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24.01.2009

Heikle Recherche: Bildband über Schloss Schwarzburg

von Anne Gallinat TLZ

"An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn ..." - Die Schwarzburg steht nicht an der Saale, sondern hoch auf einem Bergsporn über dem Schwarzatal. Auch sind ihre "stolzen und kühnen" Zeiten lange vorbei. Egal, von wo aus man sich der kleinen Stadt im Schwarzatal nähert: Schon von weitem sieht man die kahlen Wände des einstigen Haupthauses mit abblätterndem Putz und leeren Fensterhöhlen. Eine Ruine, die die Phantasie allenfalls zum Erfinden von Schauermärchen animiert.
Historiker um Jens Henkel haben sich nun der Kulturgeschichte des Schlosses mit handfesten wissenschaftlichen Forschungen angenommen. Und doch ist das entstandene Buch keine trockene Abhandlung. Die Autoren beweisen, dass Forschen auch "Abenteuer", auch "Schatzsuche" und Entdeckung ist. Bislang weist die Geschichtsschreibung der Schwarzburg viele Lücken auf.

Zuletzt als Witwensitz

Bekannt ist, dass sie ursprünglich Stammhaus der Grafen von Schwarzburg war und im Jahr 1123 erstmals in einer Quelle erwähnt wurde; später diente sie als Sommerresidenz, als Jagdschloss und zuletzt bis 1940 als Witwensitz von Anna Luise von Schwarzburg-Rudolstadt. Bekannt ist auch, dass Anna Luise von den Nationalsozialisten enteignet wurde, weil die Schwarzburg zu einem Reichsgästehaus umgebaut werden sollte. Schon während des Krieges wurde mit dem Abriss von Gebäuden begonnen, dem der heutige Anblick der Ruine zu verdanken ist. Dieser Tatsache und dem Verlust von Akten- und Inventarbeständen, der unter anderem auch durch die Brände von 1695 und 1726 verursacht worden sein könnten, ist zu schulden, dass es für die Forschung außerordentlich schwierig ist, die bestehenden Geschichtslücken zu schließen.

Die Historikergruppe - unter anderem Horst Fleischer, Katja Heitmann, Hans Herz, Jörg Hoffmann, Diana Turtenwald und Lutz Unbehaun - haben es sich zur Aufgabe gemacht, ungeklärten historischen Umständen auf die Spur zu kommen. Mit Hilfe von Untersuchungen an der noch vorhandenen Bausubstanz, Bestands-, Personal- und Inventarlisten, Bildern, Fourierbüchern, Bauakten, Rechnungen, Briefen und Tagebuchnotizen erhellen sie bislang unerforschte Kapitel der Bau- und Kulturgeschichte des Schlosses.

Gerade über die Zeit des Nationalsozialismus und die geplante Umnutzung der Schwarzburg als Reichsgästehaus ist bislang wenig geforscht worden. Es gibt einige Aufsätze in der Regionalliteratur und ein unveröffentlichtes Manuskript zu diesem Thema. Der Historiker Enrico Göllner hat sich in seinem Beitrag erstmals intensiv mit den Umständen der Zwangsräumung, der geplanten Gestaltung und den Umbaumaßnahmen auseinandergesetzt.

Die genutzten Unterlagen können den Laien mitunter kurios anmuten: wegen der eigenwilligen Orthographie, wegen sonderbarer Formulierungen. So ist zum Beispiel im Brandprotokoll von 1726 als Zeugenaussage zu lesen: "... und da er bei dem engen Gange zu dem Fürstl(ichen) Gemach zum Fenster hinaus gesehen, hätte das Feuer ... in voller Flamme zum Fenster hinaus gebrannt. Er hätte daher die Tür aufgerissen, da ihnen dann das Feuer ins Gesicht geschlagen und Bart und Augenbrauen verbrannt, darauf er hinunter zum Brunnen und einen Eimer so da gestanden, mit Wasser hinauf getragen ..."

Verblüffende Bilder

Und doch konnten anhand solcher Materialien die Existenz und Nutzung von Gebäuden und Räumlichkeiten belegt werden, die wiederum Rückschlüsse auf historische Hintergründe der schwarzburgischen Geschichte zulassen. Das fast 400 Seiten fassende Werk ist zugleich ein wundervolles Bilderbuch, in dem man blättern und schauen kann: Bilder von der Schwarzburg, die man so noch nicht gesehen hat, Grundrisse, Sprüche aus dem Gästebuch und mehr. Insgesamt ist der vorliegende Band ein Buch, das man gerne in seinem Regal stehen hat, und eines, das die Ruine der Schwarzburg noch einmal neu zum Leben erweckt.

i Jens Henkel (Hg.): Die Schwarzburg. Kulturgeschichte eines Schlosses. Thüringer Landesmuseum Heidecksburg, Rudolstadt, 392 S., 340 Abb., 48 Euro