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16.01.2010

Heimatkunde: Mühlhäuser Uhrmacher erobert die Literaturwelt

Daniel Siegfried Pitschmann wurde am 12. Januar 1930 im niederschlesischen Grünberg (heute: Zielena Gora in Polen) geboren. Im Februar 1945 verschlug es die Familie des Tischlermeisters Daniel Pitschmann mit seiner Frau und den vier Kindern Siegfried, Karl-Heinz, Erika und Ruth nach Mühlhausen in Thüringen. Ein älterer Bruder war bereits im Krieg gefallen und eine jüngere Schwester gestorben.

Somit sollte Siegfried Pitschmann zwölf Jahre in Mühlhausen verbringen. In seinen von Marie-Elisabeth Lüdde aufgezeichneten Erinnerungen "Verlustanzeige" äußert er rückblickend: "Und ich weiß noch, der größte Eindruck für mich war dieser mittelalterliche Stadtkern. (...) Und hier erlebte ich eine geschichtsträchtige Stadt, so wie ich sie nur aus der Literatur, aus Geschichten und aus Lesebüchern kannte. (...) Das war für mich ein richtiges Ur-Erlebnis, das mich sehr geprägt hat."
Uhrmacher, Tischler und Schriftsteller

Pitschmann erlernte 1946 bis 1950 den Beruf eines Uhrmachers bei dem Uhrmachermeister Arthur Rost (1880-1962) in der Linsenstraße 13, den er bis 1956 ausübte. Zwischenzeitlich arbeitete er bei seinem Vater in der Tischlerei. Pitschmann begann bereits in Mühlhausen zu schreiben. Er las am 10. Mai 1953 - am "Tag des freien Buches" - aus eigenen Manuskripten im Puschkinhaus, dem damaligen "Haus der DSF". Der junge Autor erhielt im gleichen Jahr den Anna-Seghers-Preis für seine Liebesgeschichte "Sieben ist eine gute Zahl". In der "Mühlhäuser Warte" (5/1959) - dem Monatsjournal des Kulturbundes - stellte den Autor der Kreisbibliothekar Hans Joachim Weinert (1911-1995) vor.

Der 21-jährige Pitschmann heiratete 1951 die dreizehn Jahre ältere Elfriede Stölcker (1917-1992, später verheiratete Hesse). Sie war geschieden, hatte zwei kleine Söhne und war vor den Bombenangriffen in Hamburg zu den Eltern nach Mühlhausen in die Herrenstraße 4 geflüchtet. Sie stammte aus einer alteingesessenen Mühlhäuser Gerberfamilie. Ihr Großvater war der Gerbermeister Hermann Aemilius (1864-1930), der in der Kuttelgasse 7 seine Gerberei betrieb. Dessen Sohn Wilhelm Aemilius (1886-1960) wohnte zwar in der Herrenstraße 4, führte aber die Gerberei Zöllnersgasse 1. Elfriede Pitschmann legte am 23. Juni 1952 die Prüfung als Gerbermeisterin ab und führte die Gerberei ihres Vaters und Großvaters bis 1976. Seither leitet sie ihr Sohn Jürgen Stölcker (Jg. 1939) in der vierten Generation. Die Gerberei ist im Stadtzentrum die letzte in Mühlhausen.

Das Ehepaar Pitschmann lebte zunächst mit den beiden Söhnen der Frau in der August-Bebel-Straße 53 in einer kleinen Wohnung im Dachgeschoss. "Sie ließ in eine Bodenkammer eine Tür durchbrechen und ein Oberlicht einbauen; das war mein Arbeitsgehäuse." Siegfried Pitschmann erinnerte sich in "Verlustanzeige": "Sie hat mich immer ermutigt und meinte, ich wäre ein Dichter. Näher gekommen sind wir uns über Rilke."

Kennen lernten sich beide durch Pitschmanns Freund Klaus. Dessen Schwester Ingeborg war seine erste große Liebe, der er ein Heftchen mit verfremdeter Liebeslyrik widmete. Der Freund Klaus, der später eine Arztpraxis in München führte, schenkte ihm Anfang der fünfziger Jahre die Literaturzeitschrift "Aufbau", die 1952 Pitschmanns ersten Text veröffentlichte. Seine spätere Frau Elfriede gehörte - wie der Freund Klaus und dessen Schwester Ingeborg - einer Art privatem Kulturkreis an. In diesem traf man sich zu Lesungen und Hausmusik und beschäftigte sich mit dem Schaffen von Kunstmalern.

Pitschmanns Eltern waren entsetzt über das Verhältnis zu der älteren Frau, und es kam zu harten Auseinandersetzungen mit dem Vater. Dieser meinte, er sei mit 18 Jahren noch zu jung für eine Ehe. "Elfriede ging also zu meinen Eltern und "hielt um meine Hand an"." Sie heirateten 1951, und Pitschmann sah sich "für die beiden Stiefsöhne wie ein prima Kumpel, beinahe ein älterer Bruder".

Im Jahre 1953 wurde der erste Sohn Thomas Pitschmann geboren. Frau Elfriede führte selbstbewusst die Gerberei, hatte bald einen Freund und Geliebten - und jeder der beiden Ehepartner ging seinen eigenen Weg. Siegfried begann zu trinken. Er resümierte: "In Mühlhausen hatte ich als freier Schriftsteller gelebt, und meine Frau ernährte mich mit, was ihr nicht schwer fiel. Trotzdem - für mich war das nicht gut. Ich war ja aus dem notdürftigen Umfeld meiner Eltern plötzlich in einen gut situierten Zustand hineingesprungen. (...) Als ich 1957 aus Mühlhausen wegging, war das eine Flucht vor unhaltbaren Zuständen bei mir zu Hause und im Schreiben. Ich wollte wissen, wie das Leben wirklich ist." Die beiden Ehen wurden geschieden, das heißt: die Ehe Pitschmann und die ihres Freundes. Elfriede Pitschmann heiratete Dr. Günter Hesse.

Vom 12. bis 29. Mai 1958 besuchte Brigitte Reimann (1933-1973) die Familie des Schriftstellerkollegen in Mühlhausen. Sie berichtet darüber in ihrem Tagebuch "Ich bedaure nichts" (1997): "Und Frau Pitschmann ist mir in der Tat liebenswürdig entgegengekommen, und sie hat alles getan, mich das Peinliche oder doch Eigenartige der Situation vergessen zu machen. Nun gut, es gibt keine Bindung mehr zwischen Dan und ihr (...) vor allem wegen der so unterschiedlichen Geisteshaltung und Wesensart, und sie hat ihren Geliebten und denkt, jedenfalls in diesem Punkt Ehe, erfreulich unbürgerlich."

Letzter Auftritt: "Elvis feiert Geburtstag"

1990 kehrte der Schriftsteller von der Küste nach Thüringen zurück. Er ließ sich - auf Grund "alter Anhänglichkeit an Thüringen" - in Suhl nieder. Letztmalig las er in Mühlhausen am 11. Mai 2000 in der Stadtbibliothek am Lindenbühl aus seinem Erzählband "Elvis feiert Geburtstag", der anlässlich seines 70. Geburtstages erschienen war.

Siegfried Pitschmann verstarb im Alter von 72 Jahren an einer Lungenemboli am 29. August 2002 in Suhl. Er hatte in all den Jahrzehnten stets einen guten Kontakt zu seinem Stiefsohn aus erster Ehe, Jürgen Stölcker, in Mühlhausen gepflegt. Er begleitete diesen sogar 1992 zur Beerdigung seiner Mutter und gab damit auch seiner ersten Frau die Ehre.

Auf Wunsch des verstorbenen Schriftstellers fand am 27. September 2002 in der Trauerhalle auf dem Friedhof in Mühlhausen die Trauerfeuer und anschließend die Urnenbeisetzung statt. Unter den cirka vierzig Trauergästen befanden sich neben den Angehörigen die Schriftstellerkollegen Wulf Kirsten, Landolf Scherzer, Gisela Kraft und Frank Quilitzsch sowie der Literaturwissenschaftler Martin Straub. Von den Mühlhäuser Kommunalpolitikern war keiner anwesend.

Gedenklesung zum 75. Geburtstag

Hinter der mit Blumenranken geschmückten Urne inmitten zahlreicher Blumengebinde leuchtete ein Farbporträt Siegfried Pitschmanns auf einem großen Bildschirm. Die Weimarer Oberkirchenrätin Marie-Elisabeth Lüdde würdigte in ihrer Trauerrede sein schmales, aber gewichtiges Lebenswerk. Die sechs Jahre, die er mit Brigitte Reimann gelebt hatte, seien für ihn eine erfüllte Zeit gewesen. Deshalb habe er sich zuletzt in den Dienst für ihren Nachlass gestellt. Während der Trauerfeier wurde ein Film von einer Lesung Pitschmanns eingeblendet. Sein Sohn Thomas musizierte.

Anlässlich des 75. Geburtstages Siegfried Pitschmanns fand am 12. Januar 2005 im Literaturklub des Mühlhäuser Kulturbund e.V. eine Gedenk-Lesung statt. Es konnten drei Zeitzeugen vorgestellt werden: der in Mühlhausen erstgeborene Sohn Dr. Thomas Pitschmann, der Stiefsohn Jürgen Stölcker und Marie Elisabeth Lüdde. Letztere las aus den von ihr aufgezeichneten Lebenserinnerungen des verstorbenen Autors. Im anschließenden zwanglosen Gespräch äußerten sich die drei Zeitzeugen über ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit dem Menschen und Schriftsteller Pitschmann.

Zum Nachlass Siegfried Pitschmanns gehören Gedichte, Drehbücher, Szenarien, Skizzen und Briefe. Er wurde als Dauerleihgabe im Oktober 2008 dem Literaturzentrum Neubrandenburg übergeben, in dem bereits der Nachlass von Brigitte Reimann und anderen verwahrt und betreut wird.