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20.02.2010

Heimat-Los

von Angelika Bohn Ostthüringer Zeitung

Annerose Kirchner vor der Kirche ohne Dorf von Sorge. Nicht nur über die Legende, warum die Wismut-Bagger das Gotteshaus verschonten, berichtet die Autorin in ihrem neuen Buch. (Foto: Martin Gerlach)

Sanft anschwellende Hügel, in den Tälern sympathisch ungeordnet rote Spitzdächer zwischen Grün. Eine Landschaft, lieblich und unspektakulär.

Mit ihrem Auto ist Annerose Kirchner von Gera über Berga, Großkundorf nach Sorge-Settendorf gefahren. Bei schönem Wetter kurvt sie am Wochenende gern nur so mal übers Land. Doch an diesem Hochsommersonntag vor zehn Jahren will die Autorin nicht nur ihren Kopf ein bisschen lüften. Sie denkt über ein neues Projekt nach. Nun steht sie neben der Kirche, die so seltsam einsam auf dem höchsten Hügel schon von weitem den Blick auf sich zieht. Sie hat gehört, hier ist vor Jahrzehnten ein Dorf verschwunden, ahnte aber nicht, dass die in der Sommerhitze flirrenden Bäume den Blick auf zwei riesige Schlammbecken verbergen. Sie ahnt nichts von den Alpträumen, in denen sie zwischen Sorge, Katzendorf, Lichtenberg, Schmirchau, Gessen und Culmitzsch hin und her irren wird. Ostthüringer Dörfer, die ganz oder teilweise in den 50er und 60er Jahren dem Uranbergbau zum Opfer gefallen sind. Von den unzähligen Stunden, in denen sie diese Orte im wahrsten Wortsinn erfahren wird, ahnt sie ebenfalls nichts.

Auch nicht, dass sie später wünschen wird, an diesem Tag oder besser noch viel eher mit ihrer Suche nach der verschwundenen Heimat begonnen zu haben. 1979 - in diesem Jahr erscheint ihr erster Gedichtband "Mittagsstein" bei Aufbau - zieht Annerose Kirchner nach Gera. Auf keinen Fall will die Absolventin des Leipziger Literaturinstituts zurück nach Zella-Mehlis, denn dort ist sie die Sehnsucht nach ihrer Geburtstadt Leipzig nie los geworden.

Die junge Frau kennt Gera kaum. In Augenschein nimmt sie die Stadt erst, als Bezirksschriftstellerverbandschef Erich Kriemer ihr Wohnung zusagt. Der Bezirk Gera sucht Autoren. Dass das mit der Vertreibung Reiner Kunzes zu tun hat, durchschaut sie erst später. Aber, dass die Wismut in dieser Region den Takt bestimmt, weiß sie längst. Natürlich kennt sie getrommelt und gepfiffene Gedichte von Horst Salomon, weiß, dass der ehemalige Wismut-Kumpel Martin Viertel in Gera lebt und hat seinen Roman "Sankt Urban" gelesen. Und die Spitzkegelhalden bei Ronneburg kann sowieso niemand übersehen. Auch an den Bühnen der Stadt Gera, wo sie die nächsten Jahren als Dramaturgiesekretärin und Pressereferentin arbeitet, ist die Wismut als Patenbetrieb präsent. Schon bald verbindet Annerose Kirchner eine enge Freundschaft mit der Dramaturgin Ursula Sternberg, die das Arbeitertheater der Wismut leitet. Für die Truppe schreibt die Dichterin ein Stück. Irgendwas über die Wirren der Bürokratie, das unaufgeführt in der Schublade verschwindet.

Den sozialistischen Alltag kann und will Annerose Kirchner nicht besingen. "Im Maskensaal" heißt der Gedichtband, der im Wendejahr 1989 erscheint und Soll und Haben sorgsam abwägt. Dass Soll und Haben auch rein buchhalterische Größen sind, lernt sie in den folgenden Jahren als freie Autorin. Doch nun ist sie mobil, fährt zu den Thüringer Handwerkern, denen sie in "Der Rausspeller" ( quartus-Verlag, 1999) ein Denkmal setzt. Erzählt Geschichten aus Thüringen ("Traumzeit an der Geba", Edition Muschelkalk. 2005). Auch diese Bücher erzählen schon über den Verlust von Können und Bindungen.

An ihren Ausflug zur Kirche erinnert sich Annerose Kirchner sofort, als der Geologe Dr. Rainer Hausigk ihr 2006 vom Projekt erzählt, eine Gedächtniskapelle für die in der Ostthüringer Wismut-Region verschwundenen Dörfer zur Buga in der Neuen Landschaft Ronneburg zu errichten. Daraus wird nichts, doch diese Dörfer lassen sie nun nicht mehr vom Haken.

Warum hat noch niemand die ehemaligen Bewohner über ihre Erfahrungen mit Umsiedlung, Heimatverlust und Neuanfang befragt, denkt sie. Sie sieht sich Akten wälzen, Fakten recherchieren, Zeitzeugen finden, Vertrauen aufbauen, damit Menschen sich öffnen und von ihrem Leben erzählen, wenn das Tonband eingeschaltet ist. Mit fliegenden Fahnen stürzt sie sich nicht auf dieses Projekt. Doch, "Annerose, wenn du es nicht machst, macht es keiner", sagt der Weimarer Dichter Wulf Kirsten, seit Jahren ihr bester Ratgeber, wenn es um die künstlerische Arbeit geht. Zudem hat sie selbst gerade erfahren, wie es ist, wenn eine Lücke klafft, wo man lange zu Hause war. An der Tür klingelte, als die Mutter noch lebte. Den Kater mauzen hörte, noch bevor man den Schlüssel ins Schloss schob. Das Mietshaus in der Geraer Innenstadt, in dem Annerose Kirchner 20 Jahre wohnte, ist abgerissen.

