mund verbieten lassen.

Was macht den Dichter Heine unverwechselbar?

Er war für seine Zeit sehr modern - ein Dichter, der sich auch als Feuilletonist verstand und als Vermittler zwischen den Kulturen auftrat. Hervorstechend war seine Ironie. Überall, wo er Falschheit und Scheinheiligkeit witterte, oder eine aufgesetzte Ideologie, hat er die Zunge gewetzt. Heine war ein ungemein klarsichtiger Mensch, der vieles durchschaut hat.

Heines Ironie geht manchmal in beißenden Spott über.

Natürlich war er verletzend, mitunter vernichtend sogar. Aber das waren seinerzeit fast alle, die der Junghegelianischen Schule anhingen, bis hin zu Karl Marx. Das dialektische Denken hat sie zu scharfsinnigen und scharfen Äußerungen ermuntert.

Haben Sie ein Lieblingsgedicht von Heine?

Mir gefällt ganz besonders ein Vers im "Buch der Lieder", aus dem Zyklus "Die Heimkehr". Das Gedicht endet: "Ich hab mit dem Tod in der eignen Brust / Den sterbenden Fechter gespielet." Ich finde, das ist ein raffiniertes Bild. Es spiegelt sehr wohl das Leiden des Dichters an der Welt und an der Liebe, aber auch dass er sich selbst in diesem Leiden noch die Souveränität des Spielers bewahrt.

ZUR SACHE

"Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht ..." Heinrich Heines "Nachtgedanken" gehören zu den meist zitierten Versen des 1797 in Düsseldorf geborenen Dichters, dessen Todestag sich am 17. Februar zum 150. Mal jährt. Heine starb 1856 in Paris, wo er auf dem Friedhof Montmartre seine letzte Ruhe fand.

Deutschlandweit wird im Heine-Jahr mit Lesungen und Ausstellungen an den lange umstrittenen Dichter erinnert. In seiner Geburtsstadt startet das Gedenkprogramm an Heines Todestag im Opernhaus mit einem Festakt.

Heine, einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, war erfüllt von den politischen und sozialen Kämpfen, die von der bürgerlichen Revolution 1789 ausgingen. "Wir wollen auf Erden glücklich sein", heißt es programmatisch in "Deutschland. Ein Wintermärchen". Zugleich war Heine ein Sänger der Liebe. In seinen Werken vereint er das Gefühl der Schwermut mit ironischer Betrachtung. Er verspottete alles Reaktionäre, Laue und Untertänige. Als Journalist begründete er das Feuilleton mit.

Zwei Episoden verbinden Heine mit Thüringen: 1824 besuchte der damals noch unbekannte Dichter den 75-jährigen Johann Wolfgang von Goethe in Weimar. Und 1825 trat er in Heiligenstadt vom Judentum zum Protestantismus über. Wir plauderten darüber mit Dr. Regina Fasold, der Leiterin des Literaturmuseums in Heiligenstadt.