Während zur Bundesgartenschau die Neue Landschaft Ronneburg entsteht, tausende Bäume Wurzeln in sanierter Bergbaulandschaft schlagen, gräbt Annerose Kirchner die Vergangenheit wieder aus. Nun will sie es wissen. Sie weiß, sie wird keine Wismut-Geschichte schreiben. Die steht in der "Chronik der Wismut", die die Wismut GmbH 2006 auf CD presst. Und auch Rainer Karlsch kann das besser, dessen Buch "Uran für Moskau" 2007 erscheint. Sicher, sie wird die Erinnerung mit den Fakten vergleichen. Doch in ihren literarischen Recherchen soll das Schicksal der Menschen im Mittelpunkt stehen. Wie ihre Dörfer waren und wie es sich in ihnen lebte, bevor die Bagger kamen. Eine Spurensuche, die sie nicht auf Ostthüringen beschränkt.

Die spektakuläre Fahrt der 750 Tonnen schweren Emmauskirche von Heuersdorf nach Borna im Herbst 2007 zeigt, nicht nur atomares Wettrüsten muss der Grund sein, um ein Dorf dem Bergbau zu opfern. Annerose Kirchner fährt mehrfach nach Heuersdorf, spricht mit den letzten Bewohnern, fotografiert das Tagwerk der Abrissbirne. Was ist hier anders? Das Drama Heuersdorf vollzieht sich öffentlich. Auf dem Dorfanger stehen Skulpturen von David und Goliath. Seit 1989 kämpft das Dorf gegen den Braunkohletagebau. Das macht stolz, trotz Niederlage.

Das Verschwinden der Dörfer in der Ostthüringer Wismut-Region dagegen vollzieht sich im Stillen. Die SDAG Wismut ist in den 50er Jahren übermächtig und tabu. Nicht nur Fotografieren ist verboten. Sicher, Betroffene und Beteiligte wissen Bescheid. Und 1966 ist der Haldenrutsch in Gessen dann der Bezirkszeitung schon eine kleine Meldung auf Seite 1 wert. "Personen kamen nicht zu Schaden." Spärlich ist die Ausbeute Annerose Kirchners beim Durchforsten der Zeitungsarchive. Nichts bis wenig über das Verschwinden der Dörfer. Dafür stößt sie auf die Spur einer vergessenen Mordgeschichte, als sie im Staatsarchiv auf der Heidecksburg Daten und Schnittstellen sucht. Sie saugt alles auf, was sie an Zeitgeschichte und Zeitkolorit finden kann.

In erster Linie aber sucht sie Zeugen, Menschen, die Sorge, Katzendorf, Lichtenberg, Schmirchau, Gessen und Culmitzsch noch als lebendige Dörfer erlebten. Sie weiß, sie kann nur noch Frauen und Männer finden, für die der Auszug ein einschneidendes Erlebnis ihrer Jugend war. Die Erwachsenen, die die Umsiedlungspapiere unterschrieben, den Möbelwagen bestellten, leben nicht mehr. Und wer in den Dörfern zu Hause war, bevor Tagebaue, Schachtanlagen, Halden und Schlammteiche ihren Platz einnahmen, ist in alle Winde verstreut.

Der erste, der bereit ist, sich auf die Autorin einzulassen, die neugierig wie eine Feldmaus nicht ruht, bevor sie sich das letzte Korn geschnappt hat, ist Johannes Weiser. Ein Mann, selbst hoch engagiert, dass das Schicksal seiner Heimat nicht vergessen wird. Er hat zusammengetragen, was an Sorge erinnert, und es in der Kirche auf dem Hügel ausgestellt. Über Weiser lernt Annerose Kirchner die inzwischen verstorbene ehemalige Katzendorferin Annita Meyer und deren schweres Schicksal kennen. Die nächste Spur führt zu Erika Nettbohl und ihrem Sohn Günter nach Lichtenberg. Von Schmirchau erzählt ihr Dieter Sonntag. Die spannende Geschichte vom Gessener Haldenrutsch erfährt sie von Renate Baum. Und wie sie als letzte die Ruinenlandschaft von Culmitzsch verließ, erzählt die Steinmetzin Liselotte Luckner. Dass es mehr Frauen als Männer sind, deren Geschichten sie aufschreibt, ist noch eine Besonderheit dieser Arbeit. Doch trotz ihres gut funktionierenden Netzwerks findet Annerose Kirchner keinen, der ihr von Gauern erzählen kann.

Sie ist bereit, jeden Stein umzudrehen, als sie 2007 auf der Buchmesse offene Ohren findet, als sie dem Berliner Verleger Christoph Links von ihrer Arbeit erzählt. Es wird ein Buch geben. "Spurlos verschwunden" wählt sie als Titel, was für die Dörfer nicht mehr ganz zutrifft, wenn es am 12. März erscheint.

Annerose Kirchner: "Spurlos verschwunden. Dörfer in Thüringen - Opfer des Uranabbaus". Ch. Links Verlag. 208 S., 57 Abb., 14,90 Euro. Ab 12. März 2010 im Buchhandel